8. Unter den geistigen Thätigkeiten, deren Producte Beifall oder Missfallen nach sich ziehen, ist die eine, das Wollen, von der Art, dass sie auf keine Weise, weder willkürlich noch unwillkürlich, unterlassen werden kann; denn auch das Nichtwollen des Wollens wäre ein Wollen. Zugleich hat dasselbe die auszeichnende Eigentümlichkeit, dass von dem Urtheil über dessen Beschaffenheit das Urtheil über den Werth oder Unwerth des Wollenden selbst abhängt und, da, wie oben bemerkt, der Einzelne niemals aufhören kann zu wollen, diesem Urtheil niemals entgangen werden kann. Während daher zu jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit ein besonderes ästhetisches Talent erforderlich ist, ist nicht nur die Fähigkeit, sondern die Nöthigung zu wollen Jedem ohne Unterschied eigen, und während, um der Kritik jeder andern ästhetisch producirenden Thätigkeit zu entgehen, der Producirende nichts weiter nöthig hat, als dieselbe zu unterlassen, so kann, wie oben bemerkt, auf die Bethätigung des Wollens niemals Verzicht geleistet werden. Aus beiden angeführten Gründen verdienen diejenigen ästhetischen Ideen, welche als Vorbilder für das Wollen dienen, aus dem Kreise der übrigen als ein besonders ausgezeichnetes Gebiet hervorgehoben und zum Unterschied von den übrigen, welche sodann im engeren Sinne des Wortes ästhetische heissen mögen, mit einem besonderen Namen bezeichnet zu werden. Als ein solcher empfiehlt sich, da von dem Urtheil über das Wollen jenes über den sittlichen Werth, das Ethos, des Wollenden abhängt, der Ausdruck ethische, oder, da das Wollen zunächst zum Handeln überführt, praktische Ideen.

9. Logische, ästhetische und ethische Ideen machen daher den Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern dieselbe Wissenschaft von Musterbegriffen (Ideenwissenschaft) ist. Metaphysische d. i. im philosophischen Sinne musterhafte Begriffe vom Wirklichen machen den Inhalt der Philosophie als Wissenschaft aus, insofern sie Wissenschaft von Wirklichem (Seinswissenschaft) ist. Diese, da sich der Inhalt ihrer Begriffe auf das Wirkliche bezieht, knüpft an die Erfahrung, durch welche zuerst vom Wirklichen ein Begriff gewonnen wird, an, indem sie die durch Erfahrung gegebenen Begriffe vom Wirklichen entweder behält wie sie gegeben sind, wenn sie vor dem Forum des wissenschaftlich d. i. logisch geschulten Denkens behaltbar, oder verwirft, wenn sie nach dem Urtheil des letzteren unhaltbar, oder umbildet, wenn sie zwar nach dem Urtheil der Logik verwerflich, aber vermöge des durch unabweisliche Erfahrung ausgeübten Zwanges unvermeidlich sind. Die logische Unhaltbarkeit der gegebenen Erfahrungsbegriffe verräth sich dadurch, dass in denselben Widersprüche bemerkbar werden, welche demnach ebensowenig, wie sie selbst, abgewehrt, um deren willen jedoch der mit denselben behaftete Inhalt der Erfahrung wissenschaftlich nicht als Wahrheit gelehrt werden kann! Die Umbildung der so gegebenen aber widersprechenden Erfahrungsbegriffe besteht darin, dass dieselben berichtigt d. h., da von dem erfahrungsmässig Gegebenen ohne Schädigung der Erfahrung nichts hinweggelassen werden kann, durch aus dem Denken geschöpfte Zusätze so lange und in der Weise ergänzt werden, bis und dass der Widerspruch verschwindet. Die so umgestalteten d. i. rational (widerspruchsfrei, denkbar) gemachten Erfahrungsbegriffe heissen von da an metaphysische (philosophische Seins- oder Wirklichkeits-) Begriffe.

10. Logische, ästhetische und ethische Ideen knüpfen nicht an das Gegebene an, sondern fordern im Gegentheil als Musterbegriffe, dass das Gegebene an sie anknüpfe. So wenig nach Kant aus dem Sollen ein Sein, so wenig kann aus dem Sein das Sollen „geklaubt” werden. Dieselben sind, wie das a priori Kant’s, zwar nicht vor, aber unabhängig von dem gegebenen Inhalte der Erfahrung, daher ihre Geltung nicht, wie die des letzteren, eine beschränkte (comparative) und nur mehr oder weniger wahrscheinliche (zufällige), sondern, wie die jenes a priori, allgemeine und nothwendige ist. Logik, Aesthetik und Ethik sind daher keine blos beschreibenden (descriptiven), wie die Erfahrungswissenschaft und in gewissem Sinne selbst die Metaphysik es ist, sondern vorschreibende (normative) Wissenschaften, daher sie auch wohl im Gegensatze zu jenen, welche theoretische heissen können, praktische Wissenschaften genannt zu werden pflegen.

11. Mit Rücksicht auf letztere Bezeichnung zerfällt Philosophie als Wissenschaft demnach in einen praktischen: die Ideen- (oder praktischen) Wissenschaften, und theoretischen: die Seinswissenschaft (Metaphysik) umfassenden Theil, zwischen welchen beiden Philosophie als Kunst, welche die Gestaltung des Wirklichen nach den Ideen oder die Hineinbildung der Ideen in das Wirkliche vollzieht, die verbindende Brücke bildet. Die Lösung dieser Aufgabe ist daher der philosophischen ebensowenig wie irgend einer anderen Kunst, da der Zweck der Kunst überhaupt in der Ideendarstellung im gegebenen Stoffe besteht, ohne Kenntniss der darzustellenden Ideen (Ideenwissenschaft) einer-, wie des gegebenen Stoffes (Seinswissenschaft) andererseits möglich. Erstere macht den Inhalt des ersten, die Wissenschaft vom Wirklichen den des zweiten, die Lehre von der die logischen, ästhetischen und ethischen Ideen im und am Wirklichen verwirklichenden (philosophischen) Kunst jenen des dritten Buches aus.

ERSTES BUCH.

DIE IDEEN.

ERSTES CAPITEL.

Die logischen Ideen.