Zehntes Kapitel.
Nebenkriege 1689–1739.

Die Quadrupel-Allianz zur Aufrechterhaltung des Friedens von Utrecht, 1718–1720. In Spanien wirkte seit 1714 der Kardinal Alberoni als Minister, der mit der ehrgeizigen zweiten Gemahlin Philipps V., Elisabeth Farnese von Parma, dorthin gekommen war. Er beabsichtigte, Spaniens alte Größe wiederherzustellen; sein nächstes Ziel war, die verlorenen italienischen Staaten zurückzugewinnen. Mit Erfolg arbeitete er an der wirtschaftlichen Hebung des Landes, am Ausbau der Flotte und an der Stärkung des Heeres. Auf eine Unterstützung Frankreichs konnte er aber nicht mehr rechnen und auch der Versuch, eine Verbindung mit England herzustellen, schlug fehl; in beiden Ländern waren Veränderungen eingetreten, die eine Annäherung zwischen ihnen herbeigeführt hatten.

In England war 1714 Georg I., Kurfürst von Hannover, zur Regierung gelangt. Seine Stellung war noch nicht unbedingt fest; noch immer bestand eine Partei der Stuarts, und seine eigene verhielt sich ihm als Ausländer gegenüber kühl. In Frankreich führte seit 1715 für den unmündigen und schwächlichen König Ludwig XV. der nächste Agnat, Philipp von Orleans, die Regentschaft. Dieser mußte in noch höherem Grade Nebenbuhler um seine Stellung und etwaige Thronfolge fürchten, vor allen Philipp V. von Spanien, gegen den er im letzten Kriege intrigiert hatte und dessen Thronbesteigung in Frankreich gerade Alberonis letztes Ziel war. Beide Herrscher scheuten einen neuen Krieg, der den unzufriedenen Elementen in ihrem Lande nur gelegen gekommen wäre. Die Lage Philipps war schwieriger, und so bot dieser auf Rat seines Ministers, des Kardinals Dubois, Georg I. ein Bündnis an; zwischen Frankreich und Spanien trat dagegen eine Entfremdung ein, die den wahren Interessen beider Staaten völlig zuwider lief. Im Januar 1717 schlossen England und Frankreich einen Vertrag zur Aufrechterhaltung der Bedingungen des Friedens von Utrecht (vgl. Seite [497]), soweit diese im beiderseitigen Interesse lagen, und zur gegenseitigen Gewährleistung der Thronfolge der Häuser Hannover und Orleans; auch Holland wurde zum Beitritt gewonnen. Frankreich mußte hierzu neue Zugeständnisse auf Kosten seines Handels und seiner Seemacht machen: Weitere Handelsvorteile für England und Holland, sowie Aufgeben des Baues eines Kriegshafens bei Mardyk, der als Ersatz für Dünkirchen bereits in Angriff genommen war.

Alberoni hatte gleichfalls versucht, England durch Angebot neuer Handelsbegünstigungen zu bewegen, ihn in seinen Plänen auf Unteritalien zu unterstützen. Georg I. verhielt sich ablehnend, da er als deutscher Fürst für den Kaiser Partei nahm, und auch die englischen Staatsmänner sahen diese Länder lieber im Besitz Österreichs als in den Händen Spaniens. Nun war der Kaiser mit den Bedingungen des letzten Friedens nicht zufrieden, er wollte Sicilien haben und hatte seinen Anspruch auf den spanischen Thron noch nicht aufgegeben; wir wissen, daß es zwischen ihm und Philipp V. überhaupt noch nicht zum Frieden gekommen war. Der neue Bund beschloß deshalb, um alle diese, den allgemeinen Frieden stets bedrohenden Fragen aus der Welt zu schaffen, den Kaiser dadurch zu befriedigen, daß er gegen Abgabe von Sardinien an Savoyen Sicilien erhielte. Man mußte aber mit Spanien rechnen, weil dessen militärische Kraft schon sehr gestärkt war. Ehe aber die Verhältnisse sich friedlich weiter entwickeln konnten, schlug Spanien los, obgleich es noch nicht genügend gerüstet war. Ein hoher spanischer Beamter, der auf der Rückreise von Rom durch die italienischen Provinzen des Kaisers kam, wurde dort als aufrührerischer Untertan verhaftet; auf diese Beleidigung sandte Spanien im August 1717 12 Kriegsschiffe mit 8600 Mann nach Sardinien und unterwarf diese kaiserliche Insel in wenigen Monaten.

Jetzt schloß sich der Kaiser dem Bunde — nunmehr eine Quadrupel-Allianz — an, und die vier Mächte kamen überein, den Austausch Sardiniens gegen Sicilien durchzuführen, wenn nötig, mit Waffengewalt. Wie sehr man aber in England und Holland einem Kriege abgeneigt war, zeigen die günstigen Vorschläge, die Spanien gemacht wurden: Spanien sollte Parma und Toskana als Sekundogenitur erhalten; Georg I. wollte Gibraltar zurückgeben; der Kaiser würde endgültig auf den spanischen Thron verzichten. Dennoch, und obgleich England schon eine Flotte für das Mittelmeer rüstete, blieb Alberoni eigensinnig und traf Vorbereitungen, auch Sicilien zu erobern. Zugleich strebte er danach, sich auf politischem Wege Rückhalt zu verschaffen. Er versuchte Rußland und Schweden, deren Krieg (vgl. „Nordischer Krieg“ S. [589]) 1718 durch Verhandlungen unterbrochen war, zu einem gemeinsamen Einfall in England zugunsten Jakobs III. zu vereinen; er hetzte die Türken gegen den Kaiser auf; in Frankreich wurde eine Verschwörung gegen den Regenten angezettelt und in England die Unzufriedenheit geschürt; er versuchte den König von Savoyen, der mit dem beabsichtigten Tausch der Inseln nicht einverstanden war, an sich zu ziehen. Aber alle seine Pläne schlugen fehl. Die Türken waren durch Prinz Eugen schwer geschlagen worden (1716 Peterwardein; 1717 Belgrad), auch sollen sie die englische Flotte gefürchtet haben; in Schweden und Rußland wurden nach dem Tode Karls XII. die Verhandlungen abgebrochen; die Verschwörung gegen Philipp war rechtzeitig entdeckt worden. Vor allem aber scheiterte der Angriff auf Sicilien völlig und Spanien selbst wurde mit Erfolg angegriffen. Hieran hatte die englische Flotte den größten Anteil, wie sie auch wohl durch ihr Auftreten in der Ostsee den Plan Alberonis dort störte. Es wirkte überall die augenblickliche Alleinherrschaft Englands zur See.

Der Verlauf des Krieges. Spanien besaß, dank den Bemühungen Alberonis, 1718 etwa 40 Linienschiffe, von 44 Kanonen aufwärts gezählt, und gegen 20 waren im Bau. Offiziere und Mannschaften waren allerdings nicht genügend vorhanden, um sämtliche Fahrzeuge in Dienst zu stellen, auch war die Güte des Personals noch geringer als zu Ruyters Zeiten (Schlacht bei Agosta). Wie eben gesagt, hatten die Spanier 1717 Sardinien besetzt und rüsteten dann zur Eroberung Siciliens. England stellte 1718 eine Flotte unter Sir George Byng in Dienst und sprach, auf Spaniens Anfrage, rückhaltslos aus, diese solle den Frieden in Italien aufrechterhalten. Die Order des Admirals (vom 24. Mai) lautete dementsprechend: Er solle im Mittelmeer alle geeigneten Maßregeln ergreifen, um die Streitigkeiten zwischen Spanien und Österreich beizulegen, sowie Feindseligkeiten verhindern; wenn Spanien darauf bestände, kaiserliche Provinzen anzugreifen oder sonst in Italien Fuß zu fassen, so solle er einschreiten, wenn nötig mit Waffengewalt. Diese Weisungen habe er nach Eintreffen auf der Station dem Könige von Spanien und den Gouverneuren von Mailand und Neapel mitzuteilen.

Byng segelte am 15. Juni und sandte am 30. auf der Höhe von Cadiz seinen Befehl an den englischen Gesandten in Madrid. Spaniens Antwort war, er möge tun, wie ihm befohlen; der Gesandte führte zwar die Verhandlungen weiter, der Krieg war noch nicht erklärt, warnte aber alle englischen Kauffahrer in spanischen Häfen vor einem plötzlichen Bruche. Der Admiral erfuhr am 8. Juli bei Cap Espartel, daß eine spanische Flotte am 18. Juni Barcelona verlassen habe, er nahm in Malaga Wasser, lief Port Mahon behufs Ablösung eines Teils der Garnison an und sandte von dort seinen Befehl nach Neapel und Mailand. Er hörte hier, daß die spanische Flotte am 30. Juni vor Neapel erschienen sei. Diese war dann Anfang Juli mit 30000 Mann von Neapel nach Palermo gegangen. Die schwachen savoyischen Truppen gaben ohne Widerstand die Stadt sowie fast ganz Sicilien auf und zogen sich in die Citadelle von Messina zurück. Byng verließ am 25. Juli Port Mahon, traf am 1. August in Neapel ein und nahm hier 2000 Österreicher an Bord, um sie nach Messina zu bringen; der König von Savoyen hatte sich inzwischen mit den Abmachungen der Verbündeten einverstanden erklärt. Als der Admiral am 9. vor Messina ankam, war die Stadt schon von den spanischen Truppen eingeschlossen, die feindliche Flotte war jedoch nicht zu sehen. Er bot dem spanischen General einen Waffenstillstand von zwei Monaten an, um Unterhandlungen zu führen; als dies abgeschlagen wurde, schiffte er die Truppen in Reggio wieder aus. Er beabsichtigte, wieder nach Messina zur Entsetzung der Citadelle hinüberzugehen, und scheint angenommen zu haben, daß die spanische Flotte ihm ausweichen würde. Am 10. August morgens traf aber die Nachricht ein, daß diese von den Bergen Kalabriens aus beiliegend gesehen sei, und als Byng unter Segel gegangen war, stieß er auf zwei feindliche Vorposten. Als die Engländer diese jagten, wurden sie auf die spanische Flotte geführt; sie kam gegen Mittag, die Gefechtslinie bildend und nach Süden ausweichend, in Sicht. Durch tatkräftige Verfolgung wurde sie am nächsten Tage erreicht und fast vollständig vernichtet; eine Schlacht ist der Zusammenstoß kaum zu nennen.