Eine derartige Lage mag so lange keinen tiefen Schmerz bereiten und keine Gegenbewegung erzeugen, solange der Einzelne sie nur wie ein draußen vorgehendes Schauspiel betrachtet; sie muß unerträglich werden, sobald sie zur eigenen Erfahrung, zum eigenen Erlebnis wird. Daß sie das aber wird, dahin wirkt der gegenwärtige Weltkrieg mit elementarer Gewalt; um den ungeheuren Aufgaben und Schicksalen nicht zu erliegen, die er uns bringt, bedarf der Mensch eines festen Haltes und eines sicheren Zieles; eine Kultur, die ihm das nicht bietet, droht zum bloßen Schein zu werden, zu einem Kulturersatz, wie man das mit einer heutigen Wendung sagen könnte.
Aber so schwer wir das alles nehmen, vergessen sei nicht, daß keineswegs unser ganzes Leben in die geschilderten Gegensätze aufgeht, daß vielmehr manches in ihm von der Verwicklung unberührt bleibt. Denken wir nur an das kräftige nationale Leben der Gegenwart, an die moderne Wissenschaft, an die moderne Technik! Unsere Zeit ist grundverschieden vom ausgehenden Altertum, dem es zu Unrecht oft gleichgestellt wird; denn während damals eine greisenhafte Ermattung durch die Gemüter ging und außer der Religion sich alle Lebensgebiete in trauriger Stockung befanden, sehen wir heute die regste Tätigkeit, ein gewaltiges Vordringen an manchen Stellen, ein Erwachen immer neuer Probleme. Darin freilich liegt die Schranke, daß die Bewegung mehr auf die einzelnen Gebiete als auf das Ganze des Menschen geht, daß die Expansion die Konzentration weit überwiegt, daß die verschiedenen Antriebe und Ansätze sich nicht zueinander finden. Hier ist ein schweres Problem, ja ein gefährlicher Notstand unverkennbar; aber diese Begrenzung der Frage ist doch eine entschiedene Abweisung eines völligen Pessimismus.
Auch das wollen wir ja nicht übersehen, daß die Bildung so verschiedener Lebensströme nicht nur eine Schwäche, sondern auch eine Stärke der Gegenwart bedeutet. Zeigt dieser Reichtum von Bildungen doch, daß wir den verschiedenen Anregungen eine große Offenheit entgegenbringen und die Lebensfragen mit besonderer Energie ergreifen; so kommt vieles erst jetzt zur deutlichen Aussprache, was früher verborgen blieb oder doch abgeschwächt wurde. Die Gegensätze, unter denen wir jetzt leiden, sind wahrlich nicht von gestern und heute, jede genauere Betrachtung entdeckt sie auch in früheren Zeiten. Aber zu unversöhnlichen Widersprüchen sind sie erst uns gewachsen, die wir, schon weil wir geschichtlich denken und die Zeiten miteinander vergleichen, das Eigentümliche und Unterschiedliche der Lebensgestaltungen schärfer sehen, zugleich aber aus einem stärkeren Einheitsverlangen uns nicht wie das Mittelalter mit einem bloßen Nebeneinander und einer geschickten Abstufung der verschiedenen Gestalten begnügen können. So ist nicht sowohl unser Vermögen kleiner als die Aufgabe größer geworden; die Aufgabe aber hat nicht menschlicher Eigensinn ersonnen, es legt sie uns eine weltgeschichtliche Notwendigkeit auf. Sie ist uns zunächst ein Geschick, aber ein Geschick, das wir in Freiheit verwandeln und zugleich zu einer inneren Erhöhung unseres Lebens wenden können.
Endlich sei auch das erwogen, daß, wenn ein letzter, allumfassender Abschluß überall auf unüberwindlichen Widerspruch stieß, dieser Widerspruch selbst auch ein positives Verlangen zu erkennen gab und dem Streben damit eine gewisse Richtung wies. Die Religion scheint uns nicht fest genug begründet, nicht weil die ganze Zeit von Zweifelsucht befallen ist, sondern weil wir höhere Ansprüche an den Erweis ihrer Wahrheit stellen, sie nach dem Stande des Geisteslebens notwendig stellen müssen. Ihre Gestaltung erscheint uns als zu eng, nicht weil uns der Sinn für charaktervolle Geschlossenheit verloren ging, sondern weil unser Leben durch Erfahrung und Wandlung hindurch eine größere Weite gewonnen hat, und die Religion ohne schwere eigene Schädigung sich dieser Erweiterung nicht entziehen darf. Auch der weltliche Idealismus scheint uns nur deshalb nicht sicher genug begründet und nicht voll unser Wesen durchdringend, weil neue Erfahrungen neue Forderungen in dieser Richtung zu stellen zwangen. Daß der Naturalismus unsere Seele nicht befriedigt, und daß uns die Ziele der Menschenkultur in ihren beiden Hauptformen als unzulänglich gelten, das bekundet ein Verlangen nach einem Beisichselbstsein des Lebens und ein Hinausstreben über alles selbstsatte Menschentum. So steht durchgängig hinter der Verneinung eine Bejahung, es gilt nur die verschiedenen Bejahungen aus der Unbestimmtheit und Verworrenheit herauszuarbeiten und zueinander in Beziehung zu setzen. Gewisse Punkte sind damit festgelegt, gewisse Aufgaben uns gewiesen. So zweifellos sich daher die Gegenwart als höchst unfertig und voller Verwicklung darstellt, sie bringt an uns große Ziele und ruft unsere Kraft zu höchster Anspannung auf.
Hüten wir uns also, von dieser Zeit wegen jener offenen Fragen gering zu denken! Keine Zeit hat die Möglichkeiten des Lebens in solcher Fülle ergriffen und mit solchem Eifer behandelt, keine die Probleme in solchem Umfang aufgenommen und so sehr aus Selbsttätigkeit wie aus eigener Erfahrung zu lösen versucht. Freilich sind die Probleme einstweilen größer als unser Vermögen zur Lösung, aber dies Vermögen ist nicht an eine starre Grenze gebunden; warum sollte es nicht so gut wie auf den besonderen Gebieten auch bei diesen zentralen Fragen einer Steigerung fähig sein und uns der Aufgabe mehr und mehr gewachsen machen? Stellen wir uns also zur gegenwärtigen Lage aktiv, verlieren wir nicht den Mut, und vertrauen wir darauf, daß in dem Streben über sie hinaus nicht der Mensch zum gegebenen Lebensstande aus eigener Klugheit etwas hinzuersinnt, sondern daß das Ganze des Lebens selbst in einem Streben zu neuem Aufstieg begriffen ist, wir aber im Dienste dieses Aufstiegs unserem eigenen Streben einen Gehalt, ja eine Größe zu geben vermögen.
Für die Denkarbeit gilt es vor allem die Richtung des Weges zu finden, der uns über die gegenwärtige Verwicklung hinausführen kann; es handelt sich für sie zunächst darum, welches Ziel dem Streben vorschweben muß, sodann darum, welche Wege zu diesem Ziele offenstehen. Was das erste betrifft, so bedürfen wir zweifellos einer Tatsächlichkeit allumfassender Art, näher einer Gesamttat, welche über die geschilderten Gegensätze hinauszuheben und ein Auseinanderfallen des Lebens zu verhüten vermag. Ohne das gibt es keine Einheit und auch keine Festigkeit. Aber zugleich gilt es klarzumachen, wie mit der überlegenen Einheit einer solchen Gesamttat die Verschiedenheit der Lebensbahnen vereinbar ist, die wir vorhanden sahen. Es muß in der Art, wie wir Menschen zu jener Gesamttat stehen, angelegt sein, daß wir sie nur von verschiedenen Seiten her erfassen können, daß daher, was als Einheit zugrunde liegen muß, zugleich ein hohes Ziel und eine schwere Aufgabe bildet. Der Boden aber, von dem aus nach jener Gesamttat zu streben ist, kann kein anderer sein als das Leben selbst, nicht irgendwelches draußen befindliche Datum, das Leben im Ganzen betrachtet, nicht in einzelnen Betätigungen, auch nicht als bloßes Denken. Wenn irgendwie, so muß sich von jenem aus ein Weg zum Ziel finden lassen. Denn das Leben ist das Erste und Ursprünglichste, das, worauf alles zurückkommt, und innerhalb dessen alles vorgeht; das, was niemand leugnen kann, da das Leugnen selbst einen Erweis des Lebens bilden würde. Wenn also jene Gesamttat, von der wir einen Zusammenhang des Lebens hoffen, überhaupt erreichbar ist, so muß sie nicht nur vom Leben aus, sondern innerhalb des Lebens erreichbar sein. Sehen wir also, ob eine Durchmusterung seiner in Wahrheit etwas derartiges aufdeckt. Finden können wir jenes aber nur, wenn wir das Leben nicht wie etwas Fremdes betrachten, das wie ein Naturprozeß nur an uns vorgeht, sondern wenn wir uns in seine eigene Bewegung versetzen, es als eigenes ergreifen, es selbst zu erleben suchen. Es gilt, den Tatbestand, der hier in Frage steht, das Zusammengehen des Lebens in eine umfassende und überlegene Gesamttat, in uns selbst zu erwecken und bei uns zu entwickeln, nur eine Kräftigung und Vertiefung des eigenen Lebens kann uns das Ganze naherücken. So muß das Streben selbst eine Lebensbewegung in sich tragen; ohne den Mut und die Kraft zu geistiger Selbsterhöhung und zur Bezwingung der Widerstände kommen wir hier nicht weiter. Einem solchen Emporklimmen aber wird alles eine Bereitschaft entgegenbringen, was in der Menschheit nicht greisenhaft, sondern jugendlich fühlt; Jugend aber mißt sich bei diesen Dingen nicht nach der Zahl der Jahre.