Aus dem Walde gingen sie und fuhren in der Nacht über den Rhein. Stumm schritten sie mit ihrer Last in die Königsburg hinein, und wie zum Hohne ließ Hagen des Helden blutigen Leib auf die Schwelle von Kriemhilds Kemenate legen, als Gruß der Königin Brunhild.

Vor Morgengrauen schon erhob sich Kriemhild aus schreckhaften Träumen. Hastig kleidete sie sich an. Ihr war gewesen, als hätte Siegfried sie gerufen in heißer Not. Zum Münster wollte sie eilen, um zu beten. Und als sie die Tür ihrer Kemenate öffnete, stolperte sie über den Leichnam ihres Herrn und fiel aufschreiend in Ohnmacht über ihn.

Den Schrei hatte Mime gehört, der treue Schmied. In seiner Eisenrüstung eilte er herbei und fand Kriemhild am Halse ihres toten Gemahls [141] mit irren Augen. Sie war erwacht und doch nicht in der Welt. Furchtbar gellten ihre Schreie durch das Haus und über die schlummernde Stadt Worms.

Erschüttert stand Mime und klagte nassen Auges lange um seinen Zögling. Dann trug er mit Kriemhild die Leiche Siegfrieds ins Gemach hinein, und sie wuschen den Leib und hüllten ihn in weißes Linnen. Auf dem Gange aber sammelten sich mit verstörten Gesichtern die Ritter und Frauen, und König Gunther kam mit seinem ganzen Hof, und auch Hagen von Tronje trat mit ihm ins Zimmer.

Und König Gunther sprach: »Es ist ein Unglück geschehen, liebe Schwester, und keinen trifft die Schuld.«

Da richtete sich Kriemhild an der Leiche auf und spähte in allen Gesichtern.

»So ihr die Wahrheit redet und euch nicht fürchtet,« rief sie herrisch, »tretet heran an die Leiche!«

Und sie traten alle heran. Doch als Hagen [142] von Tronje an die Reihe kam, brachen des Leichnams Wunden auf, und das Blut strömte anklagend aufs neue.

Da schrie die Königin Kriemhild: