»Und ich bitte, daß du mir nicht den Rücken kehrst. Ich will deine Augen sehen. So – ich danke dir. Und nun sieh mich nochmal an, und dann frage dich selber, ob ich – ich imstande bin, dem Menschen, den ich am liebsten habe, sein Fleisch und Blut zu verderben. Ob du mich so einer Tempelschändung für fähig hältst.«

»Traud, weshalb hast du es getan?«

»Ach du,« sagte sie, »jetzt merke ich doch, wie weit, weit du schon von der Jugend fort warst, da deine Gedanken zur eigenen Jugend so schwer zurückfinden können. Und willst doch ein Menschenbildner sein, der die Form verstehen muß, wie den Inhalt. Soll ich dich fragen, wie es mit dir stand in deinen ersten Semestern? Ob du dir ein Fünkchen Sonne hast wegfangen lassen, das dir vor den Augen blinzelte? Ob du einem Mädchenzopf aus dem Wege gegangen bist oder gar einem Mädchenmund? Und deine paar Dukaten dir immer hübsch eingeteilt hast nach Wochen und Tagen, und nicht ein einziges Mal nach der Stunde, die gerade so köstlich war, als könnte keine köstlichere im Leben mehr kommen? Nein, Klaus, ich spreche hier nicht, um der gedankenlosen Leichtlebigkeit eine Verteidigungsrede zu halten, aber um die Jungen vor der Selbstgerechtigkeit der Älteren zu schützen, die ihre einst so süßen, törichten Streiche vergessen haben wollen oder sie nachträglich gern als Taten mit einem wackern Untergrund und bewußten Idealen hinstellen.«

»Traud, ich –?«

»Nein, jetzt bin ich an der Reihe, das heißt: eigentlich ist Walter an der Reihe, aber da ich dir versprach, seine Mutter zu sein, so kann ich ebensogut für ihn reden. Und das sage ich dir, die ich den Jungen so herzlich lieb gewann, und überdies, weil es der deine ist: Erst war er ein Kind und spielte mit Puppen. Und dann kam die Schule, und er spielte nicht mehr mit Puppen. Und jetzt kommt das Lebensstudium, das Berufsstudium und das Studium der Menschen, die ihm darin freundlich und feindlich begegnen. Da laß dem jungen Herzen eine Zwischenspanne, eine kurze, sonnige, in der er noch einmal und zum letztenmal träumen darf, er spiele und dürfe kinderselig spielen, bevor es wieder zur Schule geht. Der Verlust eines Semesters kann nachgeholt und eingeholt werden. Dieser Spielverlust aber nie, oder doch nur auf weniger unschuldige Weise. Laß ihn ruhig ein Mädchen küssen und nochmal eins. Daran ist noch kein Mensch gestorben, oder unsere besten Männer und Frauen lebten längst nicht mehr. Aber geworden ist mancher daran und zum Leben erwacht und hat sich gesagt: Donnerwetter, das ist doch der Mühe wert, und hat sich extra zu diesem Zweck die Bücher vor die Nase genommen. Du ja auch. Und –«

»Traud – hör mich mal an!«

»Und wenn der Sohn dann herangewachsen ist und lebt wie sein Vater in Amt und Würden und sitzt mit diesem Vater abends hinterm Familientisch oder in der Studierstube, dann langweilen sich diese Menschen nicht gegenseitig und gähnen sich an und reden höchstens von ledernen Berufsgeschichten und den ewigen Avancementsfragen, die bis zum Tode kein Ende finden. Sondern sie reden von – nun, von was wohl? Von Sonnentagen und Burschenfahrten, von Becherklang und Liedersang und von so vielen, vielen lieben Mädels und schönen Frauen, daß es so warm zwischen ihnen wird, als wären sie und könnten sie nie und nimmer aus der Jugend heraus; daß sie spüren: es war doch der Mühe wert, trotz Berufs- und Familiensorgen, und der Vater sagt: Junge, das laß ich mich eine Flasche kosten. Und der Junge: Prosit, Vater, auf deine Jugend.«

»Traud! Traud!«

»Hörst du, Klaus, so möchte ich, daß dein Junge einmal wird, und deshalb und deinetwegen habe ich ihn so – so mütterlich behandelt. Nun schimpfe. Ich habe ein köstlich reines Gewissen.«

Er aber hatte sich ihrer Hände bemächtigt und seinen Mund darauf gedrückt …