Der Leiter jener Tageszeitung, die seit einigen Jahren sich eine Ehre daraus gemacht hatte, die Gedichte Clerambaults zu veröffentlichen, ließ ihm vertraulich sagen, er fände diesen ganzen Lärm lächerlich, und die ganze Sache sei kein Hundshaar wert, aber zu seinem großen Bedauern sehe er sich genötigt, um seiner Abonnenten willen ihm eins zu versetzen... natürlich in aller Höflichkeit... Selbverständlich in aller Form.... Und nichts für ungut, nicht wahr? Und wirklich, der Angriff war gar nicht gewalttätig, er beschränkte sich bloß darauf, Clerambault lächerlich zu machen. Und selbst Perrotin — wie kläglich ist doch das Menschengeschlecht! — ironisierte ihn in einem Interview auf geistreichste Weise, ließ die Leute auf seine Kosten lachen, gedachte aber dabei heimlich sein Freund zu bleiben.

In seinem eigenen Hause fand Clerambault keine Unterstützung mehr. Seine alte Gefährtin, die seit dreißig Jahren nur durch ihn dachte und seine Gedanken wiederholte, ehe sie sie selber verstand, war erschrocken und zornig über seine neuen Worte, warf ihm bitter vor, diesen Skandal heraufbeschworen, seinen Namen und den der ganzen Familie ins Unrecht gesetzt und das Andenken ihres toten Kindes, die Idee der heiligen Rache und des Vaterlandes geschädigt zu haben. Rosine ihrerseits liebte ihn noch immer, aber sie verstand ihn nicht mehr. Eine Frau kann selten die Forderungen des Geistes anerkennen, sie kennt nur die Forderungen des Herzens. Ihr hatte es genügt, daß ihr Vater sich nicht mit Worten des Hasses verband, daß er mitleidsvoll und gut blieb, doch wünschte sie keineswegs, daß er diese Gefühle in Theorien verwandelte, und noch weniger, daß er sie öffentlich aussprach. Sie hatte den zugleich zärtlichen und praktischen gesunden Menschenverstand einer, die die Forderungen des Herzens gewahrt wissen will und sich mit dem Übrigen abfindet. Aber das unbeugsame logische Bedürfnis, das den Mann treibt, die äußersten Konsequenzen seines Glaubens zu ziehen, war ihr unverständlich. Soweit konnte sie nicht mit. Ihre Stunde war vorüber, die Stunde, wo sie unbewußt die Aufgabe übernommen und erfüllt hatte, mütterlich ihren schwachen, unsicheren und zerbrochenen Vater aufzurichten und ihn unter ihrem Flügel zu bergen, sein Gewissen zu retten und ihm die Fackel wieder in die Hand zu drücken, die er fallen gelassen hatte. Jetzt, da er sie wieder in Händen trug, war ihre Aufgabe erfüllt. Sie war wieder das liebende, unscheinbare „kleine Mädchen“ geworden, das die großen Geschehnisse der Zeit mit ein wenig gleichgültigen Blicken sieht, und nur im Grunde ihrer Seele blieb etwas zurück von dem feurigen Licht der überirdischen Stunde, die sie gelebt hatte, die sie fromm bewahrte und deren Sinn sie nicht mehr verstand.

§

Ungefähr um dieselbe Zeit empfing Clerambault den Besuch eines jungen Urlaubers aus einer befreundeten Familie. Daniel Favre, Sohn eines Ingenieurs und selbst Ingenieur, dessen lebendige Intelligenz aber nicht durch seinen Beruf beschränkt wurde, hatte seit langem eine Leidenschaft für Clerambault gefaßt: der mächtige Aufschwung der modernen Wissenschaft hatte sein Gebiet seltsam jenem der Dichtung angenähert, war doch die Technik gewissermaßen selbst das größte der zeitgenössischen Gedichte geworden. Daniel war ein enthusiastischer Leser Clerambaults. Sie hatten innige Briefe gewechselt und der junge Mann, dessen Familie mit der Clerambaults in Beziehungen stand, kam oft zu ihnen, und vielleicht auch nicht bloß, um dem Dichter zu begegnen. Die Besuche dieses liebenswerten, etwa dreißigjährigen Menschen, eines großen, gutgewachsenen Burschen mit festen Zügen, einem scheuen Lächeln, mit hellen Augen im sonnverbrannten Gesicht, wurden immer freudig aufgenommen, und Clerambault war nicht der einzige, den sie erfreuten. Für Daniel wäre es leicht gewesen, sich einen Hinterlandsdienst in irgendeiner Metallfabrik zu sichern, aber er hatte selbst gefordert, seinen gefährlichen Posten an der Front nicht verlassen zu müssen, wo er sich rasch den Leutnantsgrad erworben hatte. Der Urlaub bot ihm Gelegenheit, Clerambault zu besuchen.

Clerambault war allein, seine Frau und seine Tochter waren ausgegangen. Freudig empfing er den jungen Freund. Aber Daniel schien befangen, und nachdem er längere Zeit auf die Fragen Clerambaults recht und schlecht geantwortet hatte, schnitt er geradewegs die Sache an, die ihm am Herzen lag. Er sagte, er hätte an der Front von den Artikeln Clerambaults gehört, und dies hätte ihn verwirrt. Man sagte... oder man behauptete... schließlich, man sei ja so streng... er wisse ja, daß es ungerecht sei... aber er sei gekommen — und dabei faßte er die Hand Clerambaults in einer Art zärtlicher Scheu — um ihn zu bitten, sich nicht von jenen zu trennen, die ihn liebten. Er erinnerte ihn an die Ehrfurcht, die der Dichter, der einst die französische Erde und die innere Größe der Rasse gefeiert hatte, allgemein einflöße.... „Bleiben Sie, bleiben Sie mit uns in dieser Stunde der Prüfungen....“

„Nie bin ich mehr mit euch gewesen“, antwortete Clerambault. Und er fragte ihn:

„Sie sagen mir, lieber Freund, daß man das, was ich geschrieben hätte, verunglimpfe. Was denken Sie selbst davon?“

„Ich habe es nicht gelesen“, sagte Daniel. „Ich wollte es nicht lesen. Ich hatte Furcht, in meiner Zuneigung für Sie gekränkt oder an der Erfüllung meiner Pflicht gehindert zu sein.“

„Dann haben Sie wenig Vertrauen zu sich, wenn Sie fürchten, durch das Lesen von ein paar Zeilen in Ihrer Überzeugung erschüttert zu werden.“

„Ich bin meiner Überzeugung sicher“, antwortete Daniel ein wenig gereizt, „aber es gibt gewisse Dinge, für die es besser ist, wenn man sie nicht in die Diskussion zieht.“