Unerbittlich und ohne Schonung des Widerstrebenden handelt der Schaffende. Er kennt nicht die Tugend der Leidenden: das Mitleid. Aus seiner Kraft kommen die Antriebe des Schaffenden, nicht aus dem Gefühle des fremden Leidens. Daß die Kraft siege, dafür setzt er sich ein, nicht daß das Leidende, Schwache gepflegt werde. Schopenhauer hat die ganze Welt für ein Lazarett erklärt, und die aus dem Mitgefühle mit den Leidenden entspringenden Handlungen für die höchsten Tugenden. Er hat damit die Moral des Christentums in anderer Form ausgesprochen, als dieses selbst es thut. Der Schaffende fühlt sich nicht berufen, Krankenwärterdienste zu verrichten. Die Tüchtigen, Gesunden können nicht um der Schwachen, Kranken willen da sein. Das Mitleid schwächt die Kraft, den Mut, die Tapferkeit.
Das Mitleid sucht gerade das zu erhalten, was der Starke überwinden will: die Schwäche, das Leiden. Der Sieg des Starken über das Schwache ist der Sinn aller menschlichen, wie aller natürlichen Entwickelung. „Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung, Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte, Aufzwängung eigener Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens, Ausbeutung.“ (Jenseits von Gut und Böse § 259.)
„Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet ihr mit mir — siegen?
„Und wenn eure Härte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will: wie könntet ihr einst mit mir — schaffen?
„Die Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muß es euch dünken, eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, —
„— Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf Erz, — härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein das Edelste.
„Diese neue Tafel, o meine Brüder, stelle ich über euch: werdet hart.“ (Zarathustra, 3. Teil, Von alten und neuen Tafeln.)
Der freie Geist macht keinen Anspruch auf Mitleid. Wer ihn bemitleiden wollte, den müßte er fragen: hältst du mich für so schwach, daß ich mein Leid nicht selbst tragen kann? Ihm geht jedes Mitleid gegen die Scham. Nietzsche bringt den Widerwillen des Starken gegen das Mitleiden im vierten Teil seines „Zarathustra“ zur Anschauung. Zarathustra kommt auf seinen Wanderungen in ein Thal, das „Schlangentod“ heißt. Kein Lebewesen findet sich hier. Nur eine Art häßlicher grüner Schlangen kommt hierher, um zu sterben. Dieses Thal hat der „häßlichste Mensch“ aufgesucht. Dieser will von keinem Wesen gesehen werden wegen seiner Häßlichkeit. In diesem Thal sieht ihn niemand außer Gott. Aber auch dessen Anblick kann er nicht ertragen. Das Bewußtsein, daß Gottes Blicke in alle Räume dringen, ist ihm zur Last. Er hat deshalb Gott getötet, d. h. er hat den Glauben an Gott in sich ertötet. Er ist zum Atheisten geworden wegen seiner Häßlichkeit. Als Zarathustra diesen Menschen sieht, überfällt ihn noch einmal das, was er für immer in sich getilgt zu haben glaubt: das Mitleid mit der furchtbaren Häßlichkeit. Dies ist eine Versuchung Zarathustras. Er weist aber das Gefühl des Mitleids bald zurück und wird wieder hart. Der häßlichste Mensch sagt zu ihm: Deine Härte ehrt meine Häßlichkeit. Ich bin zu reich an Häßlichkeit, um irgend eines Menschen Mitleid zu ertragen. Mitleid geht gegen die Scham.
Wer Mitleid braucht, kann nicht allein stehen, und der freie Geist will vollständig auf sich selbst gestellt sein.