Obgleich mein Oheim über die Steinbildnerei schrieb und die Werke des Phidias sammt den drei Manieren Raphael's auswendig wußte, so verstand sich mein guter Oheim doch blutwenig auf Zeichnen- und Malerkunst. Er rühmte die schönen Zeiten der Renaissance[3], allein seine Liebhaberei richtete sich auf die Medaillons von Le Prince und die Hirtengemälde von Boucher, womit er seine Bibliothek geschmückt hatte.

[3]: Das Zeitalter aufblühender Kunst von 1453, der Einnahme Konstantinopels, bis 1610, Beginn der Regierung Ludwig's XIII., dessen Ausbildungspunkt unter Franz I. von Frankreich fällt.

Jedoch hing neben dem Bette in wurmstichigem Rahmen noch ein Bild, welches wir, mein Oheim und ich, vor allen anderen liebten, obgleich aus verschiedenen Beweggründen: er, weil dies Gemälde, das aus der Zeit vor Raphael herstammte, viel Licht auf die Erfindung der Oelmalerei warf; ich, weil es mir vor allen die geheimnißvolle Macht des Schönen offenbarte.

Es war eine Madonna mit dem Jesuskindlein auf dem Arme. Ein goldener Heiligenschein umzog die keusche Stirn der Marie, ihr Haar fiel auf die Schultern herab und ein blaues Gewand mit weiten Aermeln ließ in ihrer Haltung unschuldsvolle Anmuth und die zärtliche Besorgtheit einer jungen Mutter erblicken. Auf mich übte dies Gemälde, das ohne alle kunstreiche Erfindung war und den ausgeprägten Charakter eines Jahrhunderts des Glaubens, der Jugend und aufblühender Kunst trug, einen unwiderstehlichen Reiz. Die junge Madonna besaß meine Bewunderung, meine Liebe, meine Verehrung, und wenn ich hinauf zu meinem Oheim ging, so haftete mein erster und letzter Blick auf ihr.

Meinem Oheim aber schien das Alles mit dem Rechtsstudium gar nicht zusammenzupassen, er nahm das Gemälde herab und ließ es verschwinden.


Das Recht ging jedoch darum nicht besser; ich fand keinen Geschmack daran und als ich meine Jüdin verloren hatte, ließ ich von jeglicher Arbeit ab. Keinen Ehrgeiz fühlte ich mehr, keinen Hang zu irgend etwas, keine Zeichnungen, keine Bücher, ein einziges ausgenommen, das fast nimmer aus meinen Händen kam. Wochen, Monate verflossen so und mein armer Oheim bekümmerte sich sehr, allein er machte mir nicht den geringsten Vorwurf.

Eines Tages war ich zu ihm gegangen und setzte mich wie gewöhnlich neben seinen Schreibtisch. Er saß über seinen Büchern und beschäftigte sich, eine Belegstelle abzuschreiben. Ich bemerkte das Zittern seiner Hand, welches heute auffällig stark war; die schwankenden Buchstaben verriethen eine ungewöhnliche Unsicherheit. Diese zunehmenden Anzeichen des unmerklich sich steigernden Alters erweckten in mir eine Traurigkeit, welche meinem Gemüthe eigenthümlich zu werden begann und in Ermangelung andern Gegenstandes sich auf diese Wahrnehmungen richtete.