„Wir könnten nicht kämpfen“, sagte Daniel, „hätten wir nicht die Hoffnung, eine gerechtere und menschlichere Weltordnung zu begründen. Viele meiner Gefährten sind der Überzeugung, dieser Krieg mache allen Kriegen ein Ende. Ich teile diese Hoffnung nicht, ich verlange nicht so viel. Ich weiß nur das eine, daß unser Frankreich in Gefahr ist, und daß seine Niederlage die der ganzen Menschheit wäre.“
„Die Niederlage jedes Volkes ist eine der ganzen Menschheit, denn alle sind für sie notwendig. Die Vereinigung aller Völker wäre der einzige wahrhafte Sieg. Jeder andere richtet ebenso die Sieger wie die Besiegten zugrunde. Jeder Tag, der diesen Krieg verlängert, läßt das kostbare Blut Frankreichs fließen, und es ist in Gefahr, für immer erschöpft zu werden.“
Daniel gebot diesen Worten mit einer erregten und schmerzlichen Geste Einhalt. Ja, das wußte er.... Das wußte er.... Wer wußte es besser als er, daß Frankreich hinstarb, Tag für Tag, an seiner heroischen Anstrengung, daß die Blüte seiner Jugend, seiner Kraft, seiner Intelligenz, das lebendige Mark der Rasse in Sturzbächen hinströmte und zugleich der Reichtum, die Arbeit und der Kredit des französischen Volkes.... Frankreich, blutend an allen Gliedern, ging den Weg, den Spanien vier Jahrhunderte zuvor gegangen war und der zu den Einsamkeiten des Eskurial führt.... Aber er wollte nicht, daß man ihm von den Möglichkeiten eines Friedens, der diese Qual beendigte, spräche, ehe der Feind gänzlich zu Boden geschmettert. Man dürfe nicht auf die Angebote, die Deutschland damals machte, antworten, nicht einmal, um sie in Erwägung zu ziehen. Man dürfe nicht einmal sprechen darüber. Und wie die Politiker, die Generale, die Journalisten und die Millionen armer Geschöpfe, die tollwütig die Lektion, die man ihnen eingelernt hatte, wiederholten, schrie auch Daniel: „Bis zum letzten Mann!“
Clerambault sah mit zärtlichem Mitleid diesen wackeren, scheuen und heldenmütigen Burschen an, der von dem Gedanken erschreckt wurde, das Dogma in Frage zu ziehen, dessen Opfer er war. Hatte dieser wissenschaftliche Geist gar keinen Widerstand gegen den Widersinn eines solchen blutigen Spieles, dessen Einsatz der Tod ebenso für Frankreich wie für Deutschland — und vielleicht für Frankreich mehr als für Deutschland — war?
Ja, er wehrte sich dagegen, aber er raffte sich trotzig zusammen, um es sich nicht einzugestehen. Von neuem beschwor Daniel Clerambault. „Ja, diese Gedanken mögen vielleicht wahr und gerecht sein, aber nur nicht jetzt, jetzt sind sie nicht an der Zeit... in zwanzig oder fünfzig Jahren!... Lassen Sie uns nur zuerst unsere Aufgabe erfüllen, zu siegen und die Freiheit der Welt, die Brüderlichkeit der Menschen durch den Sieg Frankreichs begründen.“
Ach, der arme Daniel! Sah er denn nicht selbst im günstigsten Falle die Überhebung voraus, die verhängnisvoll diesen Sieg beschmutzen würde, und daß es dann am Besiegten sein würde, den krankhaften Wunsch und Willen zur Revanche und zum gerechten Sieg für sich zu erneuern? Jede Nation will das Ende aller Kriege durch ihren eigenen Sieg. Und von Sieg zu Sieg stürzt die Menschheit tiefer in ihre Niederlage hinab.
Daniel erhob sich, um Abschied zu nehmen. Er drückte Clerambaults Hand und erinnerte ihn mit Ergriffenheit an seine Gedichte von einst, in denen er das heroische Wort Beethovens wiederholte, um das schöpferische Leiden zu feiern, das Wort: „Durch Leiden Freude.“
„Ach! ach! Wie ihr uns mißversteht!... Wir besingen das Leiden, um uns davon zu befreien, aber ihr begeistert euch dafür. So wird unser Hymnus der Befreiung für die anderen Menschen ein Sang der Knechtung.“
Clerambault gab keine Antwort. Er liebte diesen jungen Menschen; diese armen Kerle, die sich aufopfern, wissen wohl, daß sie nichts im Kriege zu gewinnen haben. Aber je mehr Opfer man von ihnen verlangt, desto gläubiger werden sie. Mögen sie dafür gesegnet sein!... Aber wenn sie nur nicht mit sich selbst auch die ganze Menschheit hinopfern wollten!