Am Abend, als alle anderen Prinzessinnen bei der Brautschau dem Könige ihre Hände hinstreckten, stand Prinzeß Gerda traurig abseits und versteckte die ihren beschämt auf dem Rücken.
Im Kreise umstanden die Schönen den König und warteten und jede hoffte in ihrem Herzen, daß ihre Hände heute dem Könige gefallen würden und er sie zu seiner Königin machen würde. Der König betrachtete nacheinander ganz genau die vielen zarten Finger, die sich ihm entgegenstreckten. Dann lächelte er wehmütig, schüttelte den Kopf und wollte grade betrübt die Stufen zum Throne einsam und allein emporsteigen, als er Prinzeß Gerda stehen sah, die scheu zu Boden blickte und die Hände auf dem Rücken versteckte. Leise trat er zu ihr und sprach: »Warum stehst Du hier so verlassen und zeigst mir heute Deine Hände nicht? Wünschest Du Dir nicht mehr, meine Gemahlin zu werden?«
»Ich kann sie ja nie, nie mehr sehen lassen; sie sind zu häßlich!« erwiderte Gerda.
»Zeige sie!« gebot der König. Da mußte Prinzeßchen gehorchen und streckte dem König ängstlich ihre Fingerlein entgegen. Der warf nur einen Blick auf dieselben, dann stutzte er, sah Prinzeßchen tief in die Augen und sprach: »Endlich habe ich das Glück gefunden, das ich so lange schon suchte. Du, Prinzessin Gerda, Du wirst meine Gemahlin und die Königin meines Landes.«
Prinzessin Gerda war vor freudigem Schreck ganz benommen, als der König sie bei der Hand nahm und sie zu dem Thronsessel führte. Die vielen neidischen Blicke aber, die ihr die anderen Prinzessinnen zuwarfen, die spürte sie bis tief ins Herz hinein.
Wieder ergriff der König ihre Hand, küßte sie und sprach laut zu den Versammelten: »Ich habe nun eine Königin gewählt und wollt Ihr wissen, warum meine Wahl just auf Prinzessin Gerda fiel? Weil ich an den braunen Flecken, die Ihr an ihren Händen erblickt, sehe, daß sie ihre Tage nicht mit Nichtstun zubringt. Daß sie arbeitet. Eine Königin aber, die nicht arbeitet, wäre für die anderen Frauen ihres Reiches ein schlechtes Beispiel.«
Als die Prinzessin dies hörte, wurde sie tieftraurig und sprach: »Wenn Ihr so denkt, lieber König, kann ich Eure Gemahlin nicht werden. Ich habe ja noch nie in meinem Leben gearbeitet. Die Flecken an meinen Händen kommen ja nur von dem giftigen Saft der Wolfsmilch her, mit dem ich sie eingerieben habe.« Und nun erzählte sie die ganze Geschichte von der Kröte mit dem gebrochenen Bein und allem, was diese ihr geraten, gesagt und versprochen hatte. Darnach schickte Prinzeß Gerda sich an, die Stufen des Thrones wieder hinabzusteigen, und weinte bitterlich.
Da ergriff der junge König ihre Hand, küßte die Prinzessin auf den Mund und sagte: »Und dennoch wirst Du meine Gemahlin! Du hast aus lauter Mitleid und Herzensgüte mit Deinen zarten Prinzessinnenhänden die ekle Kröte gestreichelt. Du wirst aus Liebe zu mir und zu Deinem Volke auch arbeiten, wenn es nottut.«
»Das werde ich,« sprach schlicht die Prinzessin und lehnte das Haupt glückselig an die Schulter des Königs. Sie hat ihr Versprechen treulich gehalten. Als schwere Zeiten über das Land kamen, hat sie ihre feinen Hände nicht geschont und gearbeitet wie eine einfache Tagelöhnersfrau. Wenn dann der König an den schönen Fingerlein einen Flecken entdeckte, fragte er neckend: »Hast Du sie wieder mit Wolfsmilch eingerieben?« Dann lachten sie beide. Sie waren sehr glücklich bis an ihr Ende.