Diesem Leben fehlte es nicht an Sorgen, Nöten und Schmerzen, die Höhe der Forderung und der weite Abstand des Menschen verhinderten alles bequeme Behagen und alles spielende Glück, ja das Gewicht von Leid und Schuld schien mehr zu wachsen als abzunehmen. Aber die Grunderfahrung der Religion, die Befreiung von drückender Schuld und die Schöpfung eines neuen Lebens durch göttliche Liebe und Gnade, hob den Menschen über den ganzen Bereich von Kampf und Not hinaus; die Einigung mit Gott ließ ihn ein vollkommenes Leben und hohe Seligkeit teilen, in die freilich für den Menschen immerfort der überwundene Schmerz hineinklingt. Wohl verblieb der Widerstand einer gleichgültigen, ja feindseligen Welt, aber in Zweifel versetzen und das Streben lähmen konnte er nicht. So war es kein leichtes Leben, das hier entstand, aber es war ein Leben voller Bewegung und in sicheren Zusammenhängen, es war kein leeres, kein sinnloses Leben.

So hat die religiöse Lebensordnung lange Jahrhunderte beherrscht, sie hat Individuen und ganze Völker verbunden, sie hat unzähligen Seelen sowohl eine kräftige Aufrüttelung als seligen Frieden gebracht. Ihr eigentümlich sind besonders die schroffen Kontraste, worin sie das menschliche Leben versetzt: die Gottheit zugleich in weltüberlegener Hoheit und in nächster seelischer Nähe (»Gott ist mir näher als ich mir selber bin«, Meister Eckhart), der Mensch verschwindend klein und doch zur Gemeinschaft mit dem Höchsten berufen, Liebe und Ehrfurcht, Milde und Ernst eng miteinander verflochten, tiefes Dunkel und strahlendes Licht, Elend und Seligkeit sich gegenseitig steigernd, ein Aufstieg zum Ja durch ein Nein hindurch, eine volle Anerkennung, aber zugleich auch Heiligung des Leides, in dem allen eine starke Bewegung, die allererst der Seele des Einzelnen wie dem Leben der Menschheit eine wahrhaftige Geschichte eröffnet und diese zum Kern aller Wirklichkeit macht, ein unablässiges Hinausstreben über alle Gegenwart bloßer Zeit, aber zugleich ein sicheres Ruhen in einer gegenwärtigen Ewigkeit. Eine so heroische Größe und zugleich eine solche Innigkeit hat das Leben an keiner anderen Stelle erreicht.

Trotzdem haben sich gegen dieses Leben starke Zweifel erhoben, Zweifel nicht bloß aus eitler Widerspruchslust flacher Seelen, sondern auch aus dem heiligen Ernst eines Ringens um lautere Wahrheit. Bedenken entstanden zunächst aus der eingreifenden Veränderung, welche seit Beginn der Neuzeit das Bild der Natur und bald auch das der Geschichte empfing, es ergab das wachsenden Widerspruch nicht nur an einzelnen Stellen, wie bei der Frage der Wunder, sondern die ganze Welt der Religion konnte von hier aus als zu eng und mit viel menschlicher Zutat behaftet erscheinen. Dieser Widerspruch der Weltbetrachtung läßt sich überschätzen, er läßt sich aber auch unterschätzen. Sicherlich ist Religion etwas anderes als bloße Weltanschauung, aber einen Widerspruch mit gesicherten Zügen des Weltbildes kann auch die Religion nicht ohne schweren Schaden ertragen; ihre Wahrhaftigkeit leidet darunter, wenn sie einer Auseinandersetzung mit ihm aus dem Wege geht. Tiefer freilich geht die schärfere Scheidung der geistigen Arbeit vom menschlichen Seelenstande, wie das moderne Denken sie vollzogen hat. Der Mensch konnte danach als ein Sonderwesen erscheinen, das ganz unfähig ist, die Welt in seine Begriffe zu fassen und ihre Tiefen zu ergründen; die Religion erschien von da aus leicht als ein bloßes Hineintragen menschlicher Bilder und Wünsche in das All, sie konnte diesem Gedankengange schließlich als ein bloßes Wahnbild erscheinen. Aber gegen das alles hätte sich kämpfen und die Grundwahrheit der Religion auch gegen den schroffsten Widerspruch durchsetzen lassen, wäre das Ganze des Lebens in der Verfassung geblieben, aus der die Wendung zur Religion hervorging. Hier aber war ein Umschlag erfolgt, der den Gesamtstand völlig verschob. Jene Wendung war in einem Bruch mit der nächsten Welt entstanden, zu einer Zeit, wo die Menschheit den Glauben an sich selbst und ihr Vermögen verloren hatte, wo sie im besonderen einen schweren moralischen Zwiespalt empfand, und wo nur das Ergreifen einer neuen Welt ihre geistige Vernichtung schien verhüten zu können. Nun aber hatten neue Völker in langen Jahrhunderten der Erziehung neue Kraft gesammelt, und diese Kraft strebte mit dem Beginn der Neuzeit nach voller Betätigung, die nächste Welt wurde ihr zum willkommenen Vorwurf, und das Wirken in ihr drängte die moralischen Probleme, drängte im besonderen den moralischen Zwiespalt der Seele weit in den Hintergrund. Wenn aber solche Wandlung des Lebensgefühls kein starkes Verlangen nach einer Erlösung und völligen Umwandlung aufkommen ließ, so verlor die Religion ihre seelische Nähe und ihre Überzeugungskraft; die Gefahr entstand, daß sie mehr als ein Erbstück der Vergangenheit fortgeführt wurde, als aus eigener Erfahrung hervorging, ja daß sie als eine bloß gesellschaftliche Einrichtung erschien und als solche aus Gründen der Wahrhaftigkeit hart angefochten wurde. Eine derartige Bewegung hat sich von der Höhe der Gesellschaft, wo sie entstand, immer mehr in die breiten Massen gesenkt; wie weit sie auch bei uns Deutschen um sich gegriffen hat, das würde noch deutlicher zutage treten, wenn nicht die sehr problematische Hilfe, welche bei uns der Staat der Religion noch immer zukommen läßt, den wirklichen Stand der Dinge schonend verdeckte. Auch dürfen wir nicht erwarten, daß der gegenwärtige Weltkrieg diese Lage wesentlich ändert. Gewiß bringt er mit seinen ungeheuren Gefahren und schweren Verlusten einen großen Ernst in die Stimmung und lenkt zwingend die Gedanken auf die Fragen des Geschicks und der Bestimmung des Menschen, auf die Fragen von Zeit und Ewigkeit. Aber einer einfachen Beantwortung dieser Fragen im Sinne der überkommenen Religion widerspricht der unabweisbare Eindruck des Wirkens eines dunklen Schicksals, das unbekümmert um menschliches Wohl und Wehe nur die blinde Notwendigkeit walten läßt, den einen opfert, den anderen rettet, wie es sich eben trifft. Auch das gewaltigste äußere Ereignis kann ohne ein inneres Entgegenkommen keine seelische Wandlung erzeugen; so dürfte auch dieser Krieg auf die Seelen verschieden wirken, je nachdem was sie an ihn bringen: er wird die Gläubigen gläubiger und die Ungläubigen ungläubiger machen; er wird die Religion wieder mehr als eine unabweisbare Frage empfinden lassen, aber eine Frage ist keine Antwort.

So kann es scheinen, als sei die Zeit der religiösen Lebensordnung abgelaufen, und als müsse die Religion als ein irreleitender Wahn aus dem menschlichen Leben verschwinden. Aber so einfach, wie ihre Gegner sich die Sache denken, ist diese nicht. Denn die Religion hat weit über alle Lehren und Einrichtungen hinaus in den Grundbestand des menschlichen Lebens eingegriffen und ihm Weiterbildungen gebracht, deren Preisgebung es einer kläglichen Verarmung ausliefern würde. Von ihr kam eine Befreiung von dem schweren Druck des Daseins, das uns sonst unbarmherzig umklammert; sie eröffnete mit ihrer Erhebung über dieses und ihrer Erschließung einer neuen Welt die einzige Möglichkeit, alles Unzulängliche und Verfehlte des menschlichen Lebensstandes vollauf anzuerkennen, ohne darüber die Festigkeit des Glaubens und den Mut des Handelns einzubüßen; mit ihrer Umkehrung des Lebens wurde sie ein Quell heroischer Größe und mit ihrer Vorhaltung absoluter Maße eine gewaltige Kraft der Aufrüttelung und nimmer fertigen Bewegung; die einzigartige Stellung, welche gemeinsame Schätzung der Menschheit der moralischen Aufgabe zuerkennt, rechtfertigt sich vollauf nur in der Welt der Religion; dazu ihre Entfaltung reiner Innerlichkeit — auch die eigentümlich deutsche Färbung des Ausdrucks Gemüt ist der Religion zu verdanken —, sowie ihr Vermögen, den Menschen wie der Menschheit der kaum erträglichen Vereinsamung in einem seelenlosen Weltall zu entziehen, der sie sonst verfallen sind; — wahrlich, wir können die flachen Seelen nur bedauern, die ohne Schaden und Schmerz glauben das alles aufgeben zu können; jedenfalls sind sie mit ihrer Flachheit nicht die berufenen Vertreter der Menschheit, und bringt ihre leichtherzige Verneinung die Sache nicht schon zum Abschluß. Aber zugleich bleibt alles bestehen, was sich gegen die Religion an Bedenken und Zweifeln erhob; so steht das Geistesleben der Gegenwart zwischen dem Ja und dem Nein in haltloser Mitte, und es ist uns die Religion, mit ihr auch die religiöse Lebensordnung, aus einem festen Besitz zu einem schweren Problem geworden; auch das Ewige, was sie enthalten mag, hat sich der Gegenwart neu zu bewähren, es ist zu einer offenen Frage geworden.

Die Lebensordnung des weltlichen Idealismus.

Die Verwicklungen der Religion zu vermeiden, ohne die Tiefe des Lebens zu mindern, glaubt ein der Welt zugekehrter, sie umfassender und durchdringender Idealismus, ein Idealismus, der mit seiner Entfaltung einer Geisteskultur seit Jahrtausenden eine selbständige Art neben der Religion entwickelt, bald sie freundlich ergänzend, bald ihr als Feind begegnend. Die Lebensordnung des Mittelalters hatte diesen Idealismus ihren eigenen Überzeugungen angegliedert, die Neuzeit gab ihm eine wachsende Selbständigkeit, so daß er sich schließlich der Religion überlegen fühlte und ihr die Beherrschung des Lebens bestreiten konnte. Auch dieser Idealismus nimmt seinen Standort in einer unsichtbaren Welt, aber ihm bedeutet diese nicht ein neben dem sinnlichen Dasein befindliches, von ihr abgelöstes Reich, sondern seinen eigenen Grund, seine belebende Seele; daß das All nicht in das Nebeneinander der einzelnen Erscheinungen aufgeht, sondern eine dem äußeren Auge verborgene Tiefe besitzt, daß es ein Ganzes bildet und ein inneres Leben führt, das ist die Grundüberzeugung, mit der diese Lebensordnung steht und fällt. Aus solcher Überzeugung verbindet dieser Idealismus den Menschen eng mit dem All und läßt ihn sein Leben aus diesem schöpfen, aber zugleich gewährt er ihm eine einzigartige Stellung und ein ausgezeichnetes Werk. Denn alles Untermenschliche scheint das Leben bewußtlos und aus dunklem Zwange zu führen, es verwandelt das Vermögen des Ganzen nicht in den Besitz der einzelnen Stelle; dies aber geschieht beim Menschen, der den Gedanken des Ganzen denkt und dieses selbst damit weiterführt. Erst bei ihm erhebt sich die Welt zu voller Klarheit und Freiheit und erlangt damit ihre Vollendung; der Mensch darf groß von sich denken, indem sein Wirken so viel für das Ganze bedeutet.

Diese Lebensordnung bewegt sich vornehmlich um den Gegensatz von Innerem und Äußerem, von unsichtbarer und sichtbarer Welt. Das Innere hat als der Hauptträger des Lebens das Äußere zu ergreifen und zu beseelen, es tut das namentlich in Kunst und Wissenschaft, aber auch durch Entwicklung einer in der menschlichen Natur angelegten Moral; das Äußere aber ist unentbehrlich, um das Innere von mattem Umriß zu voller Durchbildung zu bringen. So entsteht ein geistiges Schaffen, das, getragen von einer Weltvernunft, gegenüber der gebundenen Natur, auch gegenüber der äußeren Ordnung des Menschenlebens, wie die Zivilisation sie vertritt, ein höheres Leben schafft, eine Geisteskultur, deren Wahres, Schönes, Gutes den Menschen den reichsten Gehalt gewinnen und den ganzen Umkreis des Daseins veredeln läßt. Dieses Leben bedarf keines außer ihm gelegenen Lohnes und ist nicht auf einen Nutzen gerichtet, es findet vollste Befriedigung in seiner eigenen Entfaltung und freudigen Selbstanschauung; bei unablässigem Wirken ruht es sicher im eigenen Wesen und bewahrt bei allem Streben ins Weite einen beherrschenden Mittelpunkt.

Dies Leben ist verschiedener Färbungen fähig, je nachdem Wissenschaft, Kunst oder Moral den leitenden Grundton geben, und an Kämpfen im eigenen Bereich hat es ihm nicht gefehlt. Aber alle Mannigfaltigkeit beläßt ihm der Religion gegenüber eine eigentümliche Art. Die Religion ist mehr auf die Schärfung, die Weltkultur mehr auf die Ausgleichung der Gegensätze bedacht; jene richtet das Leben auf einen Punkt, diese gibt ihm mehr Weite; jene sieht mehr Schwäche und Kleinheit, diese mehr Kraft und Größe am Menschen; ist sie es doch, die vor allem das Menschsein zu einem hohen Wertbegriff erhoben und Achtung vor allem geweckt hat, was menschliches Angesicht trägt; jene findet den Weg zur Lebensbejahung erst durch schwere Erschütterung und herbe Verneinung hindurch, diese glaubt sie durch vollste Anspannung eigener Kraft unmittelbar vollziehen zu können; jener gilt das Böse mehr als eine Verderbtheit, dieser dagegen als eine Schwäche und Mattheit des Wollens. Vielleicht mag ein Leben weiterer Art den Gegensatz umspannen und zu einer Ausgleichung führen, zunächst ist ein weites Auseinandergehen nicht zu verkennen.

Dieser weltliche Idealismus gewann eine besondere Höhe im altgriechischen Leben; im Mittelalter ein bloßer Nebenstrom, brach er in der Neuzeit mit frischer Kraft hervor, aus ihm entsprang bei uns Deutschen die Epoche geistigen Schaffens, welche wir unsere klassische nennen, und die uns den Ruf eines Volkes der Dichter und Denker eintrug.