Verzeihen Sie, mein Herr, es scheint mir, wie dem Fräulein, daß eine Trennung für beide Theile zu betrübend ist, als daß es nicht besser wäre, den Blick davon abzuwenden.

Das ist's ja eben, was ich Schwäche nenne, und davon wollte ich meine Tochter heilen. Ich entschuldige diese Schwäche, wenn es sich um Schläge handelt, welche erlaubte Hoffnungen vernichten, die Jugend in ihrer Blüthe treffen und ihr die schönen Jahre, die sie zu erreichen glaubte, entreißen. Aber wenn der Tod uns am vorausgesehenen Ziele unsers Lebens erreicht.... wenn er dem Schlafe gleicht, der den Mühen eines arbeitsvollen Tages folgt.... wenn ein Vater bis zum letzten Augenblicke in der Liebe einer theuern Tochter glücklich war und nichts mehr begehrt, als in ihren Armen zu entschlummern.... ist denn dies Bild so traurig, daß man die Augen abwenden muß, daß man solche Kraft bedarf, um den Anblick zu ertragen?.... Lucy, warum diese Thränen? komm, komm, mein Kind, sei wie ich.... und unsere Tage werden heiter sein und wir ihrer Lust bis zum letzten Augenblicke uns erfreuen... und jenes Unglück, das lange nicht so groß erscheint, wenn man ihm in's Angesicht schauen kann, wird nicht durch alles das vergrößert werden, was die Einbildung, blinde Furcht, vergebliches Widerstreben Unseliges und Schreckliches hinzuthun.... Verzeihung, mein Herr, setzte er hinzu, das ist mein ewiger Streit mit meiner Lucy und wenn das Portrait mich nicht auf diese Gedanken gebracht hätte, so würde ich mir die Freiheit nicht genommen haben, die Feindseligkeiten hier zu erneuern.

Voll Entzücken hörte ich diese Worte, die mich von den gesammten Verhältnissen unterrichteten und mir das Mädchen mit einem Zuge von Schwermuth und kindlicher Liebe verschönten. Wie, dachte ich, diese stolzen Rosse, diese stattlichen Diener, solch' prächtige Carosse, all' dieser Reichthum, all' diese Gegenstände der Lust oder Eitelkeit – und die Königin von all' den Dingen, die Augen voll Thränen und bekümmert, daß sie sich nicht für immer ihrem alten Vater weihen kann!


Denselben Tag noch kam das Bildnis in die Galerie. Es war ein einfacher Entwurf, in dem ich ohne Mühe den edeln Greis erkannte. Er nahm die linke Seite des Gemäldes ein; zur Rechten war ein großer Raum leer gelassen, der, meiner Meinung nach, einen schlechten Eindruck hervorbrachte.

Als aber bei der zweiten Sitzung das Gemälde aus der Galerie zurückgeholt wurde, obgleich diesmal die junge Miß allein gekommen war, wurde ich in dem Glauben bestärkt, daß der leere Raum für sie bestimmt sei und ich endlich ihre Züge würde betrachten können.

Sie haben mir versprochen, mein Fräulein, sagte der Maler, mir seine Zeichnung des Theils Ihres Parks mitzubringen, in welchen Ihr Herr Vater sich versetzt zu sehen wünscht.

Ich habe daran gedacht, mein Herr, versetzte sie; die Zeichnung ist im Wagen. Sie trat an's Fenster: John, bring me my album if you please.... Aber da sehe ich, daß John nicht mehr da ist, fügte sie lächelnd hinzu.

In der That, ihre Leute hatten einen armen Teufel bei den Pferden gelassen und sich in irgend ein benachbartes Kaffeehaus begeben. Ich werde hinabeilen, sagte der Maler.... Allein ich war ihm schon zuvorgekommen und stieg bereits die Treppe wieder hinauf, wobei ich meine Lippen auf das Album der jungen Miß drückte. Ich hoffte bis an die Thür des Arbeitszimmers zu dringen und dort ihr Angesicht zu erspähen; allein unterwegs begegnete mir der Maler. Schönen Dank! Sie sind wahrlich der wackerste Knabe, den ich gesehen. Und er nahm mir das Buch aus der Hand.