Wir schweigen schon und werden schweigen,

Allein wir hungern, schafft uns Brot!“

Pfannschmidt war aufgestanden. Gleich nach den ersten Versen war er aufgestanden, ganz außer sich, mit geballten Händen und weit geöffneten Augen.

„Herr! ... Herr ...!“

„Ein schönes Gedicht, nicht wahr?“ sagte Fritz leichthin, um die eigene Ergriffenheit zu verbergen.

„Schön? — Packen tut’s einem, daß man gleich mit Fäusten dreinschlagen möcht’! Sakra! Wir schweigen schon und werden schweigen, allein wir hungern! ... Das sind Worte, gerade solche Worte, wie sie unsereins auch spricht ... aber was da alles drinliegt! Und was alles dazwischen liegt, bis einer zu dem Ton kommt ... Herr, ich hab’ auch mein Lebtag gehungert und geschwiegen und gewartet: es muß doch anders werden. Und ein Tag nach dem andern ist vorbeigegangen, ein Jahr hinterm andern, — bis mir meine Frau das erste graue Haar aus dem Bart zieht. Und da hab’ ich’s auf einmal gewußt: Du steckst drin und kannst nicht heraus ...! — Ich hab’ angefangen, auf die Tage aufzupassen, wie sie so langsam vorüberschleichen. Und da ist mir geworden: Ich lieg’ sechs Schuh tief in einem offenen Grabe ... und jeder Tag ist wie eine Schaufel Erde, die sie auf mich werfen. Bei den Beinen fängt’s an, dann kommt’s auf die Brust, die Arme ... immer schwerer ... immer mehr Erde ... Und endlich fällt sie auch aufs Gesicht. Dann ist das Licht fort, jeder Strahl, jeder Schimmer — alles. Und das ist das Ende ... Lebendig muß man sich begraben lassen und kann sich nicht wehren. Verfluchte Armut!“

„Pfannschmidt!“ rief Fritz erschüttert. „Um Himmelswillen, nicht so mutlos! Denken Sie nicht ans Untergehn, sonst sind Sie ja schon unten! Verfluchte Armut, jawohl! Aber — Hand aufs Herz, ihr, die ihr da arm seid — seid ihr ganz ohne Schuld? — Ihr habt geschwiegen und schweigt! Laßt alles auf euch niedergehn — und schweigt! Zum Teufel! So wehrt euch doch! Ihr habt Fäuste — braucht sie! Habt Rechte — fordert sie! Und weigert man sie euch — erzwingt sie!“

Da lächelte der Arbeiter traurig und sagte: „Herr, Sie wissen eben nicht, was jahrelang schuften und hungern heißt. Das macht einen schon kaputt. Wenn man so Stücker zwanzig Jahre in der Tretmühle drin ist, dann hört sich endlich alles andere auf. Man lebt nur noch so hin ...“

Fritz vermochte nicht zu antworten. Was er auch geredet hätte, es wären doch nur Worte gewesen, leere Worte, die an diesen heißen Schmerz nicht herankonnten, — wie Wassertropfen in der Luft verdampfen, lang ehe sie das Erz im Hochofen erreichen können.

So war Schweigen, während vor den Fenstern der dunkle Strom vorüberzog, schnell, lautlos gleitend, Welle um Welle ohne Anfang und Ende.