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Gegen elf Uhr kam der Graf Coulanges, sich nach ihm zu erkundigen. Er hatte Moreau und Gillot unten gefunden, sie bewachten die Tür. Getreu ihrem Versprechen, wollten sie Clerambault begleiten, aber sie waren eine Stunde früher gekommen, als es eigentlich notwendig war, und wagten nicht hinaufzugehen. Clerambault ließ sie heraufrufen und verspottete sie wegen ihres übermäßigen Eifers. Sie gaben zu, daß sie aus Mißtrauen gegen ihn gefürchtet hatten, er würde, ohne auf sie zu warten, aus dem Hause entwischen, und Clerambault mußte zugeben, eine ähnliche Absicht gehabt zu haben.
Die letzten Nachrichten von der Front waren gut. Seit kurzer Zeit schien die deutsche Offensive ins Stocken geraten. Seltsame Zeichen der Ermattung wurden sichtbar und Gerüchte, die nicht unbegründet schienen, deuteten auf einen geheimen Desorganisationsprozeß in dieser gewaltigen Masse. Sie hatte, sagte man, die Grenzen ihrer Kraft erreicht und überschritten: der Riese wurde matt. Man sprach von einer Ansteckung durch den revolutionären Geist, den die deutschen Truppen von der Ostfront aus Rußland zurückgebracht hatten.
Mit der Beweglichkeit, die für den französischen Geist so charakteristisch ist, verkündeten mit einem Male die Pessimisten von gestern den nahen Sieg. Moreau und Gillot sahen in kurzer Zeit ein Abflauen der Leidenschaft, die Rückkehr zur Vernunft, die Versöhnung der Völker und den Triumph der Ideen Clerambaults voraus. Clerambault warnte sie, sich allzufrüh den Illusionen hinzugeben, und es bereitete ihm Spaß, ihnen zu beschreiben, was geschehen würde, sobald der Frieden unterschrieben sei (denn das mußte doch, wann immer auch, einmal geschehen).
„Mir ist“, sagte er, „als könnte ich, wie der hinkende Teufel nachts über die Stadt schwebend, den ersten Abend nach dem Waffenstillstand sehen. Und ich sehe in den Häusern, deren Vorhänge vor dem Jubelschrei der Straße herabgelassen sind, unendlich viel Herzen in Trauer, Herzen, die sich krampfhaft während all dieser Jahre mit dem Gedanken eines Sieges aufrechtgehalten haben, der ihrem Unglück einen Sinn oder den falschen Schein eines Sinnes gibt. Nun können sie endlich sich entspannen oder zerbrechen, schlafen oder endlich sterben. Die Politiker denken natürlich daran, wie sie auf das schnellste und ausgiebigste die gewonnene Partie ausnützen können oder, wenn sie sich verrechnet haben, an einen neuen Aufschwung auf dem Trapez. Die Fachleute des Krieges werden trachten, den Spaß solange als möglich fortdauern oder, wenn ihnen dies nicht gelingt, den Tanz so bald als möglich wieder beginnen zu lassen. Die Vorkriegspazifisten werden eilig aus ihren Winkeln und Löchern hervorkriechen und sich in rührenden Demonstrationen ergehen. Die alten Bonzen, die durch fünf Jahre die Trommel zum Vormarsch rührten, werden, Palmenzweige in den Händen, lächelnd und das Herz auf den Lippen, auftauchen und von Liebe reden. Und die Kämpfer selbst, die im Schützengraben geschworen haben, niemals zu vergessen, auch sie werden sich bereitwillig mit allen Erklärungen, Glückwünschen und Händedrücken, die man ihnen verabreicht, abfinden. Es ist ja auch zu viel verlangt, nicht zu vergessen. Fünf Jahre aufreibender Strapazen bereiten den Menschen gut zur Nachgiebigkeit vor, durch die Erschöpfung, durch das ewige Einerlei, durch den Wunsch nach einem Ende. Die rauschenden Klänge des Sieges werden die Schmerzensrufe der Besiegten ersticken. Und die meisten Menschen werden an nichts anderes denken, als wieder die alten, schläfrigen Gewohnheiten von vor dem Krieg aufzunehmen. Zuerst wird man auf den Gräbern tanzen, dann wird man wieder schlafen. Vom Krieg bleibt nichts als eine Prahlerei am Biertisch. Und wer weiß, vielleicht wird ihnen dies Sichnichterinnern so gut glücken, daß sie bald wieder dem Tanzmeister, dem Sensenmann, helfen werden, aufs neue anzufangen. Selbstverständlich nicht sofort, aber etwas später, wenn man gut ausgeschlafen hat.... So wird überall der Friede sein — solange, bis überall der neue Krieg da ist, denn Krieg und Friede, meine Freunde, sind im letzten Sinne, wie sie meist verstanden werden, nur zwei verschiedene Etiketten für dieselbe Flasche. Es ist ganz so, wie der König Bomba von seinen tapferen Soldaten sagt: „Zieht sie rot oder zieht sie grün an, sie werden doch Fersengeld geben.“ Ihr könnt es Frieden oder Krieg nennen, aber es gibt weder Frieden noch Krieg, es gibt nur die allgemeine Knechtschaft, die Bewegung der wie in Ebbe und Flut hingerissenen Massen und es wird solange so bleiben, bis sich starke Seelen über den menschlichen Ozean erheben und den scheinbar sinnlosen Kampf gegen das Schicksal beginnen, das diese schweren Massen in Bewegung setzt.“
„Gegen die Natur kämpfen?“ fragte Coulanges. „Denken Sie daran, ihre Gesetze vergewaltigen zu wollen?“
„Es gibt“, antwortete Clerambault, „kein einziges unabänderliches Gesetz. Gesetze leben, verwandeln sich und sterben wie alle irdischen Wesen, und es ist Pflicht des Geistes, nicht, wie die Stoiker es wollen, sie einfach hinzunehmen, sondern sie zu verändern, sie auf unser Maß zuzuschneiden. Die Gesetze sind die Form der Seele. Entfaltet sich die Seele, so müssen sie mit ihr wachsen. Ein gerechtes Gesetz ist nur jenes, das auf mich paßt.... Bin ich im Unrecht, wenn ich fordere, daß der Schuh sich dem Fuße anpasse und nicht der Fuß dem Schuh?“
„Ich sage nicht, daß Sie im Unrecht sind“, erwiderte der Graf. „Den Versuch, die Natur zu vergewaltigen, machen wir ja auch in der Züchtung. Wir verändern nicht nur die Form, sondern auch den Instinkt der Tiere, warum sollte das nicht auch beim Menschen gelingen.... Nein, ich widerspreche Ihnen nicht, im Gegenteil, ich bin der Meinung, daß es das Ziel und die Pflicht jedes Menschen, der dieses Namens würdig ist, sein muß, so, wie Sie sagen, die menschliche Natur gewaltsam weiter fortzubringen. Das ist die Quelle des wahren Fortschrittes, und es ist ein wirklicher Wert darin, auch wenn man das Unmögliche will. Freilich, das soll nicht sagen, daß wir mit dem, was wir versuchen, auch Erfolg haben werden.“
„Nein, wir werden keinen Erfolg haben, weder für uns noch für die Unseren. Es ist möglich, es ist sogar wahrscheinlich, daß unsere unglückliche Nation, vielleicht unser ganzes Abendland, sich auf einem absteigenden Ast befindet, und ich fürchte, daß der Absturz bald erfolgen wird, infolge ihrer Laster und Tugenden, von denen diese wie jene mörderisch sind durch ihren Stolz und ihren Haß, ihre provinzlerische Eifersucht, durch die endlose Schraube der Revanchen, durch beharrliche Verblendung, durch die erdrückende Treue zur Vergangenheit und jene verjährte Auffassung von Ehre und Pflicht, die sie die Zukunft für Gräber hinopfern läßt. Ich fürchte nur allzusehr, daß auch die letzte Mahnung dieses Krieges ihren lärmenden und zugleich trägen Heroismus in nichts belehrt hat.... In früheren Zeiten hätte dieser Gedanke mich niedergedrückt. Jetzt aber fühle ich mich wie von meinem eigenen Leib von allem Todgeweihten losgelöst, ich bin ihm nicht mehr anders als durch das Mitleid verbunden. Aber dafür ist mein Geist brüderlich mit allem, das — auf welchem Punkte der Erde auch immer — das neue Licht empfängt. Kennt ihr die schönen Worte des Sehers von Saint-Jean d’Acre: ‚Die Sonne der Wahrheit ist wie das Himmelsgestirn, mit vielen Orten des Aufstieges. An einem Tage erhebt es sich im Zeichen des Krebses, ein andermal im Zeichen der Waage, aber die Sonne ist eine und eine einzige Sonne. Einmal ging der Strahl der Sonne der Wahrheit vom Wendekreis Abrahams auf und ging unter im Zeichen Moses und entflammte den Horizont. Dann erhob sie sich wieder im Zeichen Christi, glühend und Glanz verbreitend. Diejenigen, die Abraham dienten, wurden blind am Tage, da das Licht über dem Sinai glänzte. Aber meine Augen werden stets — von welchem Punkt immer sie sich erhebt — der aufgehenden Sonne entgegengerichtet sein. Und ginge die Sonne im Westen auf, es wäre doch die Sonne.‘ “
„Und heute kommt uns von Norden das Licht“, sagte lächelnd Moreau.