[84] Siegfried aber ging nur bis vor die Burg, wo ihn keiner sah, zog die Tarnkappe über und kehrte unsichtbar zu seinen Gefährten zurück. »Mut,« flüsterte er und berührte Gunthers Arm, »ich bin bei Euch.«

Die Rosse wurden aus der Bahn geführt. Brunhild begab sich auf ihren Stand. Sie wog den furchtbaren Speer in ihrer Hand, als wäre es eine Gerte, stemmte den Schild vor, bog sich zurück, zielte und schleuderte die Waffe mit solcher Wucht, daß die Luft aufheulte, die Speerspitze Gunthers Schild zersplitterte und der König niedergebrochen wäre, hätte ihn Siegfrieds Faust nicht gehalten. Mit eisernem Ruck zog Siegfried den Speer aus dem Schild, so, daß es aussah, als täte es Gunther. Und ritterlich, als ob es gälte, die schöne Frau nicht allzusehr zu treffen, kehrte er den Spieß um und schleuderte ihn, mit dem stumpfen Schaftende nach vorn, zurück, so furchtbar aber, daß er dröhnend Brunhilds Schild zerbeulte, die Starke den Boden unter den Füßen verlor und rücklings in den Staub fiel.

[85] Zornig sprang sie auf und ordnete Rüstzeug und Gewand. Blutrot lief die Scham über ihr Gesicht, und der Haß sprang gleich Blitzen aus ihren nachtdunklen Augen.

»Frohlockt nicht zu früh,« rief sie ergrimmt, »ich habe nur gescherzt!« Und sie ergriff den hundertpfündigen Felsblock, ließ ihn wie einen Ball auf der flachen Hand tanzen, packte an und warf ihn in wildem Schwunge wohl fünfzig Ellen weit. Und mit gewaltigem Anlauf hob sie sich im Panzer in die Lüfte und schwang sich hinter dem Stein her und sprang weiter noch, als der Stein gefallen war.

Da wurde es totenstill auf der Bahn, und Hagen flüsterte seinem Bruder Dankwart zu: »Mach dein Schwert locker und stell dich mir Rücken an Rücken. Es wird heiße Arbeit geben.«

Gunther schritt zum Steine, und unsichtbar schritt Siegfried neben ihm. Und Siegfried hob den Stein, als höbe ihn Gunther, spannte alle Muskeln an und warf den Felsblock noch zehn [86] Ellen über Brunhilds Marke, packte Gunther um den Leib, sprang an und trug Gunther durch die Luft, als sause ein Falke daher. Weit über den Stein hinaus ging er mit Gunther zur Erde nieder.

Mit vorgebeugtem Leib und verzerrtem Gesicht hatte Brunhild Wurf und Sprung verfolgt. Jetzt sanken ihr die mächtigen Arme an den Leib.

»Nie,« sagte sie, und ihr Atem ging erregt, »hätte ich geglaubt, daß außer Siegfried ein sterblicher Mann solches vermöchte. Nun weiß ich, daß Ihr recht tatet, König Gunther, Siegfried zu Eurem Dienstmann zu nehmen. Ich werde Euch als Euer Weib folgen, wie ich es Euch versprach.«

Da schmetterten die Trompeten, da stürmte der Jubel des Volkes durch die Luft.

Siegfried aber war wieder vor das Tor geeilt, hatte die Tarnkappe abgezogen und kehrte nun auf die Bahn zurück, als wüßte er noch nichts von den Geschehnissen.