Sein Widerstand war gebrochen. Er enthüllte die Verzweiflung, die sich unter seinem aggressiven Willen zur Gläubigkeit und zur Tat verbarg. Innerlich war er von Pessimismus zerfressen, der ja immer eine natürliche Folge jedes in seinen Illusionen schmerzhaft enttäuschten, übermäßigen Idealismus ist. Die religiöse Seele von einst war ganz ruhevoll: sie stellte das Gottesreich hinüber in ein Jenseits, das kein irdisches Geschehnis erreichen oder zerstören konnte. Aber die religiöse Seele von heute, die das Gottesreich mitten in unsere Welt stellen will und es auf dem Grunde der menschlichen Vernunft und der Liebe aufbaut, die wird lebensüberdrüssig, sobald das Leben ihren Traum einstürzen läßt. Es gab Tage, wo Moreau sich am liebsten die Adern aufgeschnitten hätte! Die Menschheit schien ihm wie eine faulende Frucht, voll Verzweiflung sah er den Zusammenbruch, den Untergang, die Niederlage, die von allem Anfang im Schicksal der menschlichen Rasse wie ein Wurm in der Frucht eingesponnen sitzt, und er konnte die Idee dieses unsinnigen und tragischen Schicksals, dem die Menschen nie entrinnen werden, nicht ertragen. Wie Clerambault fühlte er in seinen Adern das Gift des Wissens und der Vernunft; aber indes Clerambault die Krise überstanden hatte und die Gefahr nur in der Zügellosigkeit des Geistes sah und nicht schon in seinem Wesen, war Moreau von der Vorstellung besessen, die Vernunft sei selbst schon von Gift durchtränkt. Seine krankhaft erregte Phantasie erschöpfte sich selbstquälerisch in immer neuen Vorstellungen, sie zeigte ihm die Menschheit mit dem unauslöschlichen Brandmal der Krankheit ihrer Geistigkeit behaftet. Im vorhinein sah er alle Möglichkeiten von Katastrophen, denen sie zudrängte. Sah man denn nicht schon das tragische Schauspiel, wie die Vernunft vor Hochmut taumelte angesichts der ihr von der Wissenschaft ausgelieferten Gewalten, angesichts jener Dämonen der Natur, die ihr durch die magische Formel der Chemie untertan waren, und wie sie in Verwirrung über die zu rasch überhandnehmende Macht diese zu ihrem eigenen Selbstmord mißbrauchte?

Aber Moreau war zu jung, um unter dem Druck solcher Wahnvorstellung zu verbleiben. Man mußte etwas tun, etwas tun um jeden Preis, um nicht allein mit dieser Vision zu bleiben.

„Nein, hindern Sie uns nicht an der Tat! Im Gegenteil, feuern Sie uns dazu an!“

„Mein Freund“, sagte Clerambault, „man darf die anderen nur dann zu einer gefährlichen Tat ermutigen, wenn man selber mittut. Mir sind die Aufhetzer, selbst wenn sie aufrichtig sind, unerträglich, all jene, die andere treiben, Märtyrer zu werden, ohne selbst das Beispiel zu geben. Es gibt nur einen Typus des wahrhaft heiligen Revolutionärs: das ist der Gekreuzigte. Aber nur sehr wenige Menschen sind für die Aureole des Kreuzes geboren. Der Hauptfehler besteht darin, sich selbst übermenschliche und unmenschliche Pflichten zu setzen. Es ist ungesund für die Mehrheit der Menschen, sich zum Übermenschen erheben zu wollen, und vielleicht für sie selbst nur eine Quelle unnützer Qualen. Aber jeder Mensch kann trachten, in seinem kleinen Kreise das innere Licht auszustrahlen, Ordnung, Frieden und Güte. Und das ist das wahre Glück.“

„Aber das genügt mir nicht“, sagte Moreau. „Das läßt zuviel Raum für den Zweifel. Alles oder nichts.“

„Ja, eure Revolution hat keinen Raum für den Zweifel. Für euch heiße und harte Herzen, für euch geometrische Gehirne heißt es: alles oder nichts. Nur keinen Übergang! Aber, was wäre das Leben ohne Übergänge? Sind sie denn nicht seine Schönheit und seine Güte? Eine zerbrechliche Schönheit freilich, eine kraftlose Güte, überall Schwäche und Hunger nach Liebe. Man muß lieben, man muß helfen, Tag für Tag und Schritt für Schritt. Die Welt verwandelt sich nicht mit einem Schlag und niemals ganz, weder durch Gewaltstreiche, noch durch Gnadenstöße. Aber Sekunde für Sekunde geht sie ins Unendliche hinüber, und der schlichteste Mann, der das fühlt, hat Teil an der Unendlichkeit. Nur Geduld! Eine einzige Ungerechtigkeit, die man beseitigt, erlöst noch nicht die Menschheit, aber sie verklärt einen Tag. Und es werden andere kommen und andere Verklärungen, und jeder Tag bringt seine Sonne. Möchten Sie das verhindern?“

„Wir können nicht warten“, sagte Moreau. „Wir haben keine Zeit. Jeder Tag, den wir leben, stellt uns Probleme, die uns ganz aufzehren und die wir sofort lösen müssen. Wenn wir sie nicht beherrschen, werden wir ihnen untertan. Wir, damit meine ich nicht so sehr unsere Personen, wir sind ja schon Hingeopferte. Aber alles, was wir lieben, was uns noch dem Leben verbindet: die Hoffnung auf die Zukunft, das Heil der Menschheit.... Fühlen Sie doch, wie diese quälenden Fragen um aller Zukünftigen willen uns bedrücken, um aller, die Kinder haben. Dieser Krieg ist ja noch nicht zu Ende, und es ist nur allzu klar, daß er durch seine Verbrechen und seine Lügen neue, nahe Kriege heraufbeschwört. Wofür zieht man Kinder auf? Wofür wachsen sie heran? Vielleicht für ähnliche Schlächtereien? Welcher Ausweg ist da möglich? Man hat rasch ihre ganze Reihe erschöpft.... Man könnte diese toll gewordenen Nationen, diese närrischen alten Kontinente verlassen und auswandern, aber wohin? Gibt es denn irgendwo auf dem Erdball noch fünfzig Joch Erde, die den freien anständigen Menschen Unterschlupf gewähren? Oder eine Wahl treffen? Sie sehen wohl, man muß sich entscheiden. Entweder für die Nation oder für die Revolution. Was bleibt denn sonst noch? Das Nichtwiderstreben gegen das Übel? Scheint Ihnen das wünschenswert? Das hat doch nur einen Sinn, wenn man gläubig ist, religiös gläubig, sonst wäre es nur die Resignation von Schafen, die sich hinschlachten lassen. Aber die meisten, leider Gottes, entscheiden sich für nichts und ziehen es vor, gar nicht zu denken, schauen krampfhaft von der Zukunft weg und lügen sich vor, daß das, was sie gesehen und gelitten haben, nun für ewige Zeiten vorüber sei ... Darum müssen wir für jene eine Entscheidung fällen, ob sie wollen oder nicht, sie nach vorwärts treiben, sie retten gegen ihren eigenen Willen. Die Revolution, das sind immer nur einzelne Menschen, die für die ganze Menschheit etwas wollen.“

„Mir paßte es nicht sehr“, antwortete Clerambault, „wenn jemand anderer für mich wollte, und ebensowenig, für einen anderen zu wollen. Ich möchte lieber jedem helfen, frei zu sein, und selbst der Freiheit keines anderen Menschen im Wege stehen. Aber ich weiß, ich verlange zuviel.“

„Sie verlangen das Unmögliche“, sagte Moreau. „Wenn man einmal beginnt, zu wollen, darf man nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Es gibt nur zwei Arten Menschen: diejenigen, welche zuviel wollen — Lenin und alle Großen (es gibt ihrer wohl kaum mehr als zwei Dutzend in der ganzen Weltgeschichte) und dann die anderen, die zu wenig wollen, die das Wollen nicht verstehen. Das ist der große Rest, das sind wir, das bin ich selbst.... Sie haben es nur zu gut erkannt.... Mein ganzer Wille kommt nur aus Verzweiflung.“

„Warum denn verzweifeln?“ sagte Clerambault. „Das Schicksal des Menschen formt sich jeden Tag und keiner kennt es. Unser Schicksal ist das, was wir sind. Sind wir mutlos, so entmutigen wir es.“