Nach einem Berichte des Vizeadmirals Recalde, des zweitältesten Seeoffiziers, könnte man annehmen, daß schon bei Abfahrt der Armada die Vereinigung an der Südküste des Kanals gedacht war. Recalde nennt als Platz dafür „Las Dunas“, was ebensogut die „Dünen“ an der flämischen Küste wie „the Downs“ an der englischen bezeichnen kann.
Dieser Bericht an den König enthält noch einige bemerkenswerte Punkte. Recalde leitet seine Auslassungen darüber, wie er die befohlene Aufgabe der Flotte auffaßt, damit ein: „Soviel mir davon bekannt ist“; scheinbar sind also die höchsten Führer nur unvollkommen unterrichtet gewesen. — Er schreibt ferner, daß er einen Kampf mit der englischen Flotte für unumgänglich hielte und sogar überzeugt sei, daß diese auch nach einer Niederlage bald wieder gefechtsbereit erscheinen würde, also weiter mit ihr gerechnet werden müsse. Endlich ist er der Ansicht, daß die Überführung der Armee Parmas mehrere Fahrten der Transportflotte erfordern würde. Da scheint es doch, als ob die spanischen Seeoffiziere bei Aufstellung des Kriegsplanes nicht genügend zu Rate gezogen sind oder erst später die Schwierigkeit der Ausführung erkannt haben.
Während der Fahrt ist der ursprüngliche Plan in dieser Hinsicht jedenfalls geändert. Beim Eintreffen vor dem Kanal (20. Juli) hatte Medina beschlossen, bei Wight zu warten, bis Parma bereit sei, auszulaufen, und ihn dann in der Nähe von Dünkirchen zu treffen. Parma wurde gebeten, die Armada an der gefährlichen Küste keinen Augenblick warten zu lassen; am 26. Juli wurde Dünkirchen fest als Treffpunkt bestimmt. Als die Flotte sich später Calais näherte und die Lotsen ein weiteres Folgen der Küste über diesen Ort hinaus für gefährlich erklärten, verlangte Medina sogar, Parma solle ihm bis hierher entgegenkommen, auch scheint nun nicht mehr die Themsemündung, sondern Wight zur Landung ausersehen zu sein.
Von Anfang an herrschte Unklarheit über die wichtigsten Maßnahmen zur Durchführung der Generalidee, nämlich über die Vereinigung und über die Überführung der Armee. Es ist nicht zu verwundern, daß diese Unklarheit immer schlimmer wird, je mehr die Angriffe der Engländer die Folgen des größten Fehlers des Planes — die Unterschätzung der feindlichen Seestreitkräfte — zeitigten.
Gänzlich unverständlich ist, daß von Anfang bis zu Ende die blockierende holländische Flotte außer Berechnung gelassen wird; ohne Hilfe der Armada konnte Parma überhaupt nicht aufbrechen. Nach der ersten Idee war eine solche Hilfe von Margate aus ja möglich. Der Treffpunkt wird aber immer weiter ab verlegt und damit verlangt, daß Parma ohne Unterstützung mit seiner Transportflotte in See gehen solle. Man mußte doch mit der Zeit die Kraft der Blockade kennen gelernt haben, denn die beiden spanischen Führer standen in Verbindung. Ebenso unbegreiflich ist, daß trotz der langen Vorbereitungen Parma nicht fertig war. Hatte man davon in Spanien keine Kenntnis, oder legte man keinen großen Wert darauf?
Die Zusammensetzung der Armada am 12. Juli war folgende:[56]
| Geschwader von | Schiffe von | Gesamtzahl der Schiffe und Mannschaften[2)] | ||||||||
| Tonnengehalt | 1000 und darüber | 800–1000 | 600–800 | 500–600 | 200–500 | kleinere | ||||
| Geschütze | 48–50 | 22–50 | 16–34 | 12–24 | 12–20 | 6–14 | ||||
| Mann | ca. 4–500 | 300–500 | 250–400 | 180–300 | 140–220 | 40–120 | ||||
| Portugal | 2 | 3 | 2 | 1 | 2 | 2 | 12 = 4623 | |||
| (Adm. Medina-Sidonia) | ||||||||||
| Biscaya | 1 | — | 4 | 2 | 3 | 4 | 14 = 2692 | |||
| (Adm. de Recalde) | ||||||||||
| Biscaya | 1 | — | 4 | 2 | 3 | 4 | 14 = 2692 | |||
| (Adm. de Recalde) | ||||||||||
| Castilien (Adm. Flores de Valdes) | — | 2 (24 Gesch.) | 4 | (1 = 36 (3 = 24 Gesch.) | 7 | (sämtl. 530 tons 24 Gesch.) | 1 | 2 | 16 = 4177 | |
| Andalusien | 1 | 5 | 3 | 1 | — | 1 | 11 = 3105 | |||
| (Adm. Pedro de Valdes) | ||||||||||
| Guipuscoa | 1 | 2 | 2 | 3 | 2 | 2 | 12 = 2600 | |||
| (Adm. Miquel de Oquendo) | ||||||||||
| Levante | 2 | 5 | 3 | — | — | — | 10 = 3637 | |||
| (Adm. M. de Bertendona) | ||||||||||
| Gesamt | 7[1)] | 17 | 18 | 14 | 8 | 11 | 75[3)] = 20834 | |||
[1)] 1 zu 1000, 1 zu 1050, 1 zu 1100, 1 zu 1150, 1 zu 1160 mit nur 30 Geschützen, 1 zu 1200, 1 zu 1250 tons.
[2)] Darunter nach spanischem Brauch nur ⅕ bis ⅓ Seeleute. Im Geschwader von Kastilien aber über ½; dieses Geschwader scheint auch sonst nach seiner gleichmäßigen Zusammensetzung und Armierung aus zeitgemäßen Kriegsschiffen bestanden zu haben. Im Geschwader von Portugal betrug der Bestand an Seeleuten ⅓, die Schiffe waren am stärksten armiert; englische Quellen bezeichnen es als das Crack-squadron.