Gegen 9 Uhr am Morgen des 22. Mai fuhren wir durch einige der Mündungsarme in den Hauptstrom hinein. Bei Kisanga waren wir dem portugiesischen (südlichen) Ufer des Stromes ziemlich nahe. Je mehr wir uns nun gegen Nachmittag Boma, der Hauptstadt des Congostaates, näherten, desto enger wurde der Strom und desto gelber die Färbung des Wassers. Endlich um 4½ Uhr erreichten wir Boma. Hier wurde der Dampfer ganz dicht an das Ufer herangezogen, da die äußerst günstigen Tiefenverhältnisse des Stromes dies gestatten. Es fing bereits an zu dunkeln, als wir das Land betreten konnten. Ich erledigte daher nur einige geschäftliche Gänge und verschob alles andere auf den folgenden Tag, da der Kapitän mir sagte, daß er den nächsten Vormittag sicher hier verbleiben müsse, um den Cargo für Boma löschen zu können. Vor der Stadt lagen noch zwei kleine Regierungsdampfer, welche den Postverkehr zwischen Boma und Matadi wie Banana zu vermitteln haben.

Am Vormittage des nächsten Tages machte ich bei dem Gouverneur des Congostaates Herrn Vanghermé Besuch. Dank des Einführungsschreibens des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer wurde ich sehr liebenswürdig empfangen. In jeder Weise wurde mir gezeigt, daß meine Expedition ins Innere von der Regierung unterstützt werden würde. Die Einfuhr meiner Gewehre wurde mir sofort erlaubt, ebenso sollten meine ganzen Expeditionsgüter ohne Schwierigkeiten gelandet werden dürfen. Da ich das Landen derselben aber erst in Matadi vorzunehmen gedachte, versprach mir der Herr Gouverneur Vanghermé, eine diesbezügliche Bestimmung zugleich mit Empfehlungsschreiben für die Beamten im Innern nach Matadi nachzuschicken. Hätte ich nicht von seiten der Congostaat-Regierung dieses liebenswürdige Entgegenkommen gefunden, so wäre es zum mindesten sehr fraglich gewesen, ob ich die Congo-Reise erfolgreich hätte durchführen können. Eine ebenso liebenswürdige Aufnahme wie bei dem Herrn Gouverneur fand ich auch bei dem Staatssekretär Herrn van Damm, der in zuvorkommendster Weise die Regelung meiner Papiere etc. veranlaßte.

Wie unser Kapitän vorausgesagt hatte, fuhren wir wirklich recht pünktlich um 12 Uhr mittags ab. Je mehr wir uns jetzt der auf dem portugiesischen Congo-Ufer gelegenen Ansiedlung Noki näherten, desto stärker wurde die Strömung. Die Ufer des Stromes werden bereits dicht hinter Boma höher und bilden schließlich ziemlich hohe, felsige Hügel, welche oft jäh am Flusse abfallen. Die felsige Natur dieser Hügel bedingt es natürlich, daß der Strom hier bedeutend eingeengt ist, so daß sein Wasser in dem häufig gekrümmten Flußbette schneller dahinschießt. An besonders scharfen Biegungen im Flußlaufe bilden sich dann leicht Strudel, welche für die Schiffahrt nicht ganz ungefährlich sind. Derartige Strudel sind z. B. bei Noki anzutreffen.

Noki, welches wir um 5½ Uhr gegen Abend erreichten, ist eine kleine, schön gelegene Niederlassung kurz vor Matadi. Die dort ansässigen Kaufleute sind fast alle Portugiesen. Da von hier auch eine nicht unbedeutende Handelsstraße ins Innere der portugiesischen Besitzungen geht, so ist es nicht zu verwundern, daß die Einfuhr von europäischen Stoffen und sonstigen Tauschartikeln für die Eingeborenen eine ziemlich große ist. So kam es auch, daß wir 1½ Tag hier liegen mußten, um unseren Cargo zu löschen. Aus dem Innern wird hier Kautschuk gegen Ende des Jahres in ziemlichen Mengen heruntergebracht, besonders Wurzelkautschuk. Letzterer wird nach Angaben der Kaufleute hinter der ehemals sehr bedeutenden, jetzt allmählich verfallenden Stadt San-Salvador gewonnen. Unseren Aufenthalt in Noki benutzte ich zu einer kleinen Streiferei über die Hügel. Letztere sind sehr steinig und mit üppiger Grasvegetation bedeckt. An geschützteren Orten in den Thälern hat sich etwas Wald hier und dort angesiedelt, in dem Landolphien nicht selten anzutreffen sind. Die Vegetation dieser Hügel, welche alle wohl noch als Ausläufer der aus Angola kommenden Sierra do Cristal zu betrachten sind, erinnert lebhaft an die Vegetation Benguellas und Angolas. Die Savannen sind mit hohen Andropogon-Arten bedeckt, welche die Eingeborenen zum Decken ihrer Häuser verwenden; dazwischen finden sich niedere Kräuter und Halbsträucher aus den Familien der Leguminosen, Compositen, Polygalaceen, Gentianaceen, Melastomaceen etc. In den Sümpfen sind kleine Scrophulariaceen, Labiaten und prachtvolle Lissochilus-Arten verbreitet.

Am 25. Mai morgens fuhren wir nach Matadi. Kurz hinter Noki hatten wir noch Stromschnellen zu passieren, welche schon verschiedene Schiffe zur Umkehr gezwungen haben sollen. Das Wasser schießt hier zu einigen Jahreszeiten mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 Knoten dahin. Allenthalben bilden sich kleine Strudel, welche für Boote entschieden gefährlich sein können.

Da dicht hinter Noki die Grenze des portugiesischen Gebietes liegt, hatte die Congostaat-Regierung kurz hinter derselben die Telegraphenlinie, welche Boma mit Matadi verbindet, über den Strom führen lassen. Zu diesem Zwecke sind zwei riesige eiserne Gestelle aufgebaut worden, über welche der Draht über den Strom gezogen ist.

Als wir in Matadi anlangten, fand ich auf der Post bereits die mir von Herrn Gouverneur Vanghermé versprochenen Briefe vor. Ich hatte nun keine Schwierigkeiten, meine Expeditionsgüter und Gewehre zu landen. Allenthalben kamen mir die Regierungsbeamten mit der größten Liebenswürdigkeit entgegen. Da ich noch meine Angelegenheiten in Matadi zu ordnen hatte, beschloß ich, erst am Montag, den 29. Mai, nach dem Stanley-Pool zu fahren. Ich quartierte mich nun im französischen Hotel ein und konnte dann in Ruhe meine Vorbereitungen zur Abreise ins Innere treffen. Matadi (Felsenstadt) hatte zur Zeit meiner Ankunft daselbst nach Schätzungen dort ansässiger Europäer etwa 150 europäische Einwohner, von denen mindestens zwei Drittel geborene Belgier waren. Außer den von ihren benachbarten Kolonien kommenden zahlreichen Portugiesen waren von anderen Nationen besonders Italiener zahlreich vorhanden, welche meist bei der Eisenbahn angestellt waren.

Wie ich beabsichtigt hatte, war ich mit meinen Vorbereitungen am Montag, den 29. Mai, vollständig fertig zur Abreise ins Innere.

Dreimal in der Woche schickt die Eisenbahnverwaltung durchgehende Züge nach dem Stanley-Pool, denen je ein Passagierwagen angehängt wird. Man darf sich diese Congo-Eisenbahn nicht etwa wie eine europäische vorstellen. Die Personenwagen bestehen ähnlich wie unsere Speisewagen aus einem einzigen Coupee, in dem etwa zehn Lehnstühle angebracht sind. Fenster sind nicht vorhanden, sondern der ganze Wagen ist offen; für die Tropen ja entschieden das Angenehmste. Um sich gegen Staub und Rauch der Lokomotive schützen zu können, sind leinene Vorhänge vorhanden, welche man nach Belieben herabziehen kann. Da unterwegs nur einmal, während des Nachtquartiers, Gelegenheit gegeben wird, zu essen, so muß ein jeder sich bereits in Matadi mit dem nötigen Vorrate an Getränken und Nahrungsmitteln versorgen. Alle Passagiere erscheinen denn auch bei Abfahrt des Zuges mit einer Kiste voller Konserven. Der Preis für die zweitägige Fahrt bis Stanley-Pool beträgt 500 Frcs., wofür ein jeder Passagier 100 kg Freigepäck mitzunehmen das Recht hat. Für das übrige Passagiergepäck muß bis Leopoldville ein Frachtsatz von 1 Frc. pro Kilo bezahlt werden. Wenn man bedenkt, daß die Entfernung von Matadi bis Leopoldville nur etwas über 400 km beträgt, so scheint dieser Frachtsatz ein immens hoher zu sein, dennoch wird er von den Leuten, welche die Verhältnisse des Landes vor Fertigstellung der Eisenbahn kannten, gern bezahlt, denn früher wurde durch die unsicheren Träger, welche sogar noch die Lasten bestahlen, der Transport einer Last von 30 kg bis Leopoldville auch auf 30 bis 40 Frcs. angesetzt. Die Eisenbahn befördert nun die ganzen Waren in zwei Tagen sicher zum Stanley-Pool, während man früher mindestens einen Monat für diese Reise rechnete. Auch für die Beförderung sämtlicher anderen Waren, welche ins Innere gebracht werden, muß derselbe Frachtsatz bezahlt werden; eine Ausnahme hiervon machen nur Maschinenteile und einige damit verwandte Artikel, sowie Salz, bei ersteren wird eine Reduktion von 40 pCt., bei letzterem von 50 pCt. erlaubt, vorausgesetzt, daß es in geschlossenen Säcken (nicht in Barren) eingeführt wird. Die Frachtsätze von Leopoldville bis Matadi zurück sind andere. Ich werde späterhin darauf zurückkommen.

Am Montag, den 29. Mai, fuhr ich um 6½ Uhr morgens von Matadi ab. Der Zug hatte anfangs eine sehr beschwerliche Fahrt, da er durch zwei Lokomotiven die Berge hinaufgezogen werden mußte, bis wir allmählich das Plateau erreichten. Die Scenerie war großartig. Zuerst fuhren wir ein kleines Stückchen längs des Congo, zum Teil an steil abfallenden Gehängen vorüber. Immer höher ging es hinauf. Unten sah man den Strom dahinbrausen über die Schnellen von Vivi, welche der Schiffahrt auf dem Flusse eine Grenze setzen. Auf einer Sandbank lag ein riesiges Krokodil, auf welches einer der Mitreisenden eben anlegen wollte, als es, durch den Zug erschreckt, sich träge ins Wasser fallen ließ. Von der Station Kenge an vergrößerte sich die Fahrgeschwindigkeit bedeutend, da wir nunmehr über das Plateau fuhren, auf welchem nur hin und wieder noch kleinere sanfte Steigungen vorhanden waren. Nach 10 Uhr wurde es in dem Wagen fast unerträglich, da wir allmählich vollständig mit Kohlenstaub bedeckt waren, außerdem wurde es drückend heiß. Das Plateau, über welches wir dahinsausten, war meist mit hohen Andropogon- und stellenweise mit Pennisetum-Arten bedeckt. Dazwischen waren hier und dort kleine Sträucher und Gebüsche zu sehen, oder in den Thälern Sümpfe oder Wälder. Da gerade die Trockenzeit begann, als ich diese Reise machte, sah das ganze Gebiet ziemlich verbrannt und dürr aus. Von Blumen war recht wenig zu sehen. Nach etwa elfstündiger Fahrt, also gegen 5½ Uhr abends, erreichten wir die Station Tumba, wo für die Nacht angehalten wurde, denn während der Nacht wird auf der Congo-Eisenbahn nicht gefahren. Die Passagiere hatten sich in den hier vorhandenen sogenannten Hotels ein Nachtquartier zu suchen, was damals durchaus nicht so einfach war. Die Einrichtung dieser „Hotels“ ist äußerst primitiv. Gewöhnlich stehen mehrere Betten in jedem Schlafzimmer, so daß man gezwungen ist, mit irgendwelchen wildfremden Menschen zu schlafen. Diebstähle sollen daher nicht selten sein. Das Essen, welches uns gegeben wurde, war nicht schlecht. Es wurde an einer großen, langen Tafel eingenommen. Da der Grundsatz der meisten dieser freilebigen Belgier „Heute ist heut“ ist, so kann man sich denken, daß tüchtig getrunken wurde. Unteroffiziere saßen an demselben Tische mit Offizieren und schienen sich durchaus nicht dazu bewogen zu fühlen, sich ein wenig im Trinken und Lärmen zu mäßigen. Die Schlimmsten waren entschieden die Italiener, welche offenbar auch zu Hause einer ziemlich niederen Kaste angehörten. Bis tief in die Nacht hinein dauerte das Lärmen dieser Leute. Man ließ sich allerdings nicht dadurch stören, sich nach der ermüdenden Eisenbahnfahrt bei der hier herrschenden kühleren Temperatur sogleich nach Beendigung der Mahlzeit in Morpheus Arme zu werfen.