„Wie sieht er aus?“ fragte Helena. Und dieselbe Frage, die dem Stainer an seinen Kommilitonen klein und nichtig erschienen war, gewann jetzt ein blühendes Leben für ihn. Er malte das vergrämte, tiefverstudierte Wesen des seltenen Mannes; seine ewig anders schauenden, elementar launenhaften Augen, die Bürde seiner Schultern, das düstere Schwarz und Rot seiner Kleidung, und wie die Halskrause den gramvoll nachdenklichen Kopf über alldem wie vereinzelt, abgetrennt, ja enthauptet erscheinen ließe. „Man sieht zuletzt nur mehr dies Haupt auf weißer Schüssel liegen und allein für sich leben: dies Denkerhaupt, das der Weisheiten letzte Grenzen überstiegen und Gott selber zu durchschauen sich vermessen hat.“
Das schöne Mädchen saß unbeweglich im Erker. Das südliche Blut ihres Vater machte ihre Wangen niemals röter werden, als es der braune Elfenbeinton ihrer Haut zuließ. Nur ihre Haare ringelten und rollten sich wie deutsches Märchengold über der Blässe ferner, wärmerer Zonen. Ihre braunen Augen schauten ins Weite. Seltsame Mär! Daß das alles wirklich war? Daß es solch einen Menschen gab, der entweder der erste und höchste unter den Sterblichen, oder ihr verworfenster war! Und wer wollte sagen, ob dies, ob jenes! Man wußte nur, eines der beiden Enden der Menschheit war er!
Aber das war es, was Doktor Johann Faustus zu dem verzauberten Studenten gesagt hatte, soeben; — und ihm dann Vergessenheit aufgelegt:
„Du bist mit Wissen und Willen, ja aus gar großer Sehnsucht zu Einem gekommen, der schon mehr in der Sag und Phantasei der Menschen lebet, denn daß er selber wäre. Ist dir nicht, als wär das ein Traum?
„Du bist durch eine Magie, die dir selber unerklärbar ist, hingezogen zu einem, der sich, hellwissend, dem Zerstörer dieser Gotteserden verschrieben hat und begehrst Anteil am Reich des Versinkens. Dir ist selber so, daß dem nicht in Wahrheit so wäre; — sondern all das ist ein Traum.
„Es war einmal eine mächtig große Insel im Ozean, der heute noch ihren Namen trägt; hieß Atlantis. Ein Prophet war dort, hieß Gatamura. Der erkannte zu Recht, daß dort Land und Leut am längsten gelebt haben sollten und ließ Wasser ein in einen feuerspeiend’ Berg, so nach unten barst. Und das ganze Land versank mit Mann und Maus in einer einzigen Nacht. Ich aber, mit jedem Morgen, den ich erwach, sag: ‚Hilf mir zu dir und deiner Weisheit, Gatamura! Auf daß ich alles Land, drauf Menschen leben, versenk’ in Feuer und Wasser.‘ — Zu diesem bist du gekommen. Faustus heiß ich mich und das bedeutet: der Glückliche. Und bist zu einem Glücklichen gekommen, der Tag und Nacht nichts anderes sinnt, als wie er untergehen könnt zusammen mit dem erbärmlichen Gezücht, das ein Gott angeblasen haben soll, ist aber jämmerlicher als jede Katzenart und vertilgenswert wie Geschmeiß und Ungeziefer, anders steht die Sach nit. Das alles ist wunderlich und ist ein banger Traum; nit?“
Immerzu sah Johannes Faustus dem Studentlein in die Augen, welche zusehends größer wurden und zuletzt ins Endlose zu schauen begannen. Und bei diesem letzten, ermunternden Worte: „Nit?“ sagte der Student mit ferner Stimme: „Ja.“
„Willst du weiterträumen?“