Diese allzu umfassende und verschwommene Art des Denkens erbitterte aber die jungen Menschen und bestärkte sie in jener gefährlichen Abneigung gegen die Intellektuellen, die sich seit fünf Jahren bei der arbeitenden Bevölkerung herausgebildet hatte. Sicherlich hatten die Intellektuellen nichts Besseres verdient, denn wie weit waren die Zeiten, wo die Geistigen an der Spitze der Revolutionen standen! Jetzt schlossen sie sich mit allen reaktionären Kräften zusammen, und selbst die verschwindend kleine Zahl derer, die sich außerhalb des Clans gehalten hatten und seine Irrtümer tadelten, zeigte sich, wie Clerambault, unfähig, auf ihren Individualismus zu verzichten, der sie einmal gerettet und nun zu Gefangenen gemacht hatte. Kaum hatten nun die Revolutionäre die Unfähigkeit selbst der Besten erkannt, sich den neuen Massenbewegungen einzuordnen, so gingen sie einen Schritt weiter und proklamierten den Niedergang der Intellektuellen. Der Stolz der Arbeiterklasse, der sich schon in Artikeln und Reden äußerte, ungeduldig, sich wie in Rußland bald in Taten manifestieren zu können, dieser Stolz verlangte, daß die Intellektuellen sklavisch ihren proletarischen Herren gehorchten. Das Seltsamste dabei war, daß einige unter den Intellektuellen selbst am leidenschaftlichsten diese Erniedrigung ihres Standes verlangten — sie hätten gern damit glauben gemacht, daß sie nicht mehr dazu gehörten und vergaßen es sogar selbst.... Moreau freilich vergaß es nicht. Aber nur mit noch größerer Bitterkeit verabscheute er die Klasse, deren Nessushemd ihm auf der Haut brannte. Seine Erbitterung war ohne Maß.
Er trug jetzt gegen Clerambault seltsam aggressive Gefühle zur Schau. Er unterbrach ihn in der Diskussion ohne jede Höflichkeit, mit einer gewissen Art ironischer und gereizter Schärfe, daß man oft das Gefühl hatte, er wolle ihn bewußt verletzen.
Clerambault nahm es ihm nicht übel. Er war voll Mitleid mit ihm, denn er wußte, daß Moreau litt, und konnte sich die Bitterkeit eines hingeopferten jungen Lebens gut vorstellen, dem die sittliche Nahrung, die für einen fünfzigjährigen Magen gehört — Geduld und Resignation — nicht recht munden wollte.
Eines Abends, als sich Moreau gegen Clerambault besonders unangenehm gezeigt hatte und doch ihn durchaus nach Hause begleiten wollte, gleichsam als könnte er sich nicht entschließen, ihn zu verlassen, und als er da vor sich hinschweigend und verschlossen an seiner Seite schritt, blieb Clerambault einen Augenblick stehen und sagte, indem er freundschaftlich seinen Arm nahm, lächelnd:
„Mein armer Junge, dir geht es wohl nicht gut?“
Moreau war verdutzt, raffte sich zusammen und fragte trockenen Tones, woran man denn merken könnte, daß „es nicht gut ginge“.
„Nun daran, daß Sie so bösartig waren heute abend“, antwortete Clerambault gutmütig.
Moreau protestierte.
„O doch! Was für Mühe haben Sie sich gegeben, um mir weh zu tun: Ja, doch, ein wenig, nur ein ganz klein wenig.... Ich weiß es sehr gut, daß Sie es nicht ganz ernstlich wollen, aber wenn ein Mensch wie Sie einen andern leiden machen will, so ist das ein Zeichen, daß er selber leidet.... Habe ich nicht recht?“
„Verzeihen Sie mir“, sagte Moreau, „es ist wahr. Mir tat es weh, zu sehen, daß Sie nicht an unsere Aktion glauben.“