Es war gewesen, als Asen und Wanen sich geeinigt und sich gemischt und dessen zum Zeichen aus ihrem vermischten Speichel den Kwasir geschaffen hatten, der die Weisheit der Asen und die Lebensfrohheit der Wanen wie einen feurigen Rausch im Blute trug und alle Welt mit seinen Gaben entzückte. Im Berge hockten ein paar Neidlinge, Zwerge von kalter und berechnender Klugheit, die Kwasirs hohe Gaben wohl einzuschätzen verstanden, ohne daß es ihnen gelang, je aus einem ähnlichen feurigen Götterrausch heraus zu schaffen wie Kwasir. Sie blieben Handwerker, wo jener Künstler war. So gedachten sie, ihm das Künstlerblut zu rauben und es sich zu eigen zu machen. Sie baten den göttlichen Kwasir, als er über die Erde wandelte und die Menschen zu veredeln trachtete, zu einem Gastmahl und stießen den Ahnungslosen, als er bei ihnen niedergesessen war, mit ihren Messern zu Tode. Das aufspritzende Blut fingen sie bis auf den letzten Tropfen in zwei Krügen auf und in einem Kessel, der Odrerir genannt wurde nach dem berauschenden Blute. Die Krüge nannten sie Son und Bodn, das ist soviel wie Sühne und Anbietung. Dem Blute setzten die kundigen Zwerge Honig zu, so daß ein Met, ein Dichtermet daraus wurde, der jeden, der von ihm trank, mit Begeisterung erfüllte und zum Dichter und heldischen Sänger machte. Zu den Asen aber trugen die Zwerge die Kunde, der weise Kwasir sei eines Tages, da ihm die Gedanken mehr denn je zuflogen, an seinem eigenen Witz erstickt.

Die beiden Zwerge hoben jetzt um so frecher das Haupt. Hatten sie dem göttlichen Kwasir seine begeisterungweckenden künstlerischen Gaben geneidet, so neideten sie dem reichen Riesen Gilling seine irdischen Schätze. Sie luden den Riesen ehrerbietig zu einem Fischzug ein, trieben das Boot zum Kentern in eine Brandung und schwammen tauchend an Land, während der ungefüge Riese jämmerlich ertrinken mußte. Dem jammernden Weibe Gillings aber ließen sie, als sie aus dem Hause trat, um den Leichnam des Mannes zu bergen, vom Dache aus einen Mühlstein auf den Kopf fallen, der sie zerschmetterte, und aus der unbewachten Wohnung raubten sie, was sie tragen konnten.

Gillings Sohn jedoch, der Riese Suttung, verfolgte ihre Spuren, entdeckte die verbrecherischen Gernegroße und band sie mit Stricken, daß sie kaum noch atmen konnten. Er verurteilte die Gefesselten zum qualvollen Hungertode auf einer Meeresklippe. Vergebens boten die Schwächlinge Hab und Gut zur Rettung ihres Lebens. Als jedoch der Riese davonrudern wollte, sprachen sie ihm von dem Köstlichsten auf der Welt, von dem Rauschtrunk, dem Dichtermet, der da ewige Liebe, ewige Jugendlust, ewigen Heldenruhm schaffe. Der Riese horchte auf. Das dünkte dem Mann aus dem Geschlecht der Thursen und Joten, der Säufer und Fresser, ein begehrenswertes Lösegeld. Er nahm die Wimmernden mit sich, ließ sie die beiden Krüge mitsamt dem Kessel Odrerir herausschaffen und schenkte ihnen das armselige Dasein. Von diesen Beiden aber stammt die Sippe der Neidlinge allüberall.

Den Rauschtrunk der Begeisterung brachte Suttung ins Riesenland heim und versteckte ihn in einen hohlen Berg, zu dem es keinen Zugang gab. Seine schöne Tochter Gunnlod steckte er mit in den Berg, damit der kostbare Met die kostbarste Wache habe.

Diesen Wundertrank Odrerir gedachte Wodan seinen Göttern gen Asgard zu holen. –

In Menschengestalt zog er über die Erde und fuhr über das Meer, das zwischen Midgard, dem Menschenheim, und Utland, dem Jotenheim, brandet. Und er nannte sich Bolwerk, das heißt: Böseswoller. Zuerst suchte er Baugi, des Riesen Suttung Bruder auf, denn er wußte, daß Suttung mißtrauisch sei und unzugänglich für Fremde. Neun Riesenknechte mähten die Felder vor Baugis Haus. Sie riefen den Fremdling an, in welchen Geschäften er reise und was er hier herumlungere, und Wodan erwiderte bescheiden, er heiße Bolwerk und sei seines Zeichens ein Sensenschärfer. Sein Wetzstein vermöge die Sensen zu schärfen, daß sie in Wiesen und Acker hineinschnitten wie in weiche Butter und kein Knecht mehr einen Tropfen Schweiß verlöre.

Da drängten die Riesenknechte herbei und hielten ihm lüstern die nackten Sensen hin, daß er sie wetze. Bolwerk aber zog einen gemeinen Wetzstein hervor und warf ihn hoch über ihre Köpfe. »Fangt ihn!« rief er. »Wer ihn fängt, kann ihn behalten!« Und so hastig und wild fuhren die Riesenknechte nach dem sausenden Stein herum, daß die ungeschützten Sensen durcheinander wirbelten und einer dem andern, im Drange, den Stein zu erwischen, den Kopf vom Halse säbelte. Wodan aber entwich, bis es Abend war.

Er fand den Riesen Baugi jammernd vor seinem Hause sitzen und befragte ihn nach dem Grunde seiner Traurigkeit.

»Meine Knechte,« wetterte der Riese, »müssen sich während des Mähens toll und voll gesoffen haben, denn sie haben jählings das Raufen bekommen und sich allzumal umgebracht. Ich aber kriege für die drängende Ernte keine Knechte mehr.«

Der fremde Wanderer, der sich Bolwerk nannte, tröstete den Riesen.