Am Vormittage des 20. März ließ ich die Träger durchmustern und alle nicht gesunden Leute durch neue ersetzen. In der so volkreichen Stadt war dieses nicht so schwer, besonders da ich nach Lagos zurück wollte. Am Nachmittag brach die Karawane auf. Der Marsch durch die Stadt dauerte jetzt noch länger als der am 17. März. Nach Schätzungen soll dieselbe ungefähr 300000 Einwohner haben, wäre demnach wohl die größte Stadt des afrikanischen Kontinentes. Über Hügel und Thal marschierten wir zwischen den eng aneinander gebauten Häuserreihen hin, gefolgt von neugierigen Weibern und lärmenden nackten Kindern.
Bevor wir noch das westliche Thor der Stadt erreicht hatten, brach einer der Träger zusammen. Derselbe schien ebenso wie sein Bruder, den ich am Morgen entlassen hatte, schwindsüchtig zu sein. Da ich mich nicht dadurch aufhalten lassen wollte, entließ ich den Mann sofort und ließ seine Last auf die übrigen verteilen, denn ohne Aufenthalt war kein neuer Träger zu beschaffen. Der Tag war furchtbar heiß und schwül, kein Lüftchen regte sich, so daß es mich denn auch nicht überraschte, als ich in der Ferne schwarze Regenwolken aufsteigen sah. Meine Leute wollten gern noch innerhalb der Stadt Rast machen, ich jedoch war nicht damit einverstanden, da ich wußte, welche Schwierigkeiten es am nächsten Tage machen würde, die Leute zum Aufbruch zusammenzubringen. Trotz des Murrens mußten die Träger weiter. Etwa 1½ Stunden, nachdem wir aus der Stadt herausgetreten waren, erhob sich ein furchtbarer Tornado. Nun hieß es sobald als möglich Schutz zu suchen. Im Laufschritt vorwärts. Der Wind peitschte furchtbar die Blätter der Ölpalmen. Es war ein Sturm, wie ich ihn nicht vorher erlebt hatte. Nach etwa ½ Stunde Laufschritt wurde es ganz finster, obgleich es noch nicht 6 Uhr abends war. Zu unserer Freude erreichten wir das Farmdorf Otimbale, als eben der Regen begann. Die Lasten konnten also noch trocken untergebracht werden. In strömendem Regen wurde das Zelt aufgestellt, welches zu meiner großen Freude selbst bei diesem Sturm fest standhielt. Nachdem die übliche Rinne um das Zelt gelegt war, gelang es auch den Boden vollständig trocken zu legen, so daß ich noch vollständig trocken mich schlafen legen konnte. Die Träger quartierten sich in den Häusern der Eingeborenen ein.
Meinen Leuten schien der Abschied von Ibadan nicht besonders leicht geworden zu sein, denn am nächsten Tage schien niemand rechte Lust zum Packen und Marschieren zu haben. Erst um 6 Uhr waren wir auf dem Wege. Zunächst hatten wir noch grasige Hügel mit Gebüsch und einigen Borassuspalmen zu durchziehen. Um 7¼ ließ ich eine kurze Rast in dem Farmdorfe Okovin machen. Kurz vorher hatten wir den fast trockenen Odoona-Bach zu überschreiten.
Gegen 8 Uhr langten wir in der Ortschaft Bodeibo an. Auch hier war das System der Kopfgeld-Erhebung, wie ich es von Ibadan geschildert, eingeführt. Bald darauf erreichten wir den Waldgürtel, der hier an der Nordgrenze einige Zungen in die Grasländer hineinschiebt. Der Wald war hier üppiger als ich ihn vorher im Yoruba-Lande gesehen, Kickxien schienen jedoch wenige vorhanden zu sein. Nach Aussage der Eingeborenen sollen sie aber früher auch hier sehr zahlreich gewesen sein. Überall hörte man dieselbe Klage der Eingeborenen, die Fantis hätten ihnen alle „Rubbersticks“ ausgeschlagen und getötet. Um 9 Uhr erreichten wir einen kleinen Farmweiler, Okradjo genannt. Hier war ein Lager der „Eisenbahn-Surveyer“ aufgeschlagen, welche die Route der von Abeokuta nach Ibadan in Aussicht genommenen Eisenbahn ausstecken sollten. Die Europäer waren nicht anwesend, als ich mit meiner Karawane eintraf. Während der Frühstücksrast, welche ich den Leuten hier gab, wurden wir derartig von kleinen Fliegen gepeinigt, daß ich es sehr bald vorzog, eine kleine Exkursion in den Wald zu unternehmen. Hier fand ich außer einigen Orchideen (zwei Angraecum-Arten) auch einige Apocynaceen, deren Milchsaft ich untersuchte. Landolphien waren hier reichlicher vorhanden, aber keine blühend, so daß ich die Arten nicht feststellen konnte.
Unter meinen Trägern brach hier ein kleiner Aufstand aus, der mich zwang, den Rädelsführer zu strafen. Da die Leute aber bald einsahen, daß sie doch den Kürzeren gezogen hatten, beruhigten sie sich wieder und gaben sich sogar am Nachmittage Mühe, möglichst flott zu marschieren.
Der Nachmittagsmarsch führte uns durch dichten Wald, in dem sich hin und wieder Spuren von Kickxia fanden. Es war ein sehr heißer Tag ohne jeden Wind, so daß den Trägern ihre Lasten nicht gerade leicht wurden; die kleine Aufmunterung, welche sie vorher erhalten, kam mir daher sehr zu statten. Um 3½ Uhr stießen wir plötzlich auf das Hauptlager der Eisenbahn-Ingenieure. Hier ließ ich eine kurze Rast machen. Mr. Berger, der Chef-Ingenieur, war so freundlich, mir einen Träger zur Verfügung zu stellen, da ich durchaus einen Mann mehr gebrauchte, an Stelle dessen, der in Ibadan zusammengebrochen war, und mir einen Empfehlungsbrief für den Eisenbahn-Doktor, in dessen Lager ich zu übernachten gedachte, mitzugeben. Bis Ilugu hatten wir einen sehr angenehmen Marsch durch ein sehr schönes, schattiges Waldgebiet, in dem ich viel Landolphia sah. Längs des Weges beobachtete ich hier einige Häuflein etwa armlang geschnittener Landolphiazweige, die die Eingeborenen geschnitten, um dann in ihren Häusern die darin noch enthaltene Milch zu sammeln und zu Kautschuk zu verarbeiten. Dass diese Milch nicht vorher koaguliert, ist dadurch zu erklären, daß die beim Anschneiden heraustretende Milch sofort an der Luft koaguliert und somit die ganze Schnittfläche luftdicht verschlossen wird. Dicht hinter Ilugu erreichten wir das Lager des Eisenbahn-Doktors, der mich sehr höflich aufnahm. Noch bis in die Nacht hinein saßen wir daselbst gemütlich zusammen, uns über Lagos und die von mir zuletzt bereisten Gegenden unterhaltend.
Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, um noch zur rechten Zeit zur Abfahrt des Dampfers nach Kamerun in Lagos einzutreffen, hieß es nun, den Marsch möglichst zu beschleunigen. Ich brach daher am 22. März schon vor 5½ Uhr auf. Auf einem ziemlich schlechten Waldwege, auf dem die Träger häufig über Wurzeln stolperten, ließ ich nun in schnellem Tempo marschieren. Der Headman, welcher nach meiner Marschordnung stets hinter dem letzten Träger ging, feuerte die Leute immer wieder an. So kam es, daß wir schon um 8 Uhr in Abuleode eintrafen. Der Aufenthalt hier wurde uns wieder durch die Scharen der kleinen Fliegen, welche in die Augen, Ohren und Nase hineinflogen und sich an jedem nicht bedeckten Körperteile festsetzten, um den Schweiß aufzusaugen, vollständig verleidet. Da sonst nichts Interessantes hier zu finden war, beschäftigte ich mich mit Fangen von Schmetterlingen. Zu diesem Zwecke ließ ich durch meine Leute an einer sonnigen Stelle im Wege wiederholt Wasser ausgießen, bis der Boden dort vollständig durchnäßt war. Es dauerte gar nicht lange, bis sich die ersten Papilio dort niedersetzten, um die Feuchtigkeit aufzusaugen. Nach kurzer Zeit wurde die betreffende Stelle von Dutzenden umschwärmt. Die saugenden Tiere konnte ich dann einfach mit der Hand aufnehmen und durch Zerdrücken des Brustkastens töten. Etwa lädierte Exemplare legte ich mit ausgebreiteten Flügeln wieder zurück, damit sie durch die leuchtende blaue Färbung der Flügel nun immer wieder neue Tiere anzogen. Es gelang mir so, in einer Stunde nicht weniger als 63 guter Exemplare habhaft zu werden, ohne einmal den Käscher zu gebrauchen. Große Feinde aller Insektensammlungen in den Tropen sind die Ameisen, welche sofort über dieselben herfallen, sollte man es einmal wagen, frisch gefangene Sachen über Nacht frei stehen zu lassen, ohne sie durch Naphthalin oder Kampfer zu schützen.
Um 2½ Uhr ließ ich wieder aufbrechen. Teils über offenes Terrain, teils durch dichte Wälder führte uns nun unser Weg. Die Hitze war kaum mehr zu ertragen, dazu kamen die uns stets umschwärmenden Fliegen. Gegen 4½ Uhr erreichten wir ein Dorf, für welches mir die Eingeborenen den Namen Adawó angaben. Als ich weiterziehen wollte, kamen die Leute und behaupteten, es sei vor uns auf einer sehr langen Strecke kein Dorf mehr vorhanden. Da ich in der Nacht Regen befürchtete und daher meine Leute gern in Hütten schlafen lassen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als hier über Nacht zu bleiben. Ich ließ mein Lager unter großen Ficusbäumen aufschlagen. Da es noch sehr früh war und die Leute sonst nichts zu thun hatten, schickte ich die ganze Gesellschaft aus und ließ Milch der Ficusart sammeln, um damit zu experimentieren. Diese Milch verhielt sich nun insofern sehr merkwürdig, als sie weder durch Kochen noch durch Säurezusatz zur Koagulation zu bringen war. Ich ließ einen Topf unter beständigem Feuer etwa eine halbe Stunde scharf kochen, und selbst dadurch erzielte ich keine Koagulation. Eine andere Ficusart, welche große lederige Blätter besitzt, ergab auch nur ein klebriges Produkt, das kaum verwendbar sein würde, höchstens zur Erzielung von Wasserdichtigkeit bei Stoffen. Die Kosten des Einsammelns würden jedoch wohl kaum durch den Wert des erhaltenen Produktes gedeckt werden, wenn sich nicht etwa neue Verwendbarkeiten für dasselbe finden ließen. Es sind mir zwar schon hohe Preise genannt worden, welche für ein derartiges Produkt bezahlt worden sein sollen, doch bin ich der festen Überzeugung, daß diese nicht als Marktpreise gelten können. Es würde nämlich viel billiger sein, guten Kautschuk zu kaufen und denselben mit der gewünschten Quantität Harz zu vermischen. Die Nacht in Adawó war sehr unangenehm, erstens fing es an zu regnen, zweitens aber gab es Moskitos in Mengen. Ich erwähne dieses besonders, da es im Yoruba-Lande auffallend ist, daß die Moskitos in der Periode des beginnenden Regens so äußerst selten sind. Es ist daher das Reisen in diesen Gegenden bedeutend angenehmer als z. B. im Congostaate, in dem einem nur allzu häufig die Nächte durch diese höchst unangenehme Zugabe verleidet werden.
Am 23. März waren wir bereits um 4½ Uhr auf dem Wege. Es war herrlich, bei dem eben hereinbrechenden Morgenlichte durch den Urwald zu marschieren. Gegen 6 Uhr trafen wir mit zwei Haussa-Soldaten und vier Trägern zusammen, welche aus dem nördlich gelegenen Shaka kamen und mich um Erlaubnis baten, sich meiner Karawane anschließen zu dürfen. Ich sollte es nicht bereuen, daß wir bereits so früh aufgebrochen waren, denn bald traten wir gänzlich aus dem Urwald heraus und hatten nun auf teilweise sehr sandigem Boden über ein heißes Steppengebiet zu ziehen. Die Leute lechzten nach Wasser, das nicht zu bekommen war. Gegen 9 Uhr langten wir in Ayetoro an, einem Dorfe, das einige hundert Häuser zählen dürfte. Ich selbst war furchtbar durstig geworden auf dem Marsche durch die staubige Steppe, sehr gelegen kam mir daher ein Trunk Palmenwein, den mir der Häuptling des Dorfes als Geschenk schickte. Ich gab den Trägern hier Zeit zum Essen und Trinken und machte unterdessen einen Spaziergang durch das Dorf. Merkwürdige Fetische waren hier zu beobachten, zum Teil nur aus einem Pflanzenbüschel bestehend, der an einem langen Stab befestigt war. Einem derselben schien eine ganz besondere Macht beigemessen zu werden, denn der Platz um den Stab herum war sehr schön gesäubert, im Kreise herum standen Schalen mit Palmenöl und -Kernen, Kauris, Eßwaren aller Art und vielem anderen. Ich sah hier übrigens viele Haussa-Leute, welche nach Abeokuta gehen wollten. Einer derselben war der Abgesandte eines Haussa-Häuptlings im Innern, er trug ein wundervolles Schwert in einer prachtvoll gearbeiteten Lederscheide an einem dicken, runden, kirschroten, aus Seide hergestellten Gurte, welcher um die eine Schulter hing. Dieses Schwert war, wie er mir erklärte, ihm von seinem Herrn als Zeichen seiner Vollmacht mitgegeben worden.
Abeokuta selbst sollte nach Angaben der Eingeborenen noch „sehr weit“ sein. Ich ließ daher um 1 Uhr wieder aufbrechen. Weiter ging es über Steppengebiet; bei der immensen Hitze nicht gerade ein sehr angenehmer Spaziergang, dazu kam noch, daß die Eingeborenen jetzt bei Beginn der Regen einen Teil der Steppe abgebrannt hatten, um für ihr Vieh frisches Gras zu erhalten. Ja, wir hatten selbst einmal zehn Minuten lang am Rande einer brennenden Fläche, die sich am Wege dahinzog, entlang zu gehen. Die ganze Karawane setzte sich sehr bald in Laufschritt, um der furchtbaren Hitze möglichst bald zu entgehen.