Und doch wäre es zu viel Ehre, wollte man ihm zuerkennen, daß er aus Mut so handelte. Er handelte so, weil er nicht anders konnte. Selbst wenn er hätte innehalten wollen, so mußte er doch nach vorwärts und sprechen.... „Es ist deine Mission.“ Clerambault verstand das nicht und fragte sich, warum gerade er ausersehen worden war, er, der Dichter, der Zärtliche, geschaffen zu einem stillen, kampflosen, opferlosen Leben, indessen doch andere, starke, krieggewohnte, kampfgeartete Menschen mit Athletenseelen da waren, die unbeschäftigt blieben. „Es hat keinen Sinn sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Gehorche! Es ist nun einmal so.“

Und gerade diese Zwiespältigkeit seiner Natur zwang ihn, sobald einmal eine der beiden Seelen in ihm die Oberhand behalten hatte, sich ihr restlos hinzugeben. Ein normalerer Mensch hätte die beiden Naturen verschmolzen oder verbunden, hätte ein Kompromiß gefunden, bei dem die Anforderungen der einen und die Vorsicht der anderen zu ihrem Recht gekommen wären. Aber ein Clerambault war immer nur einseitig, dem einen oder dem anderen unterworfen. Hatte er einmal einen Weg gewählt, so ging er ihn ganz geradeaus, ob er ihm gefiel oder nicht. Und aus dem gleichen Grunde, der ihn früher so leichtgläubig für den Glauben der Welt rings um ihn gemacht hatte, mußte er jetzt rücksichtslos die Lügen, denen er zum Opfer gefallen war, offenbaren, sobald er sie erkannt hatte. Andere, die sich anfangs nicht so hemmungslos hatten narren lassen, hätten sie nie zu enthüllen vermocht.

So begann der Mutige wider seinen eigenen Willen, ein anderer Ödipus, den Kampf mit der Sphinx des Vaterlandes, die ihn am Kreuzweg erwartete.

§

Der Angriff Bertins lenkte auf Clerambault die Aufmerksamkeit einiger Politiker der äußersten Linken, die nicht recht wußten, wie sie ihre Opposition gegen die Regierung (die ja ihre Existenzbedingung war) mit jener „heiligen Eintracht“ in Einklang bringen sollten, die zu Kriegsbeginn gegen den feindlichen Einbruch beschlossen war. Sie druckten die beiden ersten Artikel Clerambaults in einem jener sozialistischen Blätter nach, deren Gedankengang damals zwischen diesen Gegensätzen pendelte. Man bekämpfte dort den Krieg und votierte gleichzeitig Kriegskredite. Begeisterte internationale Bekenntnisse standen dort dicht neben Mahnreden von Ministern, die eine nationalistische Politik trieben. In diesem Schaukelspiel hätten die Seiten Clerambaults mit ihrem vagen Lyrismus, wo der Angriff maßvoll war und die Kritik der Vaterlandsideen von tiefem Mitleid umhüllt, den ganz wertlosen Charakter eines platonischen Protests gehabt, wenn nicht die Zensur darin einzelne Sätze mit der Zähigkeit einer Termite ausgefressen hätte. Die Spuren ihrer Zähne lenkten aber gerade die Blicke auf das, was der allgemeinen Unaufmerksamkeit sonst entgangen wäre. So kratzte die Zensur in dem Aufsatz „An die einst Geliebte“ das Wort Vaterland, nachdem sie es zum erstenmal in Verbindung mit einem liebenden Anruf ruhig hatte stehen lassen, bei allen anderen, bedeutend weniger schmeichelhaften Stellen rücksichtslos heraus. Ihre Dummheit sah nicht, daß nun das Wort, linkisch vom Lichtschirm bedeckt, nur noch besser im Geiste des Lesers aufleuchtete. So gelang es ihr, einem Aufsatz, der eigentlich recht bedeutungslos war, Bedeutung zu verleihen, wobei allerdings hinzuzurechnen war, daß in dieser Stunde allgemeiner Passivität das geringste Wort freier Menschlichkeit, insbesondere aber ein von einem bekannten Namen ausgesprochenes, sofort eine ganz außerordentliche und weite Wirkung gewann. Der andere Artikel, „Ihr Toten verzeihet uns“, war oder konnte durch seinen schmerzlichen Akzent noch gefährlicher für die große Masse der einfachen, vom Krieg aufgewühlten Seelen sein. So versuchte die bisher gleichgültige Zensur bei dem ersten Wind, den sie davon bekam, ihn glatt vor der Öffentlichkeit zu unterdrücken. Geschickt genug, um nicht auf Clerambault durch eine öffentliche Maßnahme besondere Aufmerksamkeit zu lenken, verstand sie es, auf das Journal auf Umwegen einzuwirken. Ein heftiger Widerstand gegen den Schriftsteller zeigte sich plötzlich in der internen Redaktion der Zeitung selbst. Natürlich warfen sie ihm nicht den Internationalismus seines Gedankens vor, sondern sie beschuldigten ihn bourgeoiser Empfindsamkeit.

Dafür bot ihnen nun Clerambault selbst Argumente mit einem dritten Artikel, in dem sein Widerstand gegen jede Gewalt ebenso die Revolution wie den Krieg zu verurteilen schien. Die Dichter sind eben immer schlechte Politiker.

Es war eine erbitterte Antwort auf jenen „Anruf an die Toten“, den Barrès, die zitternde Nachteule, von einer Friedhofzypresse herabwimmerte.

„Anruf an die Lebendigen“

„Der Tod beherrscht die Welt. Ihr, die ihr lebendig seid, schüttelt sein Joch ab! Es genügt ihm nicht, die Völker zu vernichten, er will, daß sie ihn auch noch verherrlichen, daß sie ihm singend entgegenlaufen, und ihre Herren verlangen, daß sie ihre eigene Aufopferung verherrlichen. „Es ist das schönste Los, das beneidenswerteste, das man erlangen kann!...“ Sie lügen! Es lebe das Leben! Einzig das Leben ist heilig, und die Liebe zum Leben ist die erste Tugend. Aber die Menschen von heute besitzen sie nicht mehr. Dieser Krieg beweist — und beweist bei vielen schon seit fünfzehn Jahren — (gesteht es euch nur ein!) das Vorhandensein einer wahnwitzigen Hoffnung auf eine solche Katastrophe. Ihr liebt das Leben nicht, wenn ihr keine bessere Verwendung dafür habt, als es dem Tod zum Fraß hinzuwerfen. Euer Leben ist euch eine Last, euch, ihr Reichen, ihr Bürger, ihr Diener der Vergangenheit, ihr Konservativen, die ihr darüber greint aus Mangel an Appetit, aus moralischem Übelbefinden, mit euren vor Überdruß schleimigen und sauren Seelen und Mäulern — und euch, ihr Proletarier, ihr Armen und Unglücklichen aus Mutlosigkeit über das Schicksal, das euch zugefallen ist. In der dumpfen Mittelmäßigkeit eures Lebens, in der Hoffnungslosigkeit, es jemals zu verwandeln (ihr Kleingläubigen!), wartet ihr einzig darauf, ihm durch einen Gewaltakt zu entrinnen, der euch dem Sumpf, zumindest für die Spanne einer Minute, nämlich der letzten, entreißt. Die Stärksten unter euch, jene, die am besten die Energie der ursprünglichen Instinkte bewahrt haben, die Anarchisten und Revolutionäre, appellieren bloß an sich selbst, um diese befreiende Tat zu erfüllen. Aber die große Volksmasse ist zu müde, um die Initiative zu ergreifen. Deshalb begrüßt sie mit solcher Gier die mächtige Welle, die ihre Vaterländer aufrührt: den Krieg! Sie gibt sich ihm mit einer düsteren Wollust hin. Denn er ist der einzige Augenblick im Leben, wo diese verschatteten Existenzen sich vom Atem des Unendlichen durchweht fühlen. Und gerade dieser Augenblick ist der der Vernichtung.

Ah, eine schöne Art, sein Leben anzuwenden.... Es einzig dadurch zu bejahen, daß man es verneint zugunsten irgendeines menschenfresserischen Gottes, mag er Vaterland oder Revolution heißen, der zwischen seinen Kinnladen die Gebeine von Millionen Menschen zerkrachen läßt....