Die ganze spätrömische Literatur ist durch Aufzählungen mediterraner und fremdländischer Tiere charakterisiert, deren Identität vielfach kaum mehr festzustellen ist; insbesondere grassieren in ihr Fabelwesen, wie Martichoras, Greif, Phönix, Chimära, Einhorn usw., und fabulöse Darstellungen bekannter Tiere. Das Tier selbst verliert seinen Wert als Glied im wissenschaftlichen System; es interessiert nur noch Liebhaber und Schaulustige und wird daher entweder wie ein Stück Hausrat oder Schmuck der Natur, oder als gastronomische und dekorative Staffage einer ohnehin raffinierten Lebenshaltung, als Kuriosität, als Zucht- und Jagdobjekt, als außermenschlicher Träger von menschlichen Eigenschaften, die ihm angedichtet werden, behandelt. Die schon bei den alexandrinischen Schriftstellern und Plinius aufgelöste Ordnung des Tierreichs zerfällt weiter und weicht später einer alphabetischen. Die Anatomie macht nicht nur keine Fortschritte, sondern schon das längst Bekannte fällt weg, und das wirklichkeitsfremde Naturbild der Literatur wird immer mehr dazu angetan, allem Wunderglauben Tür und Tor zu öffnen, Zauberei und Magie aufleben zu lassen. Auch in der literarischen Form beruht die spätrömische Zoologie meist nur auf Nachahmung griechischer Vorbilder.
Ovids Halieutika sind ein Fragment, das in trockener Aufzählung vom Fischfang im Schwarzen Meere berichtet. Ein Wundergeschichten- und Fabelbuch, worin etwa 130 meist verloren gegangene Autoren ausgezogen werden, ist uns von Älian erhalten. Sein Inhalt geht meist auf entsprechende Berichte alexandrinischer Autoren zurück und zeigt eine ganz erstaunliche Unordnung des Stoffes. Auf weitaus höherem Standpunkt stehen die dem Oppian zugeschriebenen Gedichte über Jagd der Landtiere und Seetiere. Insbesondere dieses gibt eine lebensvolle und bunte Darstellung der marinen Fauna und ihrer Lebensweise, die neben eingestreuten Mythen und moralischen Reflexionen ein gutes Stück frischer Naturbeobachtung enthält. Ähnlich gehalten sind das Buch des Marcellus von den Fischen, die Paraphrase zu Dionysos von den Vögeln und zahlreiche ähnliche Lehrgedichte.
5. Alexandrinische Anatomie.
Neben dem wenig erfreulichen Bild der absterbenden wissenschaftlichen Zoologie bietet Alexandria aber auch dasjenige gewaltigen Aufschwunges der Anatomie. Wenn nun auch dieser Aufschwung nicht auf die Zoologie unmittelbar zurückwirkte, so tat er es doch mittelbar. Denn in Alexandria wurde der Grund für die pergamenische Anatomie gelegt, die selbst wiederum im ausgehenden Mittelalter und im Beginn der Neuzeit zum Wiederaufleben der Zootomie führte. Zu den wissenschaftlichen Instituten Alexandrias gehörte u. a. eine Anatomie, wo sicher tierische und menschliche Leichen seziert, vielleicht auch Vivisektionen von Verbrechern ausgeführt wurden. Unter einer großen Anzahl wissenschaftlicher Ärzte ragen hervor Herophilos (unter Ptolemäus I. und II.) und Erasistratos (geb. ca. 325). Herophilos vertiefte die anatomische Beobachtung in vorher ungewohnter Weise. Er erkannte in den Nerven besondere Organe, deren Ursprung auf die Zentren zurückführe und die der Empfindung und Willensäußerung dienen; er beschrieb die Adergeflechte und Hirnhöhlen, Auge und Sehnerv, die Chylusgefäße, den Zwölffingerdarm; er begründete die Pulslehre in einer besonderen Schrift und führte aus, daß das Herz den Arterienpuls veranlasse. Erasistratos erkannte den Unterschied von Empfindungs- und Bewegungsnerven, verglich die Windungen des Hirns bei Tieren und Menschen, beschrieb die Herzklappen und die Sehnenfäden, korrigierte vielfach im einzelnen die Ansichten von Herophilos. Von hier wurde die Anatomie später nach Pergamon übertragen.
Die wissenschaftliche Gesamtleistung der antiken Biologie und Medizin, soweit sie in Einklang mit den damaligen Allgemeinanschauungen möglich war, faßte zusammen und formulierte für die Zukunft Galenos von Pergamon (geb. 131 n. Chr.). Tiergeschichte im Sinne der Aristotelischen enthalten seine Werke nicht mehr. Im Vordergrund stehen der Mensch, die Anatomie und die Physiologie. Denn anschließend an Aristoteles sieht Galen in der Seele die oberste Einheit des Organismus, die sich der einzelnen Organe nur bedient, um ihre Ziele zu erreichen. Die Organe sind die Instrumente; Aufgabe der Anatomie ist, festzustellen, wozu jedes diene. Damit wird Galen der Begründer der Teleologie auf dem Gebiet der organischen Naturforschung und daher der Physiologie. Tieranatomie, Experiment und Vivisektion sind in seiner Hand wichtige, von ihm ausführlich beschriebene und ausgiebig verwendete Hilfsmittel zur Forschung und im Dienste des Unterrichts. Mit seiner Erfahrung knüpft er vorwiegend an die voraufgehenden Alexandriner an; literarisch sucht er den Anschluß in erster Linie an Hippokrates. Die Tierwelt zieht er da in den Kreis seiner Betrachtungen, wo sie zur Erläuterung des Menschen dient. Dabei gibt er vielfach interessante und lebensvolle Schilderungen derselben. Seine Einteilung des menschlichen Körpers nach den Hauptorgansystemen ist die Grundlage für die spätere Mondinos und Vesals geworden. Von den einzelnen Teilen der Seele, den Lebensgeistern, hat der psychische seinen Sitz im Gehirn, der vitale im Herzen, der physische in der Leber. Endlich sei nicht vergessen, daß er die epikureischen Lehren von der Rolle des Zufalls bei der Entstehung der Organismen eingehend und mit Argumenten bekämpft hat, die auch gegen den Darwinismus wieder geltend gemacht wurden.
IV. Mittelalterliche Zoologie.
1. Patristik.
Im frühen Mittelalter, das mit der Patristik einsetzt, finden sich zunächst noch kaum erhebliche Unterschiede von der voraufgehenden Zeit. Die größte Schicht zoologischer Literatur besteht aus jenen Wunderbüchern des ausgehenden Altertums. Die Zoologie lag so sehr danieder, daß das erwachende Christentum in ihr keine feindliche Macht erblickte. Und doch bedeutet die Organisation der christlichen Wissenschaft zugleich die Organisation mächtiger Widerstände, die sich dem später aufwachenden Trieb nach Naturkenntnis mit dem ganzen Rüstzeug einer scharfen Gelehrsamkeit widersetzten, während hinwiederum die Kirche die Tradition des Wissens vom Altertum in die Neuzeit rettete. Die bewußte Abkehr von dieser Welt ließ alsbald im menschlichen Körper und im Tier etwas Niedriges empfinden. Die Polemik gegen die antiken Naturphilosophen und der Assimilationsprozeß der heidnischen Ethik durch die christliche konzentrierte den Rest naturhistorischer Interessen auf wenige Punkte, für deren theoretische Betrachtung jetzt die Richtlinien vorgezeichnet wurden, die bis heute für alle vulgär oder neuplatonisch philosophierende Zoologie die maßgebenden geblieben sind. Es erhielten ihre Formulierung die Probleme der Schöpfung, des Ursprunges des Lebens, der Vererbung, der Individualität, der Entstehung des Menschen, des Zusammenhanges von Leib und Seele. Während also zu dieser Zeit die zoologische Forschung ruht, gestalteten sich die Punkte aus, die stets zu brennenden werden, sowie die zoologische Wissenschaft mit dem christlichen Glauben sich freundlich oder feindlich auseinandersetzt. Mehr als andere altchristliche Schriftsteller, die sich mit der Naturforschung beschäftigten, gehen auf die menschliche Anatomie und Physiologie ein: Tertullian, Lactantius, Nemesius von Emesa; doch ist das Verhältnis zur Mannigfaltigkeit der organischen Natur ein ähnliches, wie wir es etwa bei Lucrez oder Galen antreffen, es bewegt sich im Rahmen der stoischen Philosophie. Den Charakter eines großartigen naturphilosophischen Systems hat erst die Lehre Augustins (354-430), die einen Ausgleich zwischen der Platonischen Philosophie und der mosaischen Schöpfungsgeschichte herstellt, der, für alle Zeiten maßgebend, auch heute noch den Kern der christlichen Naturphilosophie bildet. Seinem Grundsatze entsprechend, daß Naturphilosophie auf Naturwissenschaft zu fußen habe, rückt er in den Vordergrund seine Lehre von der Entstehung der Organismen, die Seminaltheorie. Nach dieser sind die Samen erstens ewig als Ideen im Logos Gottes, sodann vorgebildet als Ursamen in den Elementen der Welt vor ihrer Entfaltung, drittens in den ersten Individuen jeder Art, viertens in allen wirklich existierenden Individuen. Die zweite Form der Samen ist es, die durch Gottes Schöpferwort ins Dasein gelangen, oder mit Thomas von Aquino zu reden: die aktiven und passiven Kräfte, welche die Prinzipien des Werdens und der Bewegung in der Natur sind. Entsprechend damaligem Wissen behandelte Augustin die Generatio aequivoca (Entstehung von Organismen aus dem Anorganischen) und erblickt in ihr ein reales Analogon zu der idealen Darstellung des mosaischen Schöpfungsberichtes. In bezug auf den Menschen sucht er den spezifischen Unterschied in der Seele des Menschen, der in körperlicher Hinsicht nichts vor dem Tiere voraushabe. „Denn wie Gott über jedes Geschöpf, so ist die Seele durch die Würde ihrer Natur über jedes körperliche Geschöpf erhaben.“
Ein Werk von bedeutendem Einfluß auf die Zoologie des Mittelalters hat Isidor von Sevilla (Anfang des 7. Jahrhunderts) verfaßt. Sonst aber fand das Bedürfnis nach Zoologie Genüge in dem als Physiologus bekannten, im frühen Mittelalter entstandenen, bis ins 14. Jahrhundert maßgebenden, in die meisten Sprachen der damaligen Kulturwelt übersetzten Werke. Ursprünglich enthielt es wahrscheinlich nur ein Verzeichnis der biblischen Tiere nebst deren Beschreibung. Allmählich aber schlichen sich fabelhafte Erzählungen aus der antiken Literatur ein, wurden mit christlicher und kabbalistischer Symbolik verbrämt und beliebig ausgeschmückt oder erweitert.
Ein hervorragender literarischer Anteil an der Zoologie des Mittelalters kommt den Arabern zu. Zwar sind bis jetzt aus ihren Schriftwerken keine Ansätze zu selbständiger Erfassung des Stoffes nachgewiesen; wohl aber gebührt ihnen das Verdienst, die Werke Aristoteles’ und Galens berücksichtigt, unter sich überliefert und der wiedererwachenden Wissenschaft des Abendlandes vornehmlich durch Übersetzungen und durch den Unterricht an ihren hohen Schulen übermittelt zu haben. Ferner hat in ihnen der Gedanke an Einheit des Weltalls, die Einsicht in die Materie als eine letzte Ursache natürlichen Geschehens lebhafte und scharfsinnige Verteidiger gefunden (Avicenna, Averrhoës). Endlich ist der europäischen Zoologie durch Abu Soleimans Reisen nach Indien und China, durch Edrisis an die Ostküste von Afrika (im 12. Jahrhundert), durch Kaswinis nach Südasien neue Kenntnis von fremden Tierwelten zugeflossen.