„Wie hast du das gesagt, Agénor? Geh, wiederhole noch einmal diesen Satz... Ach, wie das hübsch ist.“

Ihre Tochter, die kleine Rosine, schob die Augenbrauen zusammen, Maxime, der große Bursche, zog eine spöttische Grimasse und sagte gereizt:

„Mama, unterbrich doch nicht immer.“

Aber Clerambault lächelte und tätschelte zärtlich die Hand seiner guten Frau. Er hatte sie aus Liebe geheiratet, als er sehr jung, arm und unbekannt war, sie hatten gemeinsam all die bitteren ersten Jahre durchgelebt. Sie stand nicht ganz auf seinem geistigen Niveau, und dieser Unterschied milderte sich mit den Jahren durchaus nicht, aber Clerambault liebte und respektierte seine alte Gefährtin. Sie gab sich mit wenig Erfolg viele Mühe, mit ihrem großen Mann, der ihr Stolz war, gleichen Schritt zu halten; er wiederum hatte für sie eine besondere Nachsicht. Der kritische Geist war nicht seine Stärke, und er befand sich gerade dadurch, trotz zahlreicher Irrtümer in seinen Ansichten, im Leben sehr wohl; denn da er sich immer zugunsten der andern irrte, die er im schönsten Licht sah, wußten ihm seine Mitmenschen, allerdings mit einiger Ironie, reichen Dank dafür. Er störte sie nicht in ihrer wilden Jagd nach Erfolg, und seine provinzlerische Reinheit war für die Blasierten ein so erfrischendes Schauspiel wie der Anblick eines Stückes Grün inmitten eines Pariser Häusergeviertes.

Maxime machte sich ein wenig über diese Schwäche seines Vaters lustig, ohne deshalb seinen Wert zu verkennen. Dieser hübsche Bursche von neunzehn Jahren hatte mit seinen hellen und lachenden Augen im Pariser Milieu rasch die Fähigkeit der geschwinden, klaren und spöttischen Beobachtung angenommen, die sich mehr auf die äußeren Nuancen der Dinge und Menschen richtet, als auf die Ideen: ihm entging nirgendwo das Komische, selbst nicht bei jenen, die er liebte. Aber das geschah ganz ohne Böswilligkeit, und Clerambault war der erste, seiner jungen Frechheit zuzulächeln. In Wirklichkeit verminderte sie in nichts die Verehrung Maximes für seinen Vater, sie war nur gewissermaßen ihre Würze: die jungen Burschen müssen ja auch, um den lieben Gott gern haben zu können, ihn manchmal am Bart ziehen dürfen!

Rosine blieb still, wie es ihre Art war, und es wäre schwer gewesen, ihre Gedanken zu erraten. Sie hörte mit vorgeneigtem Körper, gekreuzten Händen und aufgestützten Armen zu. Es gibt Naturen, die zum Empfangen geschaffen scheinen wie die schweigende Erde, die sich jedem Korn eröffnet: viele, die sich darin versenken, bleiben schlafend, und man vermag nicht zu unterscheiden, welche Frucht tragen werden. So war die Seele dieses jungen Mädchens. Die Worte des Vorlesenden spiegelten sich nicht so sichtlich in ihr, wie in den klugen und beweglichen Gesichtszügen Maximes, aber ein leichtes Rot auf ihren Wangen und der feuchte Glanz der von den Wimpern überschatteten Augen bezeugten eine innere Glut und Verwirrung wie auf jenen Bildern der florentinischen Jungfrauen, die das magische Ave des Erzengels erweckt.

Clerambault verkannte sie nicht. Wenn sein Blick den kleinen Kreis der Seinen umwanderte, blieb er mit besonderer Freude auf dem blonden geneigten Haupte ruhen, das dieser zärtlichen Betrachtung wohl bewußt war.

So bildeten die vier an diesem Juliabend einen reinen Ring von Zärtlichkeit und Glück, dessen Mittelpunkt der Vater war, das Idol der Familie.

§

Er wußte, wer er war, und seltsamerweise machte dieses Wissen um sich ihn nicht antipathisch. Er hatte so viel Freude daran, zu lieben, hatte so viel Zärtlichkeit für alle in Nähe und Ferne ständig bereit, daß er es nur natürlich fand, wenn man ihm diese Liebe zurückgab. Eigentlich war er ein großes Kind. Seit kurzem zur Berühmtheit gelangt, nach einem Leben von keineswegs goldener Mittelmäßigkeit, hatte er an jener vergangenen Zeit zwar nicht gelitten, aber die neue, die hellere, tat ihm wohl, und er genoß sie. Daß er das fünfzigste Jahr überschritten hatte, sah man ihm kaum an. Zwar glänzten schon einige weiße Haare in seinem dicken, blonden, gallischen Schnurrbart, aber sein Herz war jung geblieben mit seinen Kindern. Statt mit dem Strom seiner Generation zu gehen, gab er sich jeder neuen Welle hin, das Schönste des Lebens schien ihm im leidenschaftlichen Schwung seiner Erneuerung mit jeder neuen Jugend zu bestehen, und er kümmerte sich nicht um die Gegensätze, mit denen immer die neue Jugend sich gegen die frühere stellt, denn diese Gegensätze lösten sich ganz auf in seinem mehr enthusiastischen als logischen Gefühl, das überall Schönheit sah und immer von ihr trunken war. Dazu kam noch ein besonderes Bestreben nach Güte, das zwar nicht recht mit seinem ästhetischen Pantheismus zusammenstimmte, aber das seinem eigensten tiefsten Wesen entsprang.