»Sie soll mein Weib und meine Königin werden,« sprach Gunther, »sie und keine andere.«
»Herr König,« bat Siegfried, »laßt ab. Sie [76] ist von wildem Denken und Tun, und es möchte Euch leicht das Leben kosten.«
»Was?« lachte Gunther. »Ich werde doch wohl noch die Kräfte eines Weibes bändigen können?«
»Herr,« sagte Siegfried, »ich habe vor Jahren Brunhild gekannt. Und ob ich auch weiß, daß Ihr ein starker Ritter seid, sie ist nicht zu bändigen, und Ihr zwingt sie nicht.«
Das ergrimmte den König, und sein Wunsch, Brunhild zu gewinnen, wurde nur noch stärker. Er führte Siegfried beiseite und beschwor ihn, ihm beizustehen auf der Fahrt. »Wählet das Köstlichste meiner Kleinodien,« sprach er, »wählt, was Ihr wollt. Nur verhelft mir zu Brunhild, und ich will es Euch nie vergessen.«
Da sagte Siegfried: »So gebt mir Kriemhild, Eure Schwester, zum Weibe.«
Das schwur ihm Gunther in die Hand.
Und sie kehrten zu den Rittern zurück und berieten die Fahrt.
Um eine Woche später stieß von Worms ein [77] Schiff in den Rhein, das trug Gunther und Siegfried, Hagen und Dankwart, mitsamt ihren Rossen, Panzern und glänzenden Gewandungen. Frau Ute stand mit Kriemhild auf dem Söller der Burg, und das Mägdlein weinte heiße Tränen, während ihr Tüchlein den Scheidenden ein Lebewohl zuwinkte. Aus heißer Sehnsucht nach dem Helden vom Niederrhein weinte die Königstochter.
Die Recken aber fuhren wohlgemut den Rhein hinab, bis sie zum Meere kamen. Hier kauften sie ein kräftiges Drachenschiff, das vor Wind und Wellen nicht bangte, und Siegfried nahm das Steuer, und sie fuhren über die See gen Island.