[1] Von Aufzählung der Quellen, die vom Verf. mit wenigen Ausnahmen selbst beigezogen worden sind, mußte Abstand genommen werden; ebenso von der Erwähnung einer großen Zahl von Spezialarbeiten, schon weil die Mehrzahl derselben nicht auf Quellenstudium beruht.
I. Einleitung.
Systematik der zoologischen Wissenschaft.
Wollen wir die Leitlinien in der Entwicklung einer Wissenschaft verfolgen, so bedarf es der Kenntnis auch der obersten Gliederung dieser Wissenschaft selbst. Geschichte und Systematik der Zoologie sind also ohne einander undenkbar. Wir schicken daher die Grundzüge einer Systematik der Zoologie voraus, ehe wir ihre geschichtliche Entwicklung zu skizzieren suchen.
Als Biologie bezeichnet man den Inbegriff aller Wissenschaften vom organischen Leben, dem gegenwärtigen und vergangenen, in all seinen Äußerungen, also die organischen Naturwissenschaften. Man zerlegt sie nach dem üblichen Unterschiede von Pflanze und Tier in Botanik und Zoologie. Die Zoologie zerlegt man wiederum je nach den Teilen des Tierreiches in Teilgebiete, für die man mehr oder weniger eingebürgerte Bezeichnungen gebraucht. Man redet häufiger von Anthropologie (Lehre vom Menschen), Ornithologie (Lehre von den Vögeln), Entomologie (Insektenkunde), Helminthologie (Lehre von den Würmern), als etwa von Karzinologie (Lehre von den Krebsen), Mammalogie (Lehre von den Säugetieren), Protistologie (Lehre von den einzelligen Tieren und Pflanzen); doch werden viele Bezeichnungen für Teilgebiete innerhalb der speziell beteiligten Kreise der Forscher gebraucht. Die Zoologie wird aber auch in anderer Weise in Spezialgebiete getrennt. Wie ein höherer Organismus in Organe, Gewebe, Zellen zerlegt werden kann, so werden auch Teilgebiete nach diesen Teilen des Organismus abgesondert: die Organologie (Organlehre), die Histologie (Gewebelehre), die Zytologie (Zellenlehre). Aber nicht nur aus der Gliederung des Objektes selbst, der Tierwelt und des Einzelorganismus, werden die Unterabteilungen der Zoologie abgeleitet, sondern auch die Gliederung des Erforschungsprozesses wird zum Einteilungsprinzip erhoben. Dabei wird jedoch stets nur die Bezeichnung der Wissenschaft nach dem jedesmal vorherrschenden Gesichtspunkt gewählt. Demnach unterscheidet man als Zoographie die Beschreibung und bildliche Wiedergabe der Tiere. Die Zergliederung derselben wird Zootomie genannt. Zoographie und Zootomie weisen zunächst die Formen des Organismus nach. Unter dem Gesichtspunkt der Form beides zusammenfassend spricht man daher von einer Morphologie (Lehre von der Form), und stellt ihr zur Seite die Lehre von den Verrichtungen, auf die seit der Neuzeit die im Altertum für die gesamte Naturforschung übliche Bezeichnung Physiologie übertragen wurde. Das Studium der Seelenäußerungen der Tiere nach Analogie des Menschen pflegt die Tierpsychologie. Für die vergleichende Betrachtung der Organe erwachsener Tiere kam mit dem 17. Jahrhundert die Bezeichnung „vergleichende Anatomie“ auf. Ebenso wurde auch für eine vergleichende Betrachtung der Verrichtungen die Bezeichnung „vergleichende Physiologie“ gebräuchlich. Als Entwicklungsgeschichte (Embryologie, Ontogenie) sondert man die Lehre vom Bau und den Verrichtungen des sich entwickelnden Organismus aus. Als Paläontologie wird seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft von den ausgestorbenen Organismen bezeichnet. Seitdem man die Lebewelt als eine Einheit von gemeinsamer Abstammung und Verwandtschaft betrachtet, wird die synthetisch gewonnene hypothetische Darstellung dieser Einheit oder die Anwendung des Entwicklungsgedankens auf die organische Natur als Phylogenie (Stammesgeschichte, Haeckel) unterschieden. Mit der räumlichen Verbreitung der Tiere befaßt sich die Tiergeographie, mit den Beziehungen des Organismus zu seiner leblosen und lebenden Umgebung die Ökologie (Haeckel) oder die Lehre vom Haushalt in der Natur. Das Bedürfnis, die Tierwelt nach logischen Normen zu ordnen, erzeugte die Klassifikation der Tiere (oft irrtümlich mit dem Oberbegriff „zoologische Systematik“ bezeichnet). Auch in der Zoologie hat sich die Namengebung oder Benennung der Objekte zu einem besonderen Zweig, der Nomenklatur, ausgebildet.
Ganz im allgemeinen ist zu bemerken, daß diese Klassifikation der zoologischen Wissenschaften erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts bewußt entwickelt worden ist, und daß der Sprachgebrauch in ihr vielfach Verwirrung stiftet (z. B. wenn Biologie statt Ökologie gebraucht oder die Physiologie der Biologie überhaupt gleichgesetzt wird).
II. Urgeschichte.
1. Anfänge der Zoologie.
Als Urgeschichte unserer Wissenschaft sondert sich dasjenige Stadium ab, in welchem Völker längst entschwundener Zeiten, Naturvölker unserer Tage, niedere Schichten der Kulturvölker und Kinder übereinstimmen. Eine bestimmte Aufmerksamkeit gegenüber der Eigenart lebender Wesen fehlt; demgemäß auch eine bestimmte Bezeichnung und Beachtung unterscheidender Merkmale. Im Gegenteil, dem Tier werden seine spezifischen Eigenschaften genommen und es wird als Karikatur menschlichen Wesens erfaßt, wie in der Tierfabel. Daneben bildet es ein Stück des erweiterten Hausrates, als den der Urmensch die Natur betrachtet, wird auf Nutzen und Schaden geprüft, ja, auch in kultische Gebräuche einbezogen. Erst wo der Mensch sich das lebende Tier und seine Produkte dienstbar macht und in Zusammenhang mit Pflanzenkultur entsteht Tierzucht, eine der ältesten und tiefsten Quellen für zoologische Beobachtung. Löst sich aus der Kulturpraxis die Tierkenntnis an diesem Punkte ab, so ist eine andere Quelle für sie in Jagden und Reisen zu suchen. Eine dritte rinnt aus der Medizin, besonders der Kenntnis des menschlichen Körpers und seiner Teile, endlich auch aus der Opferschau. Aber auch allgemeinere Beziehungen knüpfen den Anfang der Zoologie an Urzeiten und Urzustände, religiöse Vorstellungen über die Zusammensetzung der Körperwelt, über Veränderungen in ihr, über Entstehung der belebten und unbelebten Welt überhaupt. Ja, diese außerhalb der Tierkenntnis entstandenen, der kosmologischen Spekulation entspringenden Verallgemeinerungen kehren mit zwingender Notwendigkeit wieder und teilen sich mit den Interessen der Praxis wie Tierzucht und Medizin zeitweise in die Beherrschung zoologischen Wissens auch späterer Zeiten. Dieses erste Entwicklungsstadium der Zoologie, das mit einer gewissen Regelmäßigkeit sich wiederholt, hat seine ältesten bleibenden Spuren bereits in Denkmälern der westasiatischen Völker hinterlassen.
2. Zoologie der asiatischen Völker.
So wissen wir, daß schon Wu-Wang, der Ahnherr der chinesischen Tschendynastie (ca. 1150 v. Chr.), einen „Park der Intelligenz“ anlegte, der noch im 4. Jahrhundert v. Chr. bestand und Säugetiere, Vögel, Schildkröten und Fische enthielt.