„Aber wir dürfen es ihm nicht zerstören“, sagte Clerambault. „Helfen Sie Gillot. Er hat Sie nötig.“
„Mich?“ staunte Moreau ungläubig.
„Er hat zu seiner Stärke notwendig, daß man an seine Kraft glaubt. So glauben Sie daran.“
„Kann man denn glauben wollen?“
„Sie wissen ja etwas davon.... Nicht wahr, nein, man kann es nicht ... Aber man kann glauben aus Liebe“.
„Aus Liebe zu jenen, die gläubig sind?“
„Glaubt man denn nicht immer nur aus Liebe, kann man denn anders gläubig sein als aus Liebe?“
Moreau war gerührt. Seine intellektuelle, von Wissensdurst brennende und verzehrte Jugend hatte, wie die der besten in der bürgerlichen Klasse, am Mangel brüderlicher Zuneigung gelitten. Menschliche Verbrüderung und Seelengemeinschaft ist ja aus der modernen Erziehung verbannt. Erst allmählich und mißtrauisch war dieses konstant unterdrückte Urgefühl in den Schützengräben, in diesen Gräbern der lebendig zusammengedrängten leidenden Leiber, wieder erwacht. Aber man hatte Scham, sich ihm hinzugeben. Die gemeinsame Verhärtung, die Furcht vor Sentimentalität, die Ironie umkrusteten das Herz. Erst seit der Krankheit Moreaus war die Umschalung von Stolz nachgiebiger geworden, und es kostete Clerambault keine Mühe, sie gänzlich zu zerbrechen. Die Wohltat, die von diesem Manne ausging, war, daß bei der Berührung mit ihm die Eigensucht in den Menschen hinschwand, denn er besaß selbst keine. Man zeigte sich ihm, wie er sich selbst allen zeigte, mit seiner wahren Natur, seinen Schwächen und all den Aufschreien, die sonst ein falscher Stolz zu ersticken sucht. Moreau, der an der Front, ohne es sich offen einzugestehen, die Überlegenheit seiner Kameraden oder der Unteroffiziere, also von Menschen aus einer niedrigeren Schicht, erkannt hatte, fühlte für Gillot Sympathie und war glücklich, daß Clerambault an sie appellierte. Clerambault hatte seinen geheimsten Wunsch erweckt, einem andern eine Notwendigkeit zu sein.
Und ebenso flüsterte Clerambault Gillot die Anregung ein, Optimist für zwei zu sein und Moreau zu helfen. So fanden beide, in ihrem Bedürfnis, dem andern zu helfen, selbst eine Hilfe nach dem Gesetz des Lebens: „Wer gibt, der hat.“
In welcher Zeit immer man lebt, und sei es auch eine der Zertrümmerung, so ist doch nichts verloren, solange noch in der Seele einer Rasse ein Funke der männlichen Freundschaft lebendig bleibt. Man muß ihn erwecken, muß die frierenden einsamen Herzen einander annähern, damit wenigstens eine der Früchte dieses Völkerkrieges die Vereinigung der Elite der Klassen, die Verbrüderung der beiden Jugenden sei — jener aus der Welt der Arbeit und jener aus der des Gedankens —, die, indem sie sich ergänzen, die Zukunft erneuern sollen.