„Allerdings, die meisten dieser Damen scheinen Bekannte zu sein ...“ antwortete Storf ausweichend.

„Scheinen, Herr Doktor? Nur scheinen ...“ fragte Adele mit leisem Spott.

Doktor Storf hatte sich ärgerlich erhoben und machte ein paar Schritte gegen eines der beiden Fenster, das offen stand.

Die schöne Wohnung der Altwirths lag jetzt droben in Wilten, in der Nähe der beiden großen Kirchen, deren ernstes Glockengeläute Adele damals in den ersten Tagen ihres Innsbrucker Aufenthaltes so traurig gestimmt hatte. Von den beiden Fenstern des geräumigen Ateliers hatte man den Blick auf einen großen, parkähnlichen Garten und über die Bäume der Gärten hinweg auf das Mittelgebirge mit seinen dichten Bergwäldern, verstreuten Wiesen und Häusern und auf den dicken, behaglichen Kugelkopf des Patscherkofels.

Max Storf sah hinaus auf die kleine Straße, die unten vor dem Park vorüber führte. Dann wandte er sich plötzlich um und richtete seinen forschenden Blick auf Frau Adele ... Was wollte diese Frau eigentlich von ihm? Warum machte sie sich lustig über ihn? ... frug er sich selbst in unangenehmer Stimmung.

„Sie kennen Frau Doktor Rapp doch sehr gut ...“ fuhr Adele nach einer Weile ungezwungen zu plaudern fort. „Und sie ist so unverkennbar in allen diesen Skizzen, so meisterhaft in der Wiedergabe ...“

„Ja, meisterhaft ist das richtige Wort!“ stimmte jetzt Doktor Storf eifrig bei. Er war froh, daß er einen Ausweg gefunden hatte, um sich geschickt aus der Affäre zu ziehen. „Ganz richtig, es ist seltsam, wie viele feine Details Felix an dieser Frau entdeckt hat. Mit ganz andern Augen sieht man sie da auf einmal ...“

„Künstler idealisieren!“ unterbrach ihn Adele schroff. „Sie sehen vieles anders als wir.“

Durch ihren kalten, abweisenden Ton aufmerksam gemacht, kam Doktor Storf, der sich, während er sprach, mit dem Rücken gegen das Fenster gelehnt hatte, wieder näher und sah interessiert auf die blasse, schlanke Frau mit den strengen Zügen.

„Das heißt,“ widersprach er scherzhaft, „die gnädige Frau räumen dem Gatten mehr Recht ein ... weil er Künstler ist?“