Da berichtete ihr Siegfried von König Gunthers Not um das Weib, von Gunthers beweglicher Klage und Verzweiflung.

Siegfried verrät Kriemhild das Geheimnis

[112] »Sollte ich den Schwager, nachdem ich ihn so weit geführt hatte, so tief in Schande stürzen lassen? Deinen Bruder, Kriemhild, der mir diese süßselige Frau bescherte? Ich war im Glück, Kriemhild, und der ist des Glückes nicht wert, der an anderer Unglück vorübergeht. Darum war ich bei Gunther in dieser Nacht und bändigte ihm in der Dunkelheit seine wilde Genossin also, daß sie nicht anders vermeint, als es sei Gunthers Kraft gewesen, dem sie jetzt zärtlich und in Liebe ergeben am Halse hängt. Mich aber verführte das Glitzern des Ringes, daß ich das Kleinod ihr abstreifen mußte. Denn kein anderes Weib darf einen Verlobungsring von mir tragen, als die, deren Seele mich liebt im Glück wie in der Not.«

»O du mein Friedel!« rief Kriemhild, umhalste ihn und barg ihr Köpfchen an seiner Brust.

Das war für den Helden eine selige Freude, und er nahm den Ring von seinem Finger und schenkte ihn der süßen Genossin.

»Doch trage ihn nicht anders,« forderte er, »als [113] wenn Brunhild es nicht sieht. Damit sie nie erfährt, daß es nicht Gunther war, der ihr Ring und Heldentum nahm.«

So kam der Ring Nibelungs in Kriemhilds Besitz, und der Fluch war nicht aus ihm gewichen.

Brunhild aber ging viele Tage umher und schämte sich, weil sie ein Weib geworden war wie andere und nicht mehr die unbezwingliche Heldenjungfrau. Und es war ihr arg, daß Siegfried sie als demütige Frau eines andern Mannes sah, denn so sehr sie Siegfried einst geliebt hatte, so sehr haßte sie ihn jetzt wegen seiner alles überstrahlenden Männlichkeit.

Da rief sie Hagen zu sich und beriet sich mit ihm.