Der 12. Juni der Viertage-Schlacht 1666.

Tromp sah dies und ging, um den Nachteil auszugleichen, mit der Nachhut auf die Luvseite der Engländer hinüber, als die Spitzen der beiden Flotten querab voneinander waren; er konnte dieses Manöver ausführen, weil die Engländer nicht beim Winde lagen, um die feindliche Linie auf Parallelkurs zu passieren. Er scheint sogar einen kurzen Schlag über Backbord-Bug gemacht zu haben (Skizze S. [278]: Position 1). Sein Benehmen mußte Ruyter irremachen; es kam hinzu, daß gleich darauf zwei Flaggschiffe der Vorhut hart abhielten, als sie etwa querab vom feindlichen Zentrum waren; um seine Flotte einigermaßen beieinander zu halten, mußte auch er abhalten (Position 2). So kam Tromp durch die in guter Ordnung weiter segelnden Engländer in große Gefahr; einer seiner Vizeadmirale fiel, er selbst mußte wiederum sein Flaggschiff wechseln. Vielleicht wäre er vernichtet worden, wenn nicht Albemarle die Ausnutzung seiner günstigen Lage hätte aufgeben müssen, da Ruyter die wiedergesammelten Teile seiner Flotte über Backbord-Bug heranführte und die Luvstellung zu gewinnen drohte (Position 3). Wie schmerzlich Ruyter das Benehmen seiner Unterführer empfand, kam zum Ausdruck, als Tromp in einer Pause nach diesem Gefecht zu ihm an Bord kam: die Matrosen jubelten ihm zu, Ruyter aber sagte: „Es ist jetzt keine Zeit zu Freudenbezeugungen, eher für Tränen.“ Die Lage war auch weiter noch höchst ungünstig. Die Ordnung der Holländer war gänzlich zerstört, eine Linie gab es nicht, die Schiffe lagen „wie eine Herde Schafe“ zusammen. Die Engländer hätten bei rechtzeitiger Rückkehr den unbehilflichen Haufen umzingeln und zusammenschießen können; Albemarle scheint jedoch noch längere Zeit über Backbord-Bug weiter gelegen und dann wieder passiert zu haben, ohne ernstlich anzugreifen (Position 4). Wahrscheinlich fühlte er sich bei der geringen Zahl seiner Schiffe, die wohl auch vielfach durch Beschädigungen in der Takelage im Manövrieren gehindert waren, nicht stark genug, auf eine solche Weise die Entscheidung herbeizuführen.

Ruyter gewann also Zeit, seine Linie wieder herzustellen, bis Albemarle zum zweiten Male zurückkam. Bei diesem dritten Passieren verlor Ruyters Schiff Großraa und Großstänge, so daß bei einem vierten van Nes die Flotte führen mußte; dieser befand sich bei der Mitte und war als Leutnantadmiral der Maas stellvertretender Chef. Nach dem letzten Zusammentreffen brach Albemarle ab und zog sich nach Westen zurück. Der Verlust an Schiffen scheint am zweiten Tage annähernd gleich gewesen zu sein, 3 oder 4 auf jeder Seite gesunken oder verbrannt. In ihrer Gesamtheit hatten die englischen Schiffe wohl mehr gelitten. Der Rückzug Albemarles war jedoch, auch nach den holländischen Aussagen, ein ehrenvoller, in vollster Ordnung ausgeführt. Mit einer Dwarslinie seiner am wenigsten beschädigten Schiffe (16 oder 28) deckte er die schwerer beschädigten; drei davon verbrannte er, damit sie nicht hinderten und auch nicht dem Feinde in die Hände fielen (Position 5).

Für diesen zweiten Tag sind die Abweichungen in den älteren Quellen und Werken nicht unwesentlich. Zunächst sprechen diese von ein oder zwei Passiergefechten, ehe vorstehende Beschreibung einsetzt; dann habe Windstille den Kampf bis gegen Mittag unterbrochen. Dies ist nicht so wichtig, weil hierbei keine ausschlaggebenden Ereignisse vorgekommen sind; wichtiger aber ist, daß bei der Wiederaufnahme des Kampfes, der dann im allgemeinen wie geschildert verläuft, nach einigen Quellen beim ersten Passieren (Position 1) die Holländer zu Luward gestanden haben sollen (so nach der „Relation“ und nach „Leben Ruyters“; de Jonge und „Ruyters Bericht“ heben es nicht hervor); nur Tromp sei in Lee gewesen, entweder weil er eigenmächtig den Feind durchbrochen habe oder weil er die Luvstellung nicht mit habe gewinnen können, Ruyter habe ihm durch Einbrechen in die feindliche Linie zu Hilfe kommen wollen. Die Verwirrung in der holländischen Flotte sei nach einigen Quellen dann herbeigeführt, weil zu wenig Schiffe Ruyter gefolgt seien, nach andern, weil Ruyter seine Absicht wieder habe aufgeben müssen, da die Engländer Miene machten, ihn von dem Rest der Flotte zu trennen. Von der Position 4 einschließlich an stimmen die Angaben dann überein. Die Verwirrung in der Flotte, die schlimme Lage bei Position 4, ist in holländischen Quellen nur zwischen den Zeilen zu lesen. Die Eigenmächtigkeit Tromps wird nur von de Jonge angedeutet, Ruyter selbst erwähnt sie in seinem Bericht nicht, was wohl mit seinem vornehmen Charakter zu erklären wäre, um so mehr, falls Tromp nur in bester Absicht so gehandelt hatte.

Am 13. Juni setzten die Engländer in derselben Weise (Position 5) bei östlichem Winde den Rückzug fort. Albemarle wollte ein Gefecht vermeiden, bis er durch das Geschwader des Prinzen Ruprecht verstärkt wäre. Diesem war sofort beim Erscheinen der holländischen Flotte von London aus der Befehl zur Rückkehr nachgesandt, aber, wie man sagt, aus Unachtsamkeit nicht durch Kuriere und Eilschiffe, sondern mit der „gewöhnlichen Post“ nach Plymouth. Die Holländer setzten alle Segel zur Verfolgung bei, verloren aber in dem Bestreben, am Feinde zu bleiben, infolge ihrer im allgemeinen geringeren Segelfähigkeit jede Ordnung. Es kam am 13. zu keinem Zusammenstoß, nur auf weitere Entfernungen wurden einige Schüsse gewechselt. Am Nachmittag kam im Westen ein Geschwader von etwa 25 Segeln in Sicht; zum Glück für die Engländer war es Ruprecht und nicht die Franzosen.

Einen Erfolg brachte dieser Tag doch für Holland. Am Nachmittag lief das Schiff des Admiral Ayscue (Vorhut) bei Galloper auf und wurde von Tromp, unterstützt von 2 Brandern, zum Streichen der Flagge gezwungen (Position 5); von seinen Kameraden konnte es nicht unterstützt werden, ohne den ganzen Rückzug zu gefährden. Gern hätte Tromp sein Opfer — den „Royal Prince“, das stolzeste Schiff Englands — als Beute heimgeführt, aber Ruyter befahl die Verbrennung. Anhänger Tromps legten dies als eine Mißgunst des Flottenchefs aus, was aber bei Ruyters Charakter höchst unwahrscheinlich ist, und der Vorfall erhöhte die Spannung zwischen den beiden Admiralen. Ruyter war jedoch im Recht; er gab den Befehl, weil er im Hinblick auf das gesichtete Geschwader einen Verlust der Beute fürchten mußte.

Beim Einbruch der Nacht vereinigten sich die beiden englischen Führer und beschlossen, am andern Tage wieder anzugreifen. Die Entscheidung stand bevor, auch Ruyter wollte sie herbeiführen, obgleich die Verhältnisse jetzt nicht mehr so günstig für ihn lagen. An Zahl der Schiffe waren die Gegner zwar nahezu gleich, es standen sich etwa 64 Holländer und 60 Engländer gegenüber — außer den vernichteten waren viele beschädigte von den Flotten abgekommen —, aber die Engländer verfügten über gut 20 unversehrte Schlachtschiffe mit frischen Besatzungen; schon in der Minderzahl hatten sie sich infolge ihrer besseren Flottendisziplin fast gleichwertig gezeigt. Ruyter steuerte die Nacht über östlich, um freieres Wasser zu erreichen, rief am Morgen seine Kommandanten an Bord, ermahnte sie „noch einen Tag auszuhalten“ und suchte dann auch den Feind auf.