Als den Hauptführer des deutschen Lebens zu einer religiösen Freiheit dürfen wir Luther betrachten, natürlich unter Fernhalten alles Zufälligen und bloà Konfessionellen. Was war der Ausgangspunkt seines Strebens? Es war ein heiliger Ernst um die ewigen Güter und zugleich um die Rettung der eigenen Seele, es war ein glühender Zorn gegen das, was ihm als eine Entstellung und Entartung der Wahrheit galt; das trieb ihn zwingend zum Kampf gegen die ganze von seiner Umgebung geheiligte kirchliche Ordnung, zugleich aber zur Rettung der geistigen Freiheit. War es zufällig, daà seine mächtigste Schrift von der Freiheit des Christenmenschen handelte? Allem Zagen und Bedenken traten hier die markigen Worte entgegen: „Ãrgernis hin, Ãrgernis her, Not bricht Eisen und hat kein Ãrgernis. Ich soll der schwachen Gewissen schonen, sofern es ohne Gefahr meiner Seele geschehen kann. Wo nicht, so soll ich meiner Seele raten, es ärgere sich daran die ganze oder halbe Welt“. Das fordert Mut und Freiheit gegenüber den Menschen, es fordert zugleich eine innere Belebung und Erhöhung des eigenen Wesens, es eröffnet eine neue Welt. Hier vollzog sich ein geistiges Wunder: das Erscheinen und Durchbrechen eines in Gott begründeten Lebens, als der Quelle des persönlichen Lebens; dies Durchbrechen war eine dem Einzelnen weit überlegene Macht, aber es war ihm zugleich eine eigene Tat und Entscheidung, es gab ihm zugleich das BewuÃtsein einer vollen Freiheit und Weltüberlegenheit, es lieà ihn vor allem Kirchlichen das Moralische mit seiner schlichten GröÃe schätzen. Für Luther war der Gottesgedanke nicht bloà eine jenseitige, aus überlegener Höhe gebietende Macht, sondern die Seele seines eigenen Lebens, er gewann bei ihm die unmittelbarste seelische Nähe, so daà es heiÃen konnte: „Daà nichts Gegenwärtigeres und Innerlicheres sein kann in allen Kreaturen denn Gott selbst“.
Aus der ungeheuren Erschütterung steigt für Luther durch überlegene Liebe und Gnade eine neue Welt empor; je schwerer früher der Druck des Feindlichen empfunden war, desto gröÃer wird jetzt der Jubel über die Befreiung davon, und je peinlicher der Zweifel an der Rettung war, desto freudiger wird jetzt ihre felsenfeste GewiÃheit. Die Frömmigkeit aber entwindet sich damit aller blinden und gedrückten Devotion, sie gewinnt einen durchaus mannhaften Charakter. Nur eine derartige Freiheit kann anerkennen, daà alle Christen wahrhaftig geistigen Standes sind, daà „ein Christenmensch ein allmächtiger Herr aller Dinge ist“, so daà es heiÃen kann: „Es ist ein freies Werk um den Glauben, wozu man niemand zwingen kann“. Aus solcher Ãberzeugung heiÃt es: „Gottes Wort ist unser Heiligtum und macht alle Dinge heilig“, aus ihr quillt unendliche Kraft und Frische, denn „das Wort Gottes kommt, die Welt zu verändern und zu erneuern, so oft es kommt“.
Die Freiheit, welche hier entsteht, hat nichts mit Willkür zu tun, sie hat eben in der Freiheit oder besser in der Welt der Freiheit einen unwandelbaren Grund, sie ist nicht eine naturhafte, sondern eine geistige, eine schaffende Freiheit. Der Kern des ganzen Strebens ist hier zusammengefaÃt in die kurzen Worte: „Frei, christlich, deutsch“.
Diese Freiheit ist mehr als eine bloÃe Privatsache, sie hat ein Reich der Innerlichkeit, ein Reich des selbständigen und persönlichen Lebens, eines weltüberlegenen von Gott erfüllten Lebens bei uns erbaut; sie hat ein innigeres Verhältnis zu Gott und zugleich zum Ganzen der Wirklichkeit geoffenbart, sie wirkt mit solcher Art mächtig in die Seelen der Menschen, keineswegs allein der Deutschen. Sie bekundet sich so in der Musik eines Bach, auch in der Innigkeit des protestantischen Kirchenliedes; sie hat sich weiter in unseren groÃen Dichtern und Denkern unserer klassischen Kultur verkörpert, sie ist mit ihrer geistigen Kraft und mit ihrem sittlichen Ernst eine unerschöpfliche Quelle des gesamten deutschen Lebens. Und diese geistige Freiheit, diese Kraft, dieses ursprüngliche Leben sollte für die Gegenwart verloren sein, es sollte aufhören, das gemeinsame Streben zu erhöhen?
Was Luther in der Richtung zur Religion, das hat Kant in der zur Moral vollzogen: die Erhöhung des Lebens zu einer selbständigen Welt in dem eigenen Reich der Seele, zu einer Welt echter geistiger Freiheit. Die Moral ist ihm nicht eine Leistung für den Zustand des Einzelnen, auch nicht für die menschliche Gesellschaft, auch nicht eine bloÃe Unterordnung des Menschen unter Gott als eine äuÃere Ordnung, sondern das Beleben des eigenen Wesens zu voller Selbständigkeit. Eine derartige Moral ist so streng wie nur möglich, aber als aus eigenem Wollen und EntschlieÃen entsprungen und fortwährend dadurch getragen, ist sie zugleich ein Werk höchster Freiheit, ist sie die Selbstbestimmung des vernünftigen Wollens. Auch ist sie nicht eine bloÃe Summe einzelner Vorschriften, sondern die Schöpferin einer neuen Ordnung; diese aber ist es allein, welche dem Leben einen Wert verleiht. Denn sie bewirkt bei uns eine Befreiung vom Mechanismus der bloÃen Natur und gibt uns die GröÃe eines Gesetzgebers. Hier gewinnt der Mensch ein unsichtbares Selbst in seiner Persönlichkeit, er wird zu einer Welt, die „wahre Unendlichkeit“ hat. Zugleich erreicht er eine sichere Ãberlegenheit gegen alles Niedere, was an Naturtrieben in ihm liegt, eine Ãberlegenheit über allen bloÃen GenuÃ, überhaupt gegen alles selbstisches Glück; einen unerschütterlichen Halt aber gibt ihm der Grundbegriff der Pflicht, der freilich dann einen tieferen Sinn und ein volleres Leben erhält, als ihm eine mehr äuÃerliche Fassung des Alltages zu geben pflegt. Der Mensch gewinnt nun als der Träger des sittlichen Gesetzes eine „Autonomie“, die ihn weit über alle andere Wesen erhebt und ihm eine unvergleichliche GröÃe und Würde verleiht.
Diese Selbsttätigkeit der Vernunft bedeutet aber für Kant die letzte Tiefe der ganzen Wirklichkeit, sie ist nach seiner Ãberzeugung nicht an besondere Bedingungen des Menschen geknüpft, sondern sie gilt gleichmäÃig für alle Vernunftwesen; sie ist hier kein besonderes Gebiet innerhalb einer weiteren Welt, sondern der Ursprung einer neuen Welt. Sie schafft sich ein eigenes Reich der Freiheit, das sein Recht und seinen Wert ganz und gar in sich selbst hat und keiner Bestätigung, keiner Befestigung von auÃen bedarf; so hindert hier nichts den Menschen am Besitz einer weltüberlegenen schöpferischen Freiheit.
Diese Grundgedanken sind von Fichte wie von Schiller weiter ausgeführt. Für Fichte war die Kultur die Ãbung aller Kräfte für den Zweck der völligen Freiheit; als die höchste Aufgabe gilt ihm die, daà der Mensch sich mit Freiheit zu dem bilde, was die Natur bei ihm angelegt hat; alle Erziehung gilt ihm nur als eine Aufforderung zu freier Selbsttätigkeit, zur vollen Mündigkeit; wenn er die Gleichheit alles dessen verlangt, was Menschengesicht trägt, so verherrlicht er damit keineswegs die bloÃe Natur, sondern er begründet solche Schätzung lediglich aus der Vernunft und dem sittlichen Gesetz; nur von dieser kann es heiÃen: „vor dem Sittengesetz ist das Menschenleben überhaupt von gleichem Wert“. – Der eifrigste Dichter der Freiheit aber war Schiller; es ist bezeichnend für unser Volk, daà in der Reclamschen Sammlung die höchste Auflage der ganzen deutschen Literatur der Wilhelm Tell erhalten hat.