Das Endziel von Nietzsches Wirken ist die Zeichnung des Typus „Übermensch“. Diesen Typus zu charakterisieren, habe ich als eine der Hauptaufgaben meiner Schrift betrachtet. Mein Bild des Übermenschen ist genau das Gegenteil des Zerrbildes geworden, das in dem augenblicklich verbreitetsten Buche über Nietzsche von Frau Lou Andreas-Salomé entworfen ist. Man kann nichts dem Nietzscheschen Geiste mehr Zuwiderlaufendes in die Welt setzen, als das mystische Ungetüm, das Frau Salomé aus dem Übermenschen gemacht hat. Mein Buch zeigt, daß in Nietzsches Ideen nirgends auch nur die geringste Spur von Mystik anzutreffen ist. Auf die Widerlegung der Ansicht von Frau Salomé, daß Nietzsches Gedanken in „Menschliches, Allzumenschliches“ von den Ausführungen Paul Rées, des Verfassers der „Psychologischen Beobachtungen und des Ursprungs der moralischen Empfindungen“ u. s. w., beeinflußt seien, habe ich mich nicht eingelassen. Ein so mittelmäßiger Kopf wie Paul Rée konnte auf Nietzsche keinen bedeutenden Eindruck machen. Ich würde diese Dinge auch hier nicht berühren, wenn nicht das Buch von Frau Salomé so viel beigetragen hätte, geradezu widerwärtige Ansichten über Nietzsche zu verbreiten. Fritz Koegel, der ausgezeichnete Herausgeber von Nietzsches Werken, hat im „Magazin für Litteratur“ diesem Machwerke die gebührende Abfertigung angedeihen lassen.
Ich kann diese kurze Vorrede nicht beschließen, ohne Frau Förster-Nietzsche, der Schwester Nietzsches, herzlichst zu danken für die vielen Freundlichkeiten, die ich von ihr während der Zeit erfahren habe, in der meine Schrift entstanden ist. Den im „Nietzsche-Archiv“ in Naumburg verlebten Stunden verdanke ich die Stimmung, aus der heraus die folgenden Gedanken geschrieben sind.
Weimar, April 1895.
Nietzsches Werke.
Ich führe hier zur Orientierung die bis jetzt erschienenen und für meine Ausführungen in Betracht kommenden Schriften Nietzsches an und füge zu jeder einzelnen die Jahreszahl des Erscheinens der ersten Auflage hinzu.
[Die Geburt der Tragödie]. Oder: Griechentum und Pessimismus.
Die 1. Aufl. erschien 1872.
Eine neue Ausgabe mit vorgedrucktem „Versuch einer Selbstkritik“ erschien 1886.