„Diese Leute haben dich und deine Tochter beleidigt, und ihr waret beide einer Meinung, man solle nicht mehr mit ihnen verkehren. Jetzt macht deine Tochter, die sich von ihnen hat zurückweisen lassen, ihnen wieder Avancen und du findest das ausgezeichnet! Das soll der Teufel verstehen.... Ihr seid ja Narren.“
Clerambault versuchte ihr zu erklären, daß das Glück seiner Tochter nicht darin bestünde, seiner Meinung zu sein, und daß Rosine nur recht hatte, für ihren Teil die Dummheiten ihres Vaters gutzumachen.
„Deine Dummheiten ... nun“, sagte Frau Clerambault, „das ist das erste vernünftige Wort, das du in deinem ganzen Leben ausgesprochen hast.“
„Siehst du“, antwortete Clerambault.
Er ließ sich von ihr versprechen, Rosine nichts zu sagen, damit sie ganz frei ihren kleinen Liebesroman durchführen könne.
Als Rosine heimkehrte, strahlte ihr Gesicht, aber sie erzählte nichts. Für Frau Clerambault war es eine große Anstrengung, zu schweigen, Clerambault dagegen beobachtete mit zärtlichem Behagen, wie das Glück wieder im Gesicht seiner Tochter strahlte. Er wußte nicht genau, was vorgefallen war, aber er konnte es sich wohl denken — nämlich, daß Rosine ihn ganz einfach über Bord geworfen hatte. Zweifellos hatten die beiden Verliebten sich auf Kosten ihrer Eltern geeinigt und mit wundervoller Gleichmütigkeit die gegenseitigen Übertreibungen ihrer alten Leute einander preisgegeben. Daniel war in den Leidensjahren des Schützengrabens, ohne in seinem Patriotismus erschüttert zu sein, doch vom engherzigen Fanatismus seiner Familie frei geworden, Rosine wiederum — sie handelten Zug um Zug — hatte sanft zugegeben, daß ihr Vater im Irrtum war. Ihr frommes und ein wenig gleichgültiges Herz fand sich leicht mit der stoischen Unterwerfung Daniels unter die herrschende Ordnung zusammen, und sie hatten beschlossen, gemeinsam ihren Weg zu gehen, ohne sich weiterhin zu kümmern um die Zänkereien der Alten, die vor ihnen waren, und die sie nun hinter sich zurückließen. Über die Zukunft machten sie sich weiter keine Sorgen. So wie all die Millionen Wesen verlangten sie von der großen Welt nichts als ihr Teil an augenblicklichem Glück und schlossen die Augen vor dem Rest.
Frau Clerambault war aus dem Zimmer gegangen, verärgert darüber, daß ihre Tochter nichts von der Begegnung erzählt hatte. Clerambault und Rosine träumten vor sich hin, er vor dem Fenster, seine Zigarre rauchend, Rosine eine Zeitung in der Hand, in der sie nicht las. Vor ihren inneren Augen versuchte sie, sich noch einmal die Einzelheiten ihrer eben erlebten Augenblicke wieder vorzumalen, da begegneten sie dem müden Gesicht ihres Vaters. Es war ein Ausdruck von Melancholie darin, der sie erschütterte. Sie stand auf, stellte sich hinter ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte mit einem kleinen Seufzer von Mitleid, der aber doch ihre innere Zufriedenheit nicht ganz verbergen konnte:
„Armer Papa!“
Clerambault hob die Augen, sah Rosine an, deren Züge gegen ihren eigenen Willen noch ganz hell und strahlend waren.
„Das kleine Mädchen aber“, sagte er, „ist also nicht mehr arm?“