Der Herr vom Hause hatte an diesen Gesprächen bisher wenig Anteil genommen; jetzt aber mischte er sich ins Gespräch und nahm das Wort:
„Sie haben, gnädige Frau, mit vielem Geschick versucht, das Nichtvorhandensein des Berggeistes mit mancherlei Gründen zu beweisen. Dennoch dünkt mich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung aus der Hand des entlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie, wenn es ihm gefallen hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte, daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fuß breit entfernt habe, daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung eingeführt worden sind, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wär’s doch möglich, daß der Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde folgen, daß er nicht ganz das Unding wäre, wofür Sie ihn halten.“
Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung und die schönen Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem Hausherrn starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im Scherz oder im Ernst gesagt sei. Die weitere Erörterung unterbrach die Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der letztere war ebenso beglückt beim Anblick seiner vier Rappen im Stalle, wie der erstere, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch welches er wie von einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte übergeben, um es zu begutachten. Doch erkannte er es bald für einen ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt und durch den Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem abschreckenden Menschenantlitz aufgestutzt war.
Nach aufgehobener Tafel ging die Gesellschaft auseinander, da der Morgen bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind überraschte, daß die Einbildungskraft nicht Zeit hatte, ihnen die Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und ängstliche Träume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe klingelte und die Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht hätten, in den weichen Federn auch auf dem andern Ohr zu schlafen. Allein die Gräfin verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades aufs baldigste zu versuchen, daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem Ball beigewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das Frühstück eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerührt durch die freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Riesental genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung, auf der Rückkehr wieder einzusprechen.
Kaum war Rübezahl in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen würden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte.
„Elender Erdenwurm,“ redete ihn der Geist an, „was hält mich ab, daß ich dich nicht zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese Frechheit.“
Der Krauskopf hielt eine lange Rede und suchte sein Verhalten mit seinen unglücklichen Lebensschicksalen zu beschönigen. Das stimmte den Berggeist milder und er sprach:
„Geh, Schurke, so weit dich deine Füße tragen und ersteig den Gipfel deines Glücks am Galgen!“ Hierauf verabschiedete er seinen Gefangenen mit einem kräftigen Fußtritte, und dieser war froh, daß er mit einer so gelinden Strafe abkam und pries seine Beredsamkeit, die seiner Meinung nach ihn diesmal aus einer sehr mißlichen Lage gezogen hatte. Er beeilte sich, dem gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen.
Die Gräfin Cäcilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den Badearzt zu sich zu berufen und ihn, wie gewöhnlich, über ihren Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu befragen. Da trat herein der weiland hochberühmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg, für welchen das Bad eine Goldquelle war.
„Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor,“ riefen Mama und die holden Fräuleins ihm traulich und freundlich entgegen.