Immer war Sophie gut und lieb zu dem Mädchen gewesen und hatte ihr manche kleine Freude gemacht. Daran mußte Adele jetzt denken, als sie die empörte Rede hörte. Wie schnell doch die Gunst bei den Leuten verscherzt ist und wie wandelbar der Sinn der Menschen. Sie fragen nicht einmal nach der Ursache der Tat. Sie heben den Stein auf und steinigen die Sündige.

Warum wohl die Tat geschehen war. Der Gedanke überkam Adele und marterte sie. Eine namenlose Angst befiel sie ... eine unsagbare Furcht ... die den Gatten in den Augen der Frau zum Mörder werden ließ.

Sie wichen einander aus ... der Mann und die Frau. In den Räumen ihrer eigenen Wohnung vermieden sie es, sich zu treffen. Sie hatten beide Angst voreinander.

So waren einige Tage vergangen. Tage, die sich ausdehnten wie Ewigkeiten ... in denen die Stunden schlichen ... langsam ... traurig und voll Pein und Qual.

In Felix regte sich das Gewissen. Folterte ihn bis zum Wahnsinn. Immer mußte er an den brechenden Blick des Mannes denken, dessen Leben er vernichtet hatte. Aber noch schlimmer als jene Tat erschien ihm seine Feigheit.

Ja. Er war feige. In diesen einsamen Stunden der Qual und der Gewissensbisse gestand es sich Felix ehrlich ein. Er hatte das Opfer von Sophie angenommen aus Feigheit. Das war die nackte Tatsache. Er fürchtete sich vor den Folgen seines Verbrechens ... fürchtete sich vor der Schande und Strafe.

In seinem Innern erhoben sich leise, schmeichlerische Stimmen. Betörten ihn mit schönen, entschuldigenden Worten ... und trotzdem erkannte es Felix klar und deutlich, daß er ein Elender war ... ein Feigling.

Es trieb ihn hin ... zu bekennen ... seine Schuld auf sich zu nehmen und zu büßen. Er durfte doch das Opfer einer übergroßen Liebe nicht annehmen. Durfte nicht ein zweites Leben vernichten ... das schuldlos an der Tat war.

Und wenn er sich stellte ... wenn er bekannte ... dann gab er nicht nur sich selber der Schande preis, sondern er zerstörte auch den ehrlichen Namen, den Adele vor der Welt trug. Durfte er das? Mußte er nicht um ihretwillen schweigen und die Qual der Reue für sich tragen?

Felix fühlte es, daß seine Frau ihm mißtraute. Er zitterte bei dem Gedanken, daß sie ihn zur Rede stellen würde und daß sie fragen würde. Dann würde er ihr die Wahrheit sagen. Das wußte er. Dann konnte er nicht lügen.