Da lag die kahle Höhe des Felsen.

[15] Das Roß erschauerte. Ein Dampf quoll auf, der in Stößen den Himmel verfinsterte, und ein giftiger Brodem erfüllte die Luft und stach in die Lungen.

Siegfried zog das Helmband fester und lockerte den gewaltigen Eschenspeer, der von der Spitze bis zum Schaft mit zweischneidigem Eisen beschlagen war. Mit der Linken tastete er nach seinem guten Schwert Balmung, strich beruhigend seinem Pferde über den Kopf und lenkte es behutsam um einen Felssturz.

Da lag das Untier, an die hundert Fuß lang, mit dem Kopfe eines Krokodils, den Krallen eines Löwen und dem schuppigen Schwanze eines fürchterlichen Wurmes. Es schlief.

»Pfui,« sagte Siegfried und hätte gern das Wort zurückgenommen. Denn vom Klange seiner Stimme war der Drache erwacht, glotzte aus vorquellenden Augen den tollkühnen Ritter an, öffnete den Rachen und — lachte ein grausenerregendes Lachen.

[16] Das erbitterte den Helden, denn er spürte den Hohn.

»Schließe den Schnabel, du Vieh!« rief er zornig. »Dein Atem riecht übel. Warte, ich sperr' ihn dir!«

Und er bog den Arm zurück, sprengte vor und schleuderte den eisenbeschlagenen Speer dem Drachen ins Maul, daß nur noch das Ende des Schaftes hervorwippte. Das Untier aber erhob sich, würgte und spie den Speer mit solcher Wucht zurück gegen Siegfrieds auffangenden Schild, daß sich das Roß auf die Hinterbeine setzte und sich überschlagen hätte, wäre Siegfrieds zwingende Hand nicht so stark gewesen. Jetzt aber ging der Drache zum Angriff vor. Er brüllte, daß die Felsen erdröhnten und das Gestein ringsum zersprang. Und bei jedem Atemzug schossen lodernde Flammen aus seinem Rachen, daß der Held vor Hitze schier glaubte verkommen zu müssen. Den Gaul riß er herum, um dem sengenden Qualm zu entgehen. Da holte der Lindwurm mit dem [17] Schuppenschwanze zum Schlage aus. Aber das Roß Grane stieg hoch und schwang sich wie ein Vogel über den Rücken des Ungetüms, hinüber und wieder herüber, wie die Schläge des Schwanzes fielen, und Siegfried holte sein Schwert Balmung aus der Scheide, und plötzlich beugte er sich vom Rücken des springenden Rosses tief hinab, der Stahl pfiff durch die Luft und durchhieb den Schwanz des Untiers, daß er losgetrennt gegen die Felswand klatschte. Heulend fuhr der Drache in die Höhe, und ein Prankenschlag traf den Steigbügel und riß Siegfried vom Pferd.

»Ich will's dir vergelten, du Nimmersatt.« rief der Held und sprang zu Fuß den Drachen an. Aber die Glut, die ihm entgegenströmte, war so furchtbar, daß ihm die Panzerschnallen schmolzen und der Harnisch von seinem Körper fiel. »So ist's bequemer,« lachte grimmig der Held und ließ den Balmung wie einen Wirbel tanzen. Schon lief ihm der Schweiß in Strömen über den Leib, schon fühlte er das Mark im Arm verdorren vor [18] der höllischen Hitze, und immer noch war der Drache übermächtig. Da gewahrte er an der Klaue des Lindwurms einen blitzenden Ring, den Ring des Königs Nibelung. Und er nahm seine letzte Kraft zusammen, duckte sich, sprang vor, warf sich an des Untiers Kehle und durchschlug mit sausendem Querhieb die zum Schlag erhobene Tatze, daß die Krallen mit dem Ringe in die Steine flogen.

Einen einzigen Schrei tat der Drache. Einen Schrei, wie ein Verdammter schreit. Und brach in seinem Blute tot zusammen.