»Die Boma war die stärkste, die ich je gesehen. Hinter 4 m hohen starken Palissaden waren mannshohe Erddeckungen aufgeworfen, die auch unseren Granaten widerstanden hatten. An den Ecken waren reguläre Bastionen erbaut, vor den Palissaden war ein freies Schußfeld von ca. 20 m, an das sich ringsherum die dichte, fast undurchdringliche Urwalddschungel schloß. Das Lager war bedeckt mit abgeschossenen Patronenhülsen, die bewiesen, daß der Feind hauptsächlich mit Hinterladern bewaffnet gewesen war. Der Feind hatte mit großer Bravour ausgehalten, jeder Baum in der Boma hatte eine große Anzahl von Schüssen aufzuweisen; die Shrapnels und Granatsplitter lagen überall im Lager umher. Leichen, die man nicht mehr hatte in den Wald schleppen können, zeigten Massen von Wunden.«

Und weiter:

»Der Kampf von Mlembule ist der erbittertste, den ich während der Zeit meines Wirkens hier geführt habe. Es erklärt sich dies aus folgenden Gründen. Bei der ersten kriegerischen Expedition, die ich durch Süd-Usegua gehen ließ, war die beschriebene Befestigung Mlembule nicht gefunden worden. Bana Heri hatte dagegen wahrscheinlich geglaubt, daß sie uns zu stark gewesen sei, um sie anzugreifen. Der Glaube an die Uneinnehmbarkeit hatte sich gesteigert durch den bereits gemeldeten abgeschlagenen Angriff meiner Truppen am 27. Dezember. Vor acht Jahren hatte Bana Heri die Truppen des Sultans Said Bargasch geschlagen. Bana Heri ist niemals besiegt worden. Er erkannte die Oberhoheit des Sultans von Sansibar an, soweit es ihm paßte, und erhielt jährlich Geschenke vom Sultan. Er hat sich nie Wali, sondern stets Sultan von Usegua genannt, und hatte, was besonders merkwürdig ist, während der Zeit des Aufstandes begonnen, eine Art religiöses Band um seine Anhänger zu schlingen. Aus diesen Gründen hat auch wohl Bana Heri meine mehrmals wiederholte Aufforderung, mit mir in Friedensverhandlungen zu treten, zurückgewiesen. Daß er Sadani nicht halten konnte, begründete er durch das große Übergewicht unserer Kriegsschiffe, wie überhaupt an der ganzen Küste die Ansicht herrschte, daß wir wohl unter den Geschützen der Marine oder mit weißen Soldaten ihnen überlegen seien, aber nicht im Lande, bis ich durch die Reise nach Mpapua und mehrere Gefechte im Innern ihnen diese Hoffnung nahm. Jetzt ist der Glaube an die Unbesiegbarkeit Bana Heris gründlich zerstört. Man hielt überall Mlembule für uneinnehmbar und kannte die große und besonders wohl bewaffnete Macht Bana Heris. Ein Zeichen dafür, wie ergeben die Südusegua ihrem Fürsten waren oder wie sehr sie ihn bisher fürchteten, ist der Umstand, daß es solange Zeit gelang, uns über den Verbleib und die Maßnahmen Bana Heris zu täuschen. Wir erfuhren stets, er treibe sich flüchtig im Lande umher, während er mit großem Fleiß und Geschick seine Befestigungen verstärkte. Außer der Besetzung von Sadani lasse ich die Schlupfwinkel für Dhaus an der Küste durch stationierte Fahrzeuge beobachten. Die Munition wird Bana Heri ziemlich ausgegangen sein.«

In den ersten Tagen nach der Erstürmung der Boma zu Mlembule ließ Wißmann den größten Teil des Expeditionskorps noch in Sadani versammelt, um, wie er es überall bei der Anlage von Stationen gethan, ihn zu den Befestigungsarbeiten heranzuziehen. Das war hier um so notwendiger, als der seit einiger Zeit gänzlich eingeäscherte Ort und die Umgegend im Umkreise von mehreren Meilen vollkommen von Menschen verlassen war, und der Platz nur von den Europäern und Truppen der Station wie einigen wenigen farbigen Handwerkern, die wir von andern Plätzen her engagiert hatten, bewohnt wurde. Ich erhielt den Befehl über die Station Sadani und wurde zugleich Chef des neu begründeten Distrikts der Stationsbereiche von Sadani und Mkwadja. Derselbe wurde im Süden durch den Wami begrenzt, wo der Distrikt Bagamoyo begann. Da Sadani nur als kleine Station geplant war, wurde die Umfassung ziemlich klein erbaut, und der Raum innerhalb derselben nach Möglichkeit für die Unterbringung der Europäer und der nötigen Gebäude ausgenutzt. In zwei Monaten gelang es mir, die Bauten im großen und ganzen fertig zu stellen.

Während Wißmanns Abwesenheit von Bagamoyo hatte der Kommandant des »Sperber«, Kapitän Voß, — der überhaupt in der ganzen Zeit seiner Anwesenheit den Reichskommissar und uns alle aufs liebenswürdigste unterstützt und das regste Interesse für unsere Kolonien bewiesen hat — selbst mit seinem Landungscorps die Station besetzt gehalten und es so Wißmann ermöglicht, mit allen seinen Truppen bei Mlembule einzugreifen. Vor Mkwadja, der Station des Herrn von Perbandt, die unter Umständen ebenfalls einem Angriff Bana Heris ausgesetzt sein konnte, lag die »Schwalbe«, unter dem ebenfalls in den ostafrikanischen Küstenkämpfen vielgenannten und verdienten Korvettenkapitän Hirschberg. Sperber und Schwalbe wechselten sich bei der vom Reichskommissar erbetenen Blockierung der Küste in der nächsten Zeit ab, und sind uns auch sonst vielfach von Nutzen gewesen. So hatten wir zum Beispiel Gelegenheit kameradschaftlichen Verkehr zu pflegen, und in Krankheitsfällen ward uns von Bord aus öfters ärztliche Hilfe zu Teil, da wir in unserm Distrikt Sadani keinen Arzt hatten. —

Um über die weiteren Bewegungen Bana Heris zur Klarheit zu gelangen, und den Sieg bei Mlembule auszunutzen, wurde Herr von Gravenreuth mit 120 Mann und einer Verstärkung durch irreguläre Truppen zur Rekognoszierung von Bagamoyo aus abgeschickt. Von meiner Stationsbesatzung hatte ich ihm 50 Mann abgegeben, sodaß mir nur noch 80 Mann übrig blieben. Ich erhielt den Auftrag, soweit ich vermochte, die Verbindung mit Herrn v. Gravenreuth aufrecht zu erhalten, und ihn von Sadani aus, wenn er es wünschte, zu unterstützen. Durch Patrouillen hatte ich festgestellt, daß Bana Heri in einem 5 Stunden von Sadani entfernten Dorfe, namens Palamakaa, seine Leute gesammelt hatte. Gravenreuth marschierte zunächst nach der Missionsstation Mandera und teilte mir von hier aus durch Boten seine Absicht mit, am 29. Januar die Rebellen in Palamakaa anzugreifen. Ich machte mich daher schleunigst mit 30 Mann und 3 Europäern, dem Lieutenant v. Arnim, Herrn von Nettelblatt, der als freiwilliger Krankenpfleger auf meiner Station war, und dem Feldwebel Kay, dorthin auf den Weg, um zu rekognoszieren. Als Führer dienten wieder unterwegs aufgegriffene Eingeborene. Ich kam, wie beabsichtigt, am 29. früh dort an, dem Tage, an dem Gravenreuth, seinem Schreiben gemäß, ursprünglich angreifen wollte. Da ich jedoch nirgends etwas von ihm gewahrte, blieb mir nichts übrig, als nach einigem Aufenthalte nach Sadani zurückzukehren. Hier fand ich die Schwalbe vor, und war so in der Lage, ohne zu große Sorge um die Sicherheit meiner Station, im ganzen 40 Mann aus der Besatzung herauszuziehen, mit denen ich mich alsbald wieder auf den Weg machte, in der Annahme, daß Gravenreuth sich vielleicht durch unvorhergesehene Hindernisse verspätet habe und doch noch nach Palamakaa kommen werde. Als ich auf einem andern Wege auf der Höhe von Palamakaa anlangte, wurden wir aus den Büschen heraus von einem größeren auf uns einstürmenden Trupp angegriffen, schlugen denselben jedoch durch gutgezielte Salven zurück. Von Herrn von Gravenreuth war wieder nichts zu sehen und zu hören. In Sadani empfing ich von ihm einen Brief aus Mandera, vom 28. vormittags, er habe von Mandera aus auf dem Wege nach Palamakaa einige kleinere zu Bana Heri haltende Ortschaften genommen, sei bereits am 28., nicht wie er ursprünglich wollte, am 29. auf den Höhen von Palamakaa angekommen, und dort heftig von den Rebellen, die er auf 1200-1400 Mann schätze, angegriffen worden. Dabei sei Sergeant Bauer schwer verwundet worden. Durch die Stärke der gegnerischen Stellung, besonders aber durch die numerische Überlegenheit der Feinde, sowie den Umstand, daß die Zulus abermals versagten, sei er zum Rückzuge auf Mandera genötigt worden, der ihm, als sein erstes Zurückweichen, freilich bitter genug angekommen sei. Er müsse unter diesen Umständen auch ein gemeinsames Vorgehen gegen Bana Heri für zwecklos erachten, und wolle nach Bagamoyo eilen, um von dort aus Wißmann zu berichten. Es müsse wieder mit allen verfügbaren Truppen eingegriffen werden. Lieutenant Langheld war von Herrn von Gravenreuth zu Mandera in der Missionsstation zum Schutze derselben mit einer kleinen Besatzung zurückgelassen worden.

Einige Zeit vorher hatte der Reichskommissar das Expeditionskorps unter dem Kommando des Chefs Dr. Schmidt von Pangani aus zu Simbodja abmarschieren lassen, der ja, wie früher erwähnt, eine friedliche Einigung mit uns wünschte. In Begleitung von Dr. Schmidt befand sich der Kilimandscharo-Reisende Ehlers, welcher mit Geschenken Sr. Majestät des Kaisers zum Sultan Mandara wollte und Herr von Eltz, welcher im Auftrage Wißmanns den kleinen Posten am Kilimandscharo befehligen sollte.

Dr. Schmidt hatte zunächst in Lewa, der bekannten Tabaksplantage, eine Besatzung von 10 Mann unter Lieutenant von Behr zurückgelassen zum Schutze der Angestellten der Plantagengesellschaft, welche ihre Arbeiten wieder aufnehmen wollte. Von hier aus zog Schmidt weiter nach Masinde, dem Hauptsitze Simbodjas, wo er am 6. Februar eintraf.

Die Verhandlungen führten dazu, daß Simbodja sich vollkommen unterwarf, 1000 Rupies in Geld und circa 2800 Rupies in Elfenbein als Strafe für die Gefangennahme des Dr. Meyer und Dr. Baumann zahlte, die in seinen Händen befindlichen Hinterlader zurückgab und sich zum Gehorsam und zur Heeresfolge gegen uns verpflichtete. Andererseits wurde ihm die verantwortliche Beaufsichtigung des nördlichen Teils von Usambara übertragen gegen ein Gehalt von 100 Rupies oder etwa 150 Mark monatlich. Die deutsche Flagge, welche Simbodja von nun an zu führen hatte, wurde in Masinde gehißt.

Darauf ging Dr. Schmidt auf der großen Karawanenstraße weiter bis Gonja. Von hier aus zog dann Herr Otto Ehlers sowie Herr von Eltz auf dem von nun an sicheren Wege zum Sultan Mandara weiter. Von Gonja bog Dr. Schmidt nach dem Umba ab und kehrte von dort nach der Küste zurück. Er wurde hier bereits sehnlichst erwartet, da seine Truppen in der Aktion gegen Palamakaa mit verwandt werden sollten.