Und Heinz eilte mit Karus dorthin, Heinz, der unpraktische Schwärmer, der stille Büchermensch, der weder schlaue Seitenwege gebrauchen konnte noch geschickte Rückendeckung, und Fritz wußte, er ging in den Tod. Nicht suchen wollte er den Tod. Denn mit der Marie war ihm ja nicht alles gestorben. Die Liebe zu den Entrechteten und Zertretenen war ihm geblieben und war jetzt nur desto heißer geworden. Nicht ans Sterben dachte er. Mithelfen wollte er, mithelfen und mitstreiten, allen Gefahren trotzend, in frommer Begeisterung dort mithelfen und mitstreiten, wo ihm sein Ziel am hellsten und am nächsten leuchtete.

Und Hellwig machte sich Vorwürfe, daß er den Freund nicht besser behütet hatte. Wieder wollte eine böse Krisis über ihn kommen. Aber die Ereignisse, die jetzt, lang vorbereitet, Schlag auf Schlag einander folgten, rissen ihn mit in ihren wirbelnden Strudel und ließen ihm vorerst keine Zeit zur Grübelei.

Als jenseit der Nordostgrenzen des Reiches die Rebellion in vollem Wüten war, da hielten die Sozialisten die Gelegenheit für günstig und holten im Kampf für das allgemeine Wahlrecht zu wuchtigen Schlägen aus.

Und da geschah es auch, daß die Teilnehmer einer Versammlung, in der August Mark, ein stimmgewaltiger Agitator, die Masseninstinkte aufgewühlt hatte, vor das Palais des Ministerpräsidenten ziehen und demonstrieren wollten. Sicherheitswache zu Fuß und zu Pferd versperrte ihnen den Weg. Hellwig, von dem Vorhaben der Menge telephonisch benachrichtigt, eilte aus der nahen Schriftleitung rasch herbei. Es war höchste Zeit. Schon waren die Säbel aus der Scheide geflogen, fielen die flachen Klingen auf Köpfe, Schultern und Arme. Schreiend wichen die vorderen Reihen, die rückwärtigen, weniger gefährdeten, drängten nach vorn, ein dampfender Knäuel, stießen sie sich, johlten und brüllten. Und schon auch hoben sich geballte Fäuste, schlugen Stöcke, prasselten Steine gegen die Polizei. Da drehten sich die Klingen, aus den flachen Hieben wurden scharfe, Schmerzensschreie gellten, Blutende wankten gegen die Häuser, fielen aufs Pflaster hin.

„Einhalten!“ rief Hellwig mit voller Lungenkraft und schob sich durch das Getümmel. „Einhalten!“

Er packte den Arm eines berittenen Schutzmanns. Das Pferd wurde unruhig und bäumte sich. Doch er hielt fest. „Nicht morden!“ preßte er zwischen den Zähnen hervor. Seine Linke griff nach dem Bein des Reiters, im Handumdrehen lag dieser zappelnd auf dem Boden.

Da fielen aber auch schon drei — sechs — zehn Wachleute über Hellwig her, griffen nach seinen Armen, zerrten ihn am Rock, stießen ihn von allen Seiten. Und einer packte ihn im Genick und schrie: „Im Namen des Gesetzes! Sie sind verhaftet!“

Als das die Leute hörten und als sie sahen, wie hart einem ihrer besten Führer mitgespielt wurde, flammte die durch den kurzen Raufhandel angefachte Leidenschaft turmhoch empor. Ein Wald von starren, im Sturm zitternden Ruten, hoben sich Hunderte von Stöcken über die dunkle Masse der Hüte und Schultern, ein kurzer wilder Aufschrei krachte gegen die nachtdunkle Himmelskuppel. Dann war der Kordon durchbrochen, Brust an Brust, Faust gegen Faust rangen sie mit den Hütern der Ordnung um ihr vermeintliches Recht.

Los und ledig stand Hellwig mitten im heißesten Gewühl. Und schämte sich. Schämte sich, daß er sich hatte hinreißen lassen, daß er, der gekommen war, die Menge zu beruhigen, ohne Überlegung selbst als der tollste Stürmer losgebrochen war. Und eine Weile stand er ganz untätig, mit schlaff hängenden Armen. Aber als ihm ein Verwegener frohlockend entgegenrief: „Drauf! Drauf! Heut’ zwingen wir sie!“, da richtete er sich straff auf.

„Halt!“ schrie er, und seine Stimme war wie klingender Stahl. „Halt!“