Solchen Zweifeln und Enttäuschungen gegenüber ist es ein bloßer Scheintrost, daß unsere Arbeit der Heranbildung eines neuen Geschlechtes diene, unsere Mühe diesem fromme. Denn was wird damit gewonnen, wenn das neue Geschlecht auch nur wieder ein neues heranzieht, und dieses wieder ein anderes, wenn jedes die Frage einem anderen zuschiebt, und damit das Leben nie über das Suchen hinaus zu einem Beisichselbstsein gelangt? Schließlich erscheint das unermüdliche Streben von Geschlecht zu Geschlecht als ein bloßes Mittel, die Menschheit physisch zu erhalten; es mag dann eine grobe Irrung dünken, daß wir uns als einen Selbstzweck behandeln und vom Leben einen Inhalt begehren. Alle solche Größen stellen sich dann als bloße Lockmittel heraus, die uns vorgespiegelt werden, um uns aus natürlicher Trägheit aufzurütteln. Wir alle werden damit bloße Durchgangspunkte des Lebens, Wogen, die sich rasch zusammenballen und ebenso rasch zerrinnen, Wogen, die einander unaufhörlich verdrängen. Dieser Stand der Dinge mag so lange verborgen bleiben, als der Blick nur an einzelnen Geschehnissen haftet; sobald aber ein überschauendes Denken die Erfahrungen ins Ganze faßt, wird die Sinnlosigkeit dessen offenbar, und das letzte Wort behält die Verneinung.

So pflegt es zu sein, so braucht es aber nicht zu sein; daß es so ist, das liegt am Menschen selbst, der sein Leben allein auf die Umgebung richtet und es von ihr abhängig macht, statt ihm eine Selbständigkeit zu erringen und die Bildung des Innern voranzustellen. Wir sahen, wie hohe Ziele das menschliche Leben enthält, auch der Einzelne kann sie ergreifen, sein Dasein in Tat verwandeln, eine Unendlichkeit in der eigenen Seele entdecken, den Kampf gegen alles Schicksal getrosten Mutes unternehmen. Er kann das von der Überzeugung aus, daß überlegene Macht in ihm ein neues Leben und eine ursprüngliche Quelle erschließt; zu dessen Aneignung und Entfaltung aber bedarf es seiner Gesinnung und Tat. Das Leben erhält einen völlig anderen Anblick, wenn es nicht bloß an uns vorgeht, sondern unser eigenes Werk werden kann, wenn es nicht eine vorgeschriebene Linie nur fortsetzt, sondern die Forderung einer großen Wendung in sich trägt, die Forderung eines Überlegenwerdens nicht nur gegen die Natur, sondern auch gegen den flachen und widerspruchsvollen gesellschaftlichen Durchschnitt, die Forderung, das Ganze der Lebenswelt im eigenen Wesen zu ergreifen. Es stehen dabei nicht bloß einzelne Leistungen in Frage, sondern ein einziges aller Mannigfaltigkeit überlegenes Ziel, die Erhebung des Menschen zu einem selbständigen Lebenszentrum, die Bildung eines geistigen Kernes, einer geistigen Energie, die Geburt eines Geistesmenschen statt des bloßen Daseinsmenschen. Denn »der Mensch muß zweimal geboren werden, einmal natürlich und sodann geistig, wie der Brahmine« (Hegel). Brahminen in diesem Sinne sind aber wir alle, mag der Daseinskreis des Einzelnen noch so bescheiden sein. So darf es mit Goethe heißen: »Gott begegnet sich immer selbst; Gott im Menschen sich selbst wieder im Menschen. Daher keiner Ursache hat, sich gegen die Größten gering zu achten.«

Zum Gelingen der Wendung bedarf es einmal eines unablässigen Hochhaltens der Gesinnung, es bedarf aber auch einer emsigen Arbeit, welche dem Menschen einen eigenen Bereich erringt, ihm eine eigentümliche Wirklichkeit schafft und ihn sich darin befestigen läßt. Die Bewegung bleibe nicht ein bloßes Wogen und Wallen, sie strebe auch zu irgendwelchem geschlossenen Werke, weniger wegen der Leistung, die stets unvollkommen bleibt, als zur notwendigen Aufrüttelung, Zusammenfassung und Lenkung der Kräfte; ohne das kann das Leben nicht stark in sich selbst und zur vollen Wirklichkeit werden. Gewiß wird es so gefaßt alles eher als ein sicheres Fortschreiten oder gar ein behagliches Genießen. Mit seiner Forderung, Unendliches im Endlichen, Zeitüberlegenes im Zeitlichen, Freischaffendes im Gegebenen und Gebundenen, Liebe in der Welt der Selbstsucht und des Streites zur Macht und Wirkung zu bringen, enthält es einen durchgängigen Widerspruch; diesen Widerspruch kann das Alltagstreiben verdunkeln und vergessen, den Höhen menschlichen Strebens aber war er mit voller Klarheit gegenwärtig: die edelsten Menschen machten sich die meisten moralischen Sorgen, »die Heiligen pflegen sich für Sünder und die Sünder für Heilige zu halten« (Pascal), die größten Künstler fühlten besonders schmerzlich den weiten Abstand zwischen Wollen und Vollbringen, und tiefste Denker fühlten sich namentlich getrieben, einer Überschätzung des menschlichen Erkenntnisvermögens entgegenzuwirken und scharf seine Grenzen zu ziehen. Aber das alles kann nicht erschrecken, wenn der Mensch der lebendigen Gegenwart erhöhender Mächte gewiß ist und sein Werk nicht als eine Privatangelegenheit, sondern als eine ihm zugewiesene, aber zugleich vom Gesamtleben getragene Aufgabe führt, nicht aus eigener, sondern aus verliehener Kraft. Dabei fällt auch das ins Gewicht, daß das Leben des Menschen verschiedene Schichten enthält, und daß selbst das Mißlingen bei einer von ihnen für das Ganze ein Gewinn werden kann. Wir haben uns zunächst im Bereich der Natur und des gesellschaftlichen Zusammenseins zu erhalten, über die dort waltende Notwendigkeit und Nützlichkeit erhebt weltbauendes geistiges Wirken und Schaffen in ein Reich der Geisteskultur, über diesem aber wölbt sich als letzter Abschluß ein Reich weltüberlegener Innerlichkeit und weltüberwindender Liebe. In diesem letzten kann auch das einen Wert erlangen, was äußerlich nicht zur vollen Wirkung kam, ja es verschwinden hier alle Unterschiede der Leistung. Denn hier wird zum entscheidenden Hauptwerk die Gesinnung, Gesinnung als tätige Haltung, nicht als passiver Zustand, hier gilt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das auch die geringste Arbeit nicht verwirft, wenn sie nur aus der treuen Einsetzung der ganzen Seele hervorging.

Steht es so mit dem Menschen, so kann er den Gefahren trotzen, welche sein Leben nach kurzem Aufschwung in ein Stocken und Sinken zu bringen drohten. Nun kann er dem Schicksal, das ihn umfängt, ein ursprüngliches Leben entgegensetzen und damit sein Dasein in einen unablässigen Kampf zwischen Schicksal und Freiheit verwandeln; nun kann er die entweichende physische Jugend durch eine geistige ersetzen und gegenüber einem erstarrenden Mechanismus das Leben in frischem Fluß erhalten. Auch erschöpft sich nunmehr das Leben nicht mehr in ein Nacheinander einzelner Vorgänge, es bleibt kein bloßes Kommen und Gehen, sondern nunmehr vermag es gegen den Wirbel und Wandel eine Hauptrichtung festzuhalten und eine beharrende Gegenwart auszubilden, die alles, was dem inneren Fortgang dient, verbinden und durcheinander befestigen kann. Hat unser Leben so viel bei sich selbst zu tun und verheißt sein Verlauf so reichen Gewinn, so kann es auch nicht mehr echte Weisheit bedeuten, das Leid, das uns traf, einfach abzuschütteln und möglichst alle Spur von ihm auszutilgen, sondern dann hat es einem Ganzen des Lebens gegenwärtig zu bleiben und zu seiner Förderung zu wirken.

Solche innere Bildung vermag durch den ganzen Verlauf des Lebens im Aufstieg zu bleiben und an geistiger Frische zu wachsen; es wird von hier aus die Forderung der Mystik verständlich, der Mensch solle jeden Tag jünger werden, jeden Tag mehr aus der Zeit in die Ewigkeit treten; nur werden wir dabei weniger mit der Mystik an bloße Kontemplation als an schaffende Tätigkeit denken. Wie in diesem Zusammenhange das Leben sich nicht als ein Aufzehren eines gegebenen und begrenzten Kapitals darstellt, sondern als das Schaffen eines neuen, das ins Grenzenlose zunehmen kann, so wird nun das sentimentale Zurückblicken auf die Jugendzeit und das Klagen über den Verlust ihrer Frische und Spannkraft zu einem Ausdruck matter und flacher Denkart, ja zu einem Zeugnis dessen, daß das Leben sein Ziel verfehlte.

Nicht minder als dem Sinken der Jugendkraft läßt sich auch der Mechanisierung der Arbeit und dem Unterliegen unter starre Routine erfolgreich Widerstand leisten. Uns bezwingen nicht sowohl die Außendinge als unsere innere Schwäche, unser Unvermögen, inmitten der Arbeit ein Werk des ganzen Menschen zu wahren und von ihm aus die Arbeit zu beseelen. Werfen wir nicht auf das Schicksal, was in Wahrheit wir selbst verschulden!

Wenn die Festhaltung einer durchgehenden inneren Aufgabe das Leben in ein fortlaufendes Werk verwandelt und der Verlust nach außen hin sich durch einen inneren Gewinn ersetzen läßt, so behalten auch die späteren Lebensstufen ein eigentümliches Recht und einen eigentümlichen Wert. Auch Güter wie Kraft und Schönheit beschränken sich nicht auf die Jugendzeit, auch die späteren Alter können sie besitzen, nur werden diese sie anders gestalten und mehr ins Seelische wenden müssen. Wir ergeben uns gewöhnlich viel zu früh und machen weit weniger aus uns, als wir könnten, unser schlimmster Feind ist die eigene Verzagtheit, ist der Mangel an rechtem Glauben. Richtig verstanden hat auch das Greisenalter seinen besonderen Wert, es braucht kein mattes Verklingen zu sein, es kann ein inneres Zusammenfassen des Lebens werden und eine Emporhebung über alle äußeren Maße vollziehen. Wohl lockert sich das Verhältnis zur Zeit, jedoch nur das zu ihrer Oberfläche, nicht zu dem Ewigkeitsgehalt, der allein den Zeiten eine Tiefe gibt und sie zu einem gemeinsamen Werke verbindet. Auch das Einsamerwerden gegen die Menschen braucht keine Vereinsamung zu bedeuten, wenn Liebe zum Menschenwesen bleibt und immer neue Tätigkeit wachruft, wenn vor allem der Mensch in den Zusammenhängen des geistigen und göttlichen Lebens sich sicher geborgen fühlt und als Glied einer ewigen Ordnung weiß. Dann mag das Leben nach dem Ausdrucke Leibnizens gegenüber der früheren Evolution eine Art von Involution vollziehen, eine Einkehr in sich selbst, aber es fällt damit nicht ins Leere, wenn es von innen her eine Welt zu eigen gewann, die den Grundbestand aller Wirklichkeit bildet, der gegenüber alles Dasein zu einer niederen Stufe herabsinkt. So erscheint das Greisenalter als ein Prüfstein für den Ertrag des Lebens, für sein Gelingen oder Mißlingen. Wir erwähnten vorhin ein trübe gestimmtes Goethewort; wie der große Lebensweise sich selbst über solche Stimmung hinaushob, das zeigt ein anderer Ausspruch, der seine individuelle Art in unnachahmlicher Sprache verkörpert:

»Die Jahre nahmen dir, du sagst, so vieles:
Die eigentliche Lust des Sinnenspieles,
Erinnerung des allerliebsten Tandes
Von gestern; weit und breiten Landes
Durchschweifen frommt nicht mehr; selbst nicht von oben
Der Ehren anerkannte Zier, das Loben,
Erfreulich sonst. Aus eignem Tun Behagen
Quillt nicht mehr auf, dir fehlt ein dreistes Wagen!
Nun wüßt ich nicht, was dir besondres bliebe.«
»Mir bleibt genug! Es bleibt Idee und Liebe.«

Folgerungen für die Aufgaben der Gegenwart.

So gewiß in den Bewegungen der Weltgeschichte die philosophische Arbeit nur einen bescheidenen Platz einnimmt, so ist sie doch unentbehrlich bei den Fragen, die den ganzen Menschen und die Gesamtrichtung des Lebens betreffen. Daß aber die von uns vertretene Gedankenwelt nach dieser Richtung hin wohl einiges nützen kann, das sei an einigen Hauptpunkten kurz gezeigt.