Nur der Feldmesser und seine Familie hatten für diese großen Ereignisse keine Acht. Der Herr vom Hause befand sich auf den Feldern und maß seine Winkel, die Mutter befaßte sich mit den Haushaltssorgen, während die älteste Tochter, seitwärts von mir in dem Zimmer, an den Blättern ihres Vaters arbeitete. Inmitten ihres thätigen, bedrängten Lebens gab es wenig Zeit auf die Angelegenheiten der Straße zu passen oder auf den Verkehr der Nachbarn.


Indessen schritt meine Arbeit vorwärts. Mit der Morgendämmerung stand ich auf und stieg in meine Werkstatt, um daselbst mit Eifer bis zur Tagesneige zu arbeiten. Diesen anhaltenden Beschäftigungen verdanke ich's, daß ich auch in etwas die Bekanntschaft des Feldmessers machte. Auch er verließ mit der Morgenröthe nebst seiner Tochter seine Wohnung; wir stiegen zusammen die Treppe hinauf, und während er in sein Arbeitszimmer trat, um dem jungen Mädchen Arbeiten für den Tag anzuweisen, ging ich meinerseits in meine Werkstatt, um mich einzurichten. Die Nachbarschaft und diese Gleichförmigkeit der Gewohnheiten brachten uns allmälig etwas näher, so daß, trotz des Werthes, den der Mann auf die Benutzung seiner Zeit legte, es bereits dahin gekommen war, daß er eine oder zwei Minuten zum Plaudern auf der Thürschwelle verwendete, wenn der Gegenstand, den wir beim Hinaufsteigen besprochen hatten, durchaus noch ein Paar kurze Worte mehr heischte. Während wir hinaufstiegen, ging seine Tochter, mit dem Schlüssel des Arbeitszimmers in der Hand, vor uns her. Sie war von anziehendem Wuchs und einem mehr edeln als hübschen Gesichte. Immer in bloßem Kopfe und äußerst einfach angezogen, waren ihre schönen an der Stirne anliegenden Haare bei ihrer Jugend und Frische ihr schönster Schmuck.

Der Einfluß einer strengen Erziehung gibt sich bei denen, welche so glücklich waren, eine solche zu genießen, in jedem Alter kund. Obgleich unterwürfig und schüchtern, trug das junge Mädchen doch auf ihrer Stirn den Ausdruck jenes etwas rauhen Stolzes, welcher sich weit kräftiger in dem Gesichte ihres Vaters aussprach. Unbekannt mit den Sitten der Welt, hatte sie ihre eigenen, edeln, zurückhaltenden, so, daß sie, einfach, wie ihr Stand, durchaus nicht den gemeinen, gewöhnlichen Ausdruck zeigte.

Aber es war doch eine höchst eigenthümliche und anziehende Sache, dieses junge Mädchen in dem Alter der Lust so fleißig zu sehen, ohne Rast und fast ohne Erholung sich Arbeiten widmend, die gewöhnlich ihrem Geschlechte fremd sind, und so jung wie sie war, gemeinschaftlich mit dem Vater für den Unterhalt der Familie sorgend.


Ich verfehlte nicht, mich Morgens regelmäßig einzustellen, damit ich nicht nöthig hätte, allein in meine Werkstatt steigen zu müssen. Nur geschah es einige Mal, daß der Feldmesser Tags zuvor die Arbeit angewiesen hatte und Henriette allein hinaufstieg. Das waren unglückliche Tage für mich; denn ich fürchtete, daß ich ihr dieselbe Verlegenheit bereiten möchte, die ich selber bereits empfand, und ich wußte nichts Besseres zu thun, als meinen Schritt zu beflügeln, wenn ich mich vor ihr befand, oder langsamer zu gehen, wenn ich sie vor mir hinaufsteigen hörte.

Saß ich einmal in meiner Werkstatt, so gewährte mir die Anwesenheit meiner unsichtbaren Genossin einen seltsamen Reiz. Ich fand eine angenehme Zerstreuung in dem geringsten Geräusche, das mir ihren Schritt, ihr Verhalten oder ihre verschiedenen Bewegungen vergegenwärtigte. Und wenn dann die Mittagsstunde sie hinabrief, so empfand ich eine Einsamkeit und Langeweile, so daß ich mich nach und nach daran gewöhnte, mich zu derselben Stunde, wie sie, zu entfernen.

Inmitten meiner neuen Zerstreuungen fiel mir oft ein Umstand ein. Die ersten Tage vor meinem regelmäßigen Morgeneintreffen hatte sie zuweilen während der langen Arbeitsstunden ein Liedlein gesungen, dann aber hatte der Gesang plötzlich aufgehört, und just eben, als ich begann, demselben mit größerm Vergnügen zu lauschen. War es Zufall? Geschah es meinetwegen? War ich ihr schon genugsam aufgefallen, daß sie sich diesen Zwang anlegte? Bedeutete dieses Schweigen, daß sie sich mit mir beschäftigte, wie ich mich mit ihr?