Sie brachten das Boot in Obhut und stiegen nach kurzer Rast durch die Weingärten den Berg hinan, zur Ruinenwand des Drachenfels. So rüstig schritten sie vorwärts, daß die Unterhaltung stockte und vereinzelte Ausrufe den Inhalt ganzer Sätze zusammenfaßten. Dann strafften sich die Leiber, und die Augen blitzten auf. Ein Aneinanderstreifen der Hände — und weiter ging’s. Oben in der Wirtschaft fanden sie ein paar Wandergesellschaften vor. Der weißbärtige Barde des Drachenfels saß auf einem der Tische, zupfte die Gitarrensaiten und schmetterte mit ausgesungener Stimme seine Rheinwarnungen unter die Pokulierenden, die begeistert Warnung für Antrieb nahmen: »Mein Sohn, mein Sohn, geh nicht an den Rhein, mein Sohn, ich rate dir gut — —«
Otten und Frau Amely schauten von hoher Warte ins Land. Da lagen sie alle zu ihren Füßen, die Städtchen und Orte altberühmten Namens, von der Sage geweiht oder der Dichtung rhein- und weinfroher Sänger, heilige Namen, die man ausspricht mit einer Erregung im Blut. Die Wasserbahn des Rheins glänzte herauf, fern winkten die Inseln. Und im Norden, scharf gezeichnet am Horizont, die steinernen Schwurfinger, die Türme des Domes: Köln.
Ottens Blick haftete lange daran. »Köln — —« sagte er.
Frau Amely folgte seinem Blick. »Bis hierher reicht seine Bannmeile nicht. Dort ist die Finsternis, hier die Freiheit.«
Aber als sie schon am Tische saßen und ihr Mahl einnahmen, sahen sie die Schwurfinger noch vor sich.
»Ich weiß einen besseren Platz für uns, lieber Freund. Einen Platz, der unsere Gedanken wie ein Echo zurückgibt. So still ist er, so weltverloren.«
»Kloster Heisterbach.«
»Ja, Kloster Heisterbach. Sie kennen doch die Legende des Heisterbacher Zisterziensermönches, der es an sich selbst erleben mußte, daß tausend Jahre nur ein Tag sind. Ich möchte auch einmal tausend Jahre in einem Tag genießen.«
Die raunenden Buchenwälder nahmen sie auf. Ein verlorener Wind spielte mit der Sonne gemeinsam in dem zarten Blättergrün. Und es ging durch die Einsamkeit wie tiefe, tiefe Atemzüge.
Frau Amely legte ihre Hand in Ottens Arm. »Ich wollte,« sagte sie, »ich könnte mich fürchten und bei Ihnen Schutz suchen. Aber es ist zu schön dazu.«