Eine nähere Betrachtung der Freiheit hat die politische oder nationale und die geistige Freiheit deutlich voneinander zu scheiden, jene bezieht sich auf das gesellschaftliche Zusammensein der Menschen, diese auf den inneren Stand der Seele. Die politische Freiheit verficht die selbständige Teilnahme der einzelnen Volksgenossen am Ganzen des Staates und seiner Regierung, die geistige erstrebt eine Selbständigkeit und Ursprünglichkeit des Lebens im Ganzen der Seele; beides kann weit auseinandergehen, ein politisch Freier kann geistig gebunden, ein geistig Freier politisch abhängig sein; daß eine derartige Scheidung einen schweren Mangel bedeutet, ist ohne weiteres klar.


Die Deutschen hatten so lange kein politisches gemeinsames Leben, als das alte Reich zerfallen war; Deutschland war damals mehr eine ethnographische als eine politische Einheit. Erst im 18. Jahrhundert erwachte ein Streben darnach, aber auch die gewaltige französische Umwälzung rüttelte hier nicht am überkommenen Stande des Ganzen, sie hatte überwiegend einen literarischen und privaten Charakter, sie forderte für das persönliche Empfinden den freiesten Ausdruck und eine Austreibung alles Zopfes und Zwanges im geselligen Leben, aber politische und wirtschaftliche Fragen bewegten sie zunächst kaum.

Ein selbständiges nationales und politisches Leben des ganzen Deutschland erzeugten erst die Befreiungskriege; höher und höher stieg damals die Hoffnung, die Einheit und die Freiheit Deutschlands in Einem erreichen zu können; namentlich war die gebildete Jugend mit vielen Volksgenossen bis 1866 von solchem Streben durchglüht. Als dann aber schließlich Bismarcks überragendes Genie das neue Deutschland schuf, da erfolgte eine Scheidung der nationalen und freiheitlichen Bewegung; sie war unter den gegebenen Verhältnissen wohl zwingend geboten, aber es war für den Verlauf unserer Entwicklung ein nicht geringer Schaden, daß jene Bewegungen nebeneinander verliefen, und daß der nationale Aufstieg nicht durch eine Kräftigung der politischen Freiheit unterstützt wurde. Die zahlreichen Reformen im einzelnen konnten bei aller Tüchtigkeit diesen Mangel nicht voll ersetzen; so verblieb die politische Macht in der Hauptsache dem wohlgeordneten Beamtenstaate, der von oben her zu regieren und die Staatsbürger mehr als Objekt denn als Subjekt der Tätigkeit zu behandeln pflegte. Dies Beamtentum hatte unverkennbare Vorzüge, es war zuverlässig, gewissenhaft, sparsam – lauter Eigenschaften, die wir nach den jüngsten Erfahrungen besonders schätzen müssen –, aber es hatte wenig Unternehmensgeist, es verstand es nicht, neue und schwierige Verhältnisse zu leiten, sondern nur im gewohnten Lauf der Dinge seine Pflicht zu üben. Es besaß namentlich nicht die Gabe, die Gemüter anzuziehen, es konnte leicht den Staat den Bürgern mehr verleiden als sie ihm gewinnen. Dazu bestand bei den Spitzen des staatlichen Lebens oft wenig Teilnahme und wenig Kenntnis für die inneren Forderungen der Zeit, gelegentlich erschien eine erstaunliche Unkenntnis der Menschen und Dinge, kurz diese Persönlichkeiten waren nicht geeignet, schwierige und verantwortungsvolle Aufgaben selbständig zu lösen. Dazu das Hofleben mit seiner dünkelhaften Gespreiztheit und seiner inneren Leere.

Bei der Gestaltung der Verhältnisse wurden wir im Technischen der Verwaltung vortrefflich, in der hohen Staatskunst schlecht regiert, wie die Leistungen unserer meisten Diplomaten handgreiflich erwiesen haben. Es war ein arges Mißverhältnis, daß ein kraftvolles, frisch aufstrebendes Volk an derartige Verhältnisse gebunden war, und daß wichtigste Entscheidungen ohne, ja gegen seinen Wunsch erfolgen konnten. Viele tüchtige Kräfte blieben bei solchem Stande der Dinge zum Schaden des Staates ungenutzt; im Gesamtbilde aber schien Deutschland in seinem inneren Gefüge minder frei als andere Staaten; wohl wurde das in den Vorstellungen unserer Gegner oft arg übertrieben, und es wurde zugleich verkannt, wie viel Deutschland an eigenartiger Freiheit besitzt, aber nach den Meinungen anderer Völker blieb es zurück. Bei solchen Fragen aber ist auch der Schein eine Macht und eine Gefahr.


Im literarischen Leben und Schaffen entstand über die politischen Fragen hinaus eine mißmutige und verneinende Denkart, eine Lust, aller Überlieferung schroff zu widersprechen, daran sowohl eine bittere Satire als einen kecken Spott zu üben, so in Religion und Moral, so in Weltanschauung und Sitte. Das ergab eine gewisse geistige Freiheit, aber diese Freiheit war überwiegend verwerfender und zerstörender Art, sie konnte weder fruchtbare Schöpfungen erzeugen, noch dem Menschen neue Bahnen erschließen oder ihn gemäß Schillers Mahnung von der Angst des Irdischen befreien. Es war eine Freiheit mehr der zersetzenden Reflexion als einer inneren Erhöhung. Das Ganze unserer Denkart litt dadurch, daß eine vielseitige und formal gewandte intellektuelle Betätigung ohne ein Gegengewicht politischen Lebens und Handelns blieb. Für die Seele unseres Volkes aber, die somit unter sich gegenseitig durchkreuzenden Antrieben stand, war bei den meisten unserer Staatsmänner sehr geringes Interesse und Verständnis.


Seinen Schwerpunkt hatte das deutsche Reich in einer glänzenden technischen und wirtschaftlichen Kultur, es hat in dieser Richtung eine großartige Arbeit geleistet, welche den ganzen Erdball umspannte und alles mit ihren Fäden durchwob. Aber diese in ihrer Weise erstaunliche Kultur war bei all ihrer Weite innerlich begrenzt, sie war an erster Stelle eine bloße Arbeitskultur, sie war vornehmlich darauf gerichtet, die Welt um uns in den Dienst des Menschen zu ziehen und emsig daraus Vorteile für sich selbst zu gewinnen, aber sie bot seinem Innern recht wenig, sie pflegte die Seele als eine bloße Nebensache zu behandeln und sich wenig um eine geistige Freiheit zu kümmern. Das Ganze unseres Volkes geriet durch solche einseitige Gestaltung des Lebens in eine unerfreuliche Lage; hier hielten keine überlegenen Ziele den ganzen Menschen aufrecht, hier gab es keine großen Ideale, kein kräftiges Empfinden. Das geistige Schaffen in Religion, Philosophie, Kunst und Literatur war dem Grundgehalte nach recht dürftig; so tüchtig die gelehrte Arbeit war, sie förderte nicht das Gedeihen eines schaffenden und ursprünglichen Lebens, auch war sie geneigt, ihr eigenes Selbstbewußtsein stark zu überspannen und Wissen für Leben zu geben; so hatte das Ganze bei allem rastlosen Eifer und Übereifer keinen wesenhaften Gehalt, eine innere Leere war bei allem Geschick und bei allem Aufputz nicht zu verkennen.