Aber sie hat gewisse Voraussetzungen und Schranken, die einen Abschluß bei ihr verbieten. Sie hat vornehmlich den Einzelnen und die Wahrung seiner Unabhängigkeit im Auge, der Stand des Ganzen macht ihr weniger Sorge, und den Aufbau eines geistigen Zusammenhanges unternimmt sie nicht; zugleich denkt sie den Einzelnen als stark und als den Verwicklungen nicht nur der Außenwelt, sondern auch der eigenen Seele vollauf gewachsen; so spricht sie mehr zu den Höhen als zum Gesamtstand der Menschheit, und bei aller Beteuerung der Würde alles Menschenwesens befaßt sie sich wenig mit den Niederungen des Menschenlebens. Auch wird das Leben hier mehr ein Abwehren als ein Vorwärtsschreiten. Die Grundüberzeugung wird tapfer gegen alle Zweifel und Widerstände behauptet, nicht aber das Leben durch Erschütterung, Zweifel und Leid hindurch wesentlich weitergebildet. Das Ganze ist mehr Festhaltung des alten Standes als Anbahnung eines neuen; ein solcher ist aber nicht zu entbehren, wenn das menschliche Leben im eigenen Innern schroffe Widersprüche enthält. So genügt die bloße Abwehr nicht, ohne Vorhaltung und Antrieb eines erhöhenden Ziels würde das Leben seine Spannung verlieren und leicht in trägen Stillstand kommen. Solches Stocken gilt es fernzuhalten, und das zu tun unternimmt die Religion.
Die Wendung zur Religion tritt in unsere Untersuchung nicht plötzlich und unvermittelt ein, denn unsere Überzeugung von der Eröffnung einer höheren Stufe des Lebens beim Menschen und seinem Getragenwerden dadurch enthält von Haus aus einen, wenn auch nicht direkt religiösen, so doch der Religion verwandten Charakter. Zu einer weiteren Ausbildung dieses Charakters treibt aber die Erfahrung der ungeheuren Widerstände, die das Geistesleben in der Welt des Menschen erfährt, sowie seiner Ohnmacht gegen sie; die Hemmungen mögen so lange sich leidlich ertragen lassen, als sie nur von außen kommen; sie werden unerträglich, wenn sie auch den tiefsten Grund des Lebens ergreifen, und mit unheimlicher Klarheit sich dort ein schroffer Zwiespalt auftut. Dann führt die Sachlage unvermeidlich auf dieses Entweder — Oder: entweder kommt das Gesamtleben mit seiner bisherigen Eröffnung bei uns nicht weiter, und es wird damit das menschliche Leben völlig sinn- und zwecklos, oder es muß sich über den bisherigen Stand hinaus noch eine weitere Tiefe und Kraft erschließen, womit die Hemmungen freilich nicht einfach entfallen, aber eine Befreiung von ihrem Drucke möglich wird und das Streben wieder in Fluß gerät.
Hier setzt nun die Behauptung des Christentums ein und eröffnet neue Möglichkeiten. Freilich können wir diese als Philosophen und als Kinder der Gegenwart nicht entwickeln, ohne uns mit der überkommenen kirchlichen Fassung offen und ehrlich auseinanderzusetzen. Nach dieser Fassung ist der Mensch aus freier Entscheidung von Gott abgefallen und hat dadurch die ganze Welt in Tod und Elend verstrickt. Diese Schuld hat den Zorn Gottes erregt, Zorn natürlich nicht im Sinne eines Affektes, sondern als Ausdruck des sittlichen Ernstes; dieser Zorn ist zu beschwichtigen, und das kann nur durch eine Sühnung der Schuld geschehen. Eine solche Sühne kann aber nicht der durch seinen Fall alles sittlichen Vermögens beraubte Mensch vollbringen, sie kann nur dadurch erfolgen, daß Gott in seiner alles überwindenden Liebe selbst Mensch wird, die Schuld auf sich nimmt, sie durch Leiden und schmachvollen Tod sühnt und dadurch das Liebesverhältnis in voller Herrlichkeit wieder herstellt. — Wir können unmöglich an dieser Stelle eine kritische Erörterung dieses Gedankenganges unternehmen[1], dessen gewaltigen Ernst und dessen aufrüttelnde Kraft wir aufrichtig anerkennen, aber der Behauptung wird sich kaum widersprechen lassen, daß er, dem Mittelalter entsprungen, heute vielen ernsten Seelen schlechterdings unhaltbar geworden ist, daß deren religiöse Überzeugung jener mittelalterlichen Fassung entwachsen ist. Es ist eine Torheit und ein Unrecht, sie deswegen einer geringeren Tiefe zu bezichtigen. Damit aber entsteht die Frage, ob sich das Christentum von jener Fassung ablösen läßt und doch eine Weltmacht bleibt, sowie dem Leben die gesuchte Erhöhung verspricht. Wir bejahen diese Frage zuversichtlich, wir bejahen sie von den Grundtatsachen des Lebens aus, die allem Wandel der Zeiten überlegen sind. Eigentümlich ist hier zunächst die Verschärfung des Problems. Das Übel wird hier nicht so sehr im Verhältnis zur Welt als im Innern selbst gefunden, die sittliche Schuld wird zur Wurzel alles Übels, zu dem, was allem Leid erst seine volle Schwere verleiht. Aber aller Erschütterung, die daraus hervorgeht, tritt die felsenfeste Überzeugung entgegen, daß das Göttliche nicht in jenseitiger Höhe über der niederen Sphäre verbleibt, sondern daß es in alle ihre Abgründe eingeht, ohne sich darin zu verlieren, daß es durch seine volle Selbstmitteilung dem Menschen ein aller bisherigen Betätigung überlegenes Leben mit einem neuen Mittelpunkt schafft, das aber aus einem unmittelbaren Verhältnis zum Ganzen des Lebens im Gegensatz zu allem Wirken und Schaffen an der Welt, in Bildung eines neuen Bereiches der Wirklichkeit auch gegenüber aller Geisteskultur. Damit wird die Grundtatsache der Setzung göttlichen Lebens im Menschen, diese Voraussetzung aller Geistigkeit, ein gutes Stück weitergeführt: was vorher sich über das ganze Leben ausbreiten sollte, das wird nun in sich selbst konzentriert und eröffnet damit noch mehr ursprüngliche Tiefe. Alle Größen und alle Begriffe müssen sich damit steigern. Die Innerlichkeit prägt nun noch stärker ihre Überlegenheit aus, indem sie sich in vollem Kontrast zur Welt entwickelt, die Gesinnung wird hier bei sich selbst zur Tat, die Idee des Geisteslebens wächst zur Gottesidee und das Reich des Geistes zum Gottesreich. Die Eröffnung des neuen Lebens an den Menschen wird damit weit mehr zur freien Tat, zur rettenden und erhöhenden Tat, zu einer Bekundung der Liebe, die nichts verloren gehen läßt und sich mit ihrer ganzen Fülle gibt. So durchgängig eine seelische Erwärmung und zugleich eine festere Einwurzelung des erhöhenden Lebens.
Der eigentümliche Charakter dieses neuen Lebens erscheint besonders deutlich in seinem Verhalten zum Leid. Jenes flieht nicht das Leid und sucht es nicht irgendwie abzuschwächen, sondern es würdigt es vollauf und geht in seine ganze Ausdehnung ein, nicht um es stehen zu lassen, wie es steht, sondern um es in einen Gewinn zu verwandeln. Solche Verwandlung ist keineswegs so leicht und einfach, wie oft behauptet wird. Denn der oft gehörten Meinung, daß das Leid die Seele veredle und vertiefe, widerspricht schnurstracks die Erfahrung. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge macht das Leid den Menschen eher eng, klein, scheelsüchtig, es bringt viel Jämmerlichkeit zutage, während die Befreiung von Not und Sorge das Herz erweitert und hilfsbereit macht. Vertiefend kann das Leid nur wirken, wenn der Erschütterung des Menschen eine höhere Macht entgegenkommt und ihm durch die Erschütterung hindurch sich selbst erschließt. Dann läßt sich auch im Menschen etwas wecken, das ihm bis dahin unzugänglich blieb, dann läßt sich auch ein Glaube an den Menschen wiedergewinnen, an den Einzelnen wie an die Völker und an das Ganze der Menschheit. Dieser Glaube geht dann aber nicht auf den natürlichen Stand und die Naturbegabung des Menschen, sondern auf das in ihm eröffnete und ihm als eigenes Selbst verliehene göttliche Leben. Von hier aus erhält erst die Tatsache volles Licht und einen festen Zusammenhang, daß in schwerem Leid oft Edles unerwartet im Menschen hervorbricht, und daß damit dasjenige, was bisher unser ganzes Wesen dünkte und uns starr zu binden schien, sich als eine besondere Stufe erweist, über die es zwingend hinaustreibt. So geschieht es wohl auch den Kulturen: was besonderen Zeiten die endgültige Lösung scheint, das erweist sich in großen Prüfungen, wie wir eine solche auch heute erleben, als unzulänglich und schal; auch im Gelingen leben die Kulturen sich aus und werden greisenhaft; ein Verzagen und Verzichten wäre kaum zu vermeiden, bestünde nicht eine Möglichkeit des Hervorbrechens neuer und reiner Anfänge, die Möglichkeit eines Jugendlichwerdens der Menschheit. Aber woher soll diese neue Jugend kommen, wenn sich nicht der Menschheit ursprüngliche, von der Verwicklung unberührte Lebensquellen erschließen? So macht diese Lebensoffenbarung, und wohl nur diese, es möglich, das Leid in seiner vollen Herbheit anzuerkennen und darüber den Mut des Lebens nicht zu verlieren, ihn vielmehr weiter zu steigern. Da aber auch beim Siege das Leid nicht völlig verschwindet, sondern sein Wirken fortsetzt, so kann dieses Leben beide Pole gegenwärtig halten: Schmerz und Freude, Hemmung und Überwindung, und die Seele dadurch in unablässige Bewegung versetzen. Jener Aufstieg zum Ja durch das Nein macht mit seiner Forderung einer durchgreifenden Wandlung erst eine Geschichte der Seele möglich, erhebt auch die Weltgeschichte erst zu einer wahrhaftigen Geschichte, während sie sonst eine bloße Evolution, ein bloßer Naturprozeß bleibt. Es hängt damit zusammen, daß, wie William James bemerkt, sich gehaltvolle Selbstbiographien in der Weltliteratur fast nur auf dem Boden des Christentums finden. Was hätte man auch zu berichten, wenn die Seele als Ganzes keine Aufgabe in sich trägt?
Bei der näheren Entwicklung dessen sei aber mit voller Kraft und Klarheit der Gedanke gegenwärtig gehalten, der unsere Erörterung leitet, der Gedanke, daß das Ganze selbständigen Lebens, das nunmehr als ein göttliches anerkannt wird, den Menschen nicht nur mit einzelnen Wirkungen berührt, sondern mit seiner ganzen Fülle als eine selbständige Lebensquelle unmittelbar in ihn gesetzt wird. Das entspricht dem Grundgedanken des Christentums von dem vollen Eingehen Gottes in die Welt und dem Göttlichwerden des Menschen. Es ergeben sich daraus notwendig zwei Forderungen, die einander leicht widersprechen können: das neue Leben muß in jeder Seele schlechterdings ursprünglich sein und zum Kern ihres eigenen Wesens werden, zugleich aber muß es das Ganze einer Welt in sich tragen, es muß daher, um sich zu entfalten, auch im menschlichen Bereich ein großes Lebensreich bilden, es darf nicht eine Sache des bloßen Individuums bleiben. Wir dürfen nicht alles nur auf uns beziehen und meinen, wovor Eckhart warnt, Gott habe »die ganze Welt vergessen bis auf mich allein«. Wir wissen, wie diese Zweiheit sich geschichtlich im Gegensatz von Kirche und Persönlichkeit ausdrückt, dort die Gefahr einer Bindung des Einzelnen und eines Zurücktretens der Gesinnung vor den Leistungen, den »religiösen Pflichten« — ein höchst unsympathisches Wort —, hier die einer Zersplitterung in lauter individuelle Kreise, zugleich die Gefahr eines Überwucherns subjektiver Zuständlichkeit, eines Mangels an geistiger Substanz. Jener Gedanke der Untrennbarkeit beider Seiten gestattet ein Streben nach einer Überwindung des Gegensatzes, er verhindert, die Spaltung in Katholizismus und Protestantismus als endgültig hinzunehmen, da jede Seite eine unentbehrliche Wahrheit vertritt, die sich ohne schweren Schaden nicht verdunkeln läßt.
Zu solcher Verwicklung der Gestaltung gesellt sich die Schwierigkeit einer Umsetzung der Grundtatsachen in eine Gedankenwelt. Da jene Tatsachen über dem Bereiche der Arbeit liegen, der unsere Begriffsbildung beherrscht, so können sie in Begriffen nur annähernd dargestellt werden, so müssen oft Bilder genügen, um das Erlebnis faßbar zu machen. So namentlich beim Gottesbegriffe selbst. Es erscheint hier viel Schwanken zwischen verschiedenen Fassungen, zwischen ontologischen Größen, wie absolute Einheit, absolutes Sein, die mehr eine philosophische als eine religiöse Bedeutung haben, und Größen, welche den Begriff dem menschlichen Empfinden näherrücken, wie namentlich dem der Persönlichkeit, die damit mehr Wärme gewinnen lassen, aber zugleich der Gefahr eines Verfallens ins Bloßmenschliche ausgesetzt sind. Tatsächlich pflegen zwei verschiedene Gottesbegriffe ohne eine genügende Auseinandersetzung ineinander zu verfließen. Diese Spaltung von Weite und Ferne einerseits, von Nähe und Enge andererseits, die das religiöse Leben nach entgegengesetzter Richtung treibt, ist nur zu überwinden, wenn als Grundbegriff nicht das absolute Sein, sondern das absolute Leben gilt, zugleich aber die Gegenwart dieses Lebens beim Menschen anerkannt und er damit über die bloße Besonderheit hinausgehoben wird. Auch so verbleibt es freilich bei bloßen Annäherungen, aber das macht uns den Grundgehalt mit seiner Erhöhung des Lebens keineswegs unsicher oder machtlos. Die Sache sinkt dadurch nicht zu einem bloßen Spiel der Phantasie, daß der Mensch zu ihrer Darstellung der Bilder nicht entraten kann.
Daß jene Schranke dem Leben der Religion nicht allzu gefährlich wurde, das bewirkt vornehmlich die tatsächliche Gestaltung des Christentums auf dem Boden der Geschichte. Wir denken dabei namentlich einerseits an den Aufbau einer religiösen Gemeinschaft als einer lebensvollen Gegenwärtighaltung einer höheren Ordnung, eines Reiches Gottes auf Erden, wie die Kirche sie bildet oder doch zu bilden strebt, andererseits an die starken Persönlichkeiten, welche das Christentum aufweist, und deren vollste Kraft es gewann, vor allem an die begründende Persönlichkeit Jesu. Die Eigenschaften, die sich uns zur Entfaltung alles höheren Lebens in der Menschheit vornehmlich notwendig zeigten, erscheinen hier in einer das sonstige Maß weit überschreitenden Verkörperung. Wir forderten Liebe, damit die Bewegung zur Höhe alle Hemmungen des niederen Standes überwinde, hier finden wir eine Liebe, welche die von Plato und Goethe gepriesene Liebe mit ihrer Innigkeit und Opferwilligkeit weit übertrifft; wir forderten volle Selbständigkeit und Ursprünglichkeit; wie könnte sie größer sein als hier, wo ein von Grund aus neues Leben entsteht und ganz und gar aus sich selber schöpft; wir forderten Tapferkeit und Unerschrockenheit; wo könnte sie größer sein als hier, wo nicht dieses oder jenes in der vorgefundenen Welt, sondern diese ganze Welt angegriffen und entwertet wird? So ging von hier ein Lebensstrom aus, der den Jahrtausenden ursprüngliches Leben zuführt und die Menschheit immer wieder zu sich zurückruft, damit sie an ihm sich läutere und aus ihm ein neues Leben schöpfe. Die verschiedenen Zeiten sahen und fanden bei ihm verschiedenes, aber wer immer in nähere Berührung mit ihm trat, der fühlte sich zur Ehrfurcht vor der schlichten Hoheit des Zimmermannssohnes gezwungen und fand sein Leben durch ihn gehoben, ja in neue Bahnen getrieben. Nur führe alle Verehrung nicht zu einem Jesuskult und zu einer Anbetung, die dem göttlichen Wesen selbst allein vorbehalten sei; sie darf das auch deshalb nicht, weil damit leicht der Zusammenhang mit dem gemeinsamen Menschheitsleben gelockert und das Christentum zu sehr als eine einmalige Tat, zu wenig als ein die ganze Geschichte durchdringendes, jeden Einzelnen zur Mitarbeit und zur Fortführung aufrufendes Werk verstanden wird. Die alte Kirche, zum Beispiel der größte Kirchenlehrer des Morgenlandes, Origenes, fand die Forderung nicht zu kühn, jeder solle nicht bloß ein Anhänger Christi sein, sondern selbst ein Christus werden; wir Neueren werden den Gedanken wohl anders fassen, aber darauf müssen auch wir bestehen, daß das Christentum einen fortlaufenden Lebensstrom, ein gemeinsames Werk bilden muß, wenn es die Menschheit geistig führen und in jedem Einzelnen sichere Wurzel schlagen soll. Wir sehen, an Verwicklungen fehlt es nicht, aber es sind Verwicklungen nicht der Kleinheit, sondern der Größe, und allen Verwicklungen gegenüber erhält sich die eindringliche Wahrheit und die schlichte Einfalt des Grundbestandes. Vieles Grübeln führt dabei nicht weiter, geben wir uns vielmehr rückhaltslos der Größe dieser Welttatsache hin, gedenken wir der Worte Pestalozzis: »Das Staunen des Weisen in die Tiefen der Schöpfung und sein Forschen in den Abgründen des Schöpfers ist nicht Bildung der Menschheit zu diesem Glauben. In den Abgründen der Schöpfung kann sich der Forscher verlieren, und in ihren Wassern kann er irre umhertreiben, fern von der Quelle der unergründlichen Meere. — Einfalt und Unschuld, reines menschliches Gefühl für Dank und Liebe ist Quelle des Glaubens. Im reinen Kindersinn der Menschheit erhebt sich die Hoffnung des ewigen Lebens, und reiner Glaube der Menschheit an Gott lebt nicht in seiner Kraft ohne diese Hoffnung.«
So vollzieht die Religion eine Erhebung über das Gebiet der Hemmung, indem sie dem Menschen ein in Gott gegründetes und von göttlicher Liebe getragenes Leben eröffnet; es tritt damit zur kämpfenden Geistigkeit eine überwindende, und was der zunächst vorhandene Lebensstand an Gutem getrübt und gebunden aufwies, das erlangt nunmehr eine Selbständigkeit, es vermag sich zusammenzuschließen und eine reine Gestalt zu erstreben. Aber so gewiß solche Wendung zeigt, daß der Lebenskampf nicht vergeblich ist, sie besagt keinen reinen Sieg, sie löst nicht glatt das Problem. Dazu läßt die Bewegung viel zu viel unergriffen, dazu behält das Feindliche viel zu viel Wirklichkeit, die Welt des Menschen wird damit keineswegs ein Reich der Vernunft. Das kann freilich nicht dem Zweifel die Oberhand geben, denn die Tatsache des Erscheinens eines neuen Lebens wird durch allen Widerstand keineswegs aufgehoben; ja wenn sie außer allem Zweifel steht, so muß der Widerstand selbst ihre Selbständigkeit und Überlegenheit bestärken, denn eben die Verworrenheit und die Unlauterkeit des Weltgetriebes, sowie das moralische Unvermögen des Menschen macht klar, daß nicht von da aus jene Erhöhung des Lebens stammen kann, daß sie nicht ein Erzeugnis des bloßen Weltlaufs ist, daß sie aus göttlicher Macht stammen muß. So die eigentümliche Denkweise der Religion, die nicht mit dem »weil«, sondern mit dem »obgleich« schließt, die nicht aus der Vernunft, sondern aus der Unvernunft der Welt und den ihr innewohnenden Widersprüchen die Gewißheit des Bestehens einer höheren Ordnung schöpft, eine Denkweise, die freilich nicht ohne Gefahr ist und leicht überspannt werden kann.
So viel aber ist gewiß: das Beharren des Widerstandes zwingt zu einem eigentümlichen Urteil über die Gesamtlage der Menschheit. Das Ganze der Welt, das sie umfängt, mit seiner Unfertigkeit und seinen Gegensätzen, mit seinem Angewiesensein auf eine der Verwicklung überlegene Ordnung, kann nicht das Ganze der Wirklichkeit bilden und nicht in sich einen Abschluß tragen, es ist ein Stück einer weiteren Wirklichkeit, eine besondere Art des Seins, die tieferer Gründe und weiterer Zusammenhänge bedarf, um überhaupt zu bestehen und einen Sinn zu erlangen. So suche auch unser Handeln nicht in dieser widerspruchsvollen Welt seine letzten Ziele, es bleibe vielmehr inmitten alles Kampfes unbeirrt auf eine Welt überlegener, selbständiger Geistigkeit gerichtet, um sie bei uns aufrechtzuhalten und möglichst zur Wirkung zu bringen, in festem Vertrauen darauf, daß letzthin nichts von dem verloren sein kann, was dem Aufbau wahrhaftigen Lebens dient. Unser Leben behält auch dann einen Sinn und Wert, wenn es mehr ein inneres Vordringen als ein äußeres Überwinden, mehr ein Wecken und Sammeln der Kräfte als ein volles Erreichen der Ziele ist, wenn es in Zusammenhängen steht, die wir nicht klar durchschauen. So dachte auch Luther, wenn er sprach: »Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gange und Schwange, es ist nicht das Ende, aber der Weg. Es glühet und glänzet nicht alles, es feget sich aber alles.«
Solcher Stand der Dinge führt notwendig auf die Unsterblichkeitsfrage und zugleich unter all die Verwicklung, welche dieser Frage innewohnt. Wie viele Gründe den Menschen der Gegenwart an einer glatten Bejahung hindern, das bedarf keiner näheren Darlegung, nur das eine sei angeführt, daß ein unbegrenztes Fortbestehen in dieser zeiträumlichen Existenz, ein Fortbestehen der besonderen Individualität mit all ihrer Enge und Zufälligkeit, manchem von uns weniger ein Glück als ein schweres Unglück dünken möchte; wir brauchen das nur durchzudenken, um es geradezu unerträglich zu finden. Aber trotzdem macht es sich auch nicht so leicht mit einer völligen Verneinung. Zunächst ist es nicht bloß niedrige Lebensgier, welche eine Fortdauer suchen heißt, und es handelt sich dabei nicht bloß um eine Rettung unserer natürlichen Besonderheit, sondern um das selbständige Leben, das bei uns durchbricht, uns zu selbsttätigen Lebensträgern macht und uns an Unendlichkeit und Ewigkeit teilnehmen läßt. Erlösche alles, was an Geistigem im Menschenwesen belebt wird, mit dem körperlichen Untergange, so würde ja auch das ganze Menschengeschlecht dahinschwinden, wie die welken Blätter vom Baume fallen, und all sein Mühen und Wirken, das ja, wie wir sahen, kein Reich der Vernunft ergibt, sondern in den Gegensätzen stecken bleibt, mitten im Streben abbrechen und damit völlig sinnlos werden. Das müßten wir uns so lange gefallen lassen, als wir die Sache vom bloßen Menschen aus betrachten; steht sie aber so, daß darin das absolute Leben sich dem Menschen eröffnet und ihn zu selbständiger Mitwirkung aufruft, so würde der Zweifel und die Verneinung jenes Leben selber treffen; ist der Aufbau des Geisteslebens in der Menschheit ein göttliches Werk, so kann sie nicht schlechthin vergehen. Daher verficht die religiöse Überzeugung die Unsterblichkeit nicht vom bloßen Menschen, sondern von Gott her, nach den Worten Augustins: »Für sich selbst kann nicht untergehen, was für Gott nicht untergeht.« Wird aber dieser Gedankengang eingeschlagen, so ist er auch zu Ende zu führen; Unsterblichkeit kann dann nicht eine unbegrenzte Fortdauer in Zeit und Raum, sie muß eine Erhaltung im göttlichen Leben mit seiner ewigen Ordnung bedeuten. Worauf es ankommt, ist die Überzeugung, daß des Menschen Leben und Streben sich nicht in die bloße Zeit erschöpft, sondern auf Ewiges geht, und daß dies Ewige nicht auf einzelne Leistungen beschränkt bleibt, sondern den Kern des Wesens betrifft. Eine derartige Ewigkeit dürfen wir um so getroster verfechten, als wir sie nicht erst von der Zukunft erwarten, nicht bloß auf sie hoffen und harren, sondern sie schon besitzen, mitten in ihr stehen, in ihr den Standort unseres geistigen Lebens haben. Insofern können wir mit Goethe zusammengehen, wenn er meint, daß »das Beständige der ird'schen Tage uns ewigen Bestand verbürge«, wir können sogar mit Kant einen Vorteil darin finden, daß uns bei dieser Frage alle nähere Vorstellung versagt ist, da eine solche uns leicht an der vollen Hingebung an das gegenwärtige Leben hindern würde, das uns wahrlich genug zu tun gibt. Ein Glaube an eine ewige Ordnung und unsere Zugehörigkeit zu ihr sei unbedingt festgehalten; ohne eine Begründung in solcher Ordnung wird alles Leben und Streben in der Zeit zu bloßem Schatten und Schein, und verfällt unser Leben unrettbar einer völligen Sinnlosigkeit. Dafür aber steckt doch zu viel in ihm.