»O Siegfried,« rief König Gunther, »nennt ihn mir, und sei er, wie er sei: ich will es Euch ewig danken, so Ihr die Wilde zähmt.«
»So hört mich an,« sprach Siegfried. »Begebt [103] Euch heute abend früher zur Ruhe, damit es meine Frau Kriemhild nicht gewahrt, daß ich ein Stündlein fehle. Wenn Ihr das Schlafgemach betretet, bin ich schon, wohl verborgen, dort. Löscht gleich das Licht und zieht Euch in den äußersten Winkel zurück. Ich aber trete in der Dunkelheit an Eurer Stelle vor, bändige Euch die Wilde und räume Euch wieder das Feld.«
Nicht sonderlich lieb war dem stolzen Könige der Vorschlag. Aber die Sorge trieb ihn, daß er ihn annahm.
Am Abend harrte der starke Siegfried im königlichen Schlafgemach. Hinter einem hohen Wandschirm stand er und wartete. Und König Gunther erschien frühzeitig mit seiner Königin Brunhild, und als Brunhild die Kleider abwarf, löschte Gunther das Licht.
»Glaubst du mir in der Dunkelheit zu entkommen?« spottete Brunhild und legte sich zu Bett. »Nahe mir nur mit einem Schritt, und ich hänge dich an den Pfosten.«
[104] Da schlüpfte Siegfried hinter dem Schirm hervor, und Gunther verbarg sich im Winkel.
An das Bett trat Siegfried und griff sie hart beim Gewand. Brunhild aber sprang aus dem Bette heraus, daß der Boden dröhnte, und warf in wildem Ansturm den starken Mann an die Wand.
»Hei,« dachte Siegfried, »um ein Haar, und mir wäre der Kopf zerschellt.« Aber er sprach kein Wort, damit seine Stimme ihn nicht verrate, und stumm packte er aufs neue zu.
»Hast du noch nicht genug?« rief die verwegene Frau. »Warte, so werde ich dich schnüren, daß dir der Atem vergeht.«
Und sie warf ihm die Arme um den Leib, daß Siegfried sich mit aller Gewalt gegen den Boden stemmen mußte, um nicht vor solcher unbändigen Kraft den Halt zu verlieren. So rangen sie mit keuchendem Atem in der Dunkelheit und warfen sich an den Wänden hin, daß es dem angstvoll lauschenden König Gunther im Blute grauste und [105] er mehr als einmal aus einer Ecke in die andere schlüpfen mußte, um nicht zu Boden getreten zu werden.