Beide Flotten waren in vier Geschwader geteilt, drei davon in der Sichel formiert, das vierte stand als Reserve hinter dem Zentrum. Auf seiten der Verbündeten waren die Galeassen in Dwarslinie vor die Mitte gezogen; beide türkische Flügel und der linke christliche lehnten sich an Untiefen an. Die Türken versuchten den Gegner zu überflügeln, was auch besonders mit ihrem rechten Flügel gelang, der mit Hilfe von Lotsen die Untiefen vermieden hatte. Bei der geringeren Anzahl ihrer Schiffe war für die Verbündeten die Wahl der Formation falsch, sie hätten die Flügel zurückziehen müssen[145] (Halbmond); die Türken nutzten aber ihren Vorteil nicht energisch genug aus. Im Zentrum eröffneten die schweren Galeassen frühzeitig das Feuer und erschütterten den Feind, dann griff Don Juan mit voller Fahrt an, gab persönlich das beste Beispiel, indem er der Erste an Bord des türkischen Flaggschiffes war, und in der Melee errangen hier die Christen nach blutigem Kampfe einen vollständigen Sieg. Auch ihr linker Flügel gewann bald wieder die Oberhand, obgleich sein Admiral Barbarigo gefallen war; der türkische linke war weniger zum Kampf gekommen. Die Türken verloren 200 Schiffe und mindestens 20000 Mann. 15000 Christensklaven sollen befreit sein. Der Verlust der Christen betrug 15 Galeren und 8000 Mann, darunter allerdings viele Führer und angesehene Ritter.


Bei Lepanto kann von einer angewandten Taktik nicht die Rede sein: die Verbündeten wählen die für sie falsche der gebräuchlichen Gefechtsformationen, die Türken nutzen weder diesen Fehler noch ihre Überzahl aus; nur das Einleitungsgefecht mit Feuerwaffen hat mit deren Vervollkommnung an Bedeutung gewonnen, sonst geben bessere Bewaffnung, Körperkraft, Mut sowie das Beispiel der Führer im Handgemenge den Ausschlag.

In der Schlacht vor Genua 1638 zwischen Franzosen und Spaniern bestand jede der Flotten aus etwa 30 Galeren, rangiert in Dwarslinie. Es kam zum sofortigen Enterkampf, weil der französische Admiral den Befehl gegeben hatte, wie er das feindliche Flaggschiff, so habe eine jede Galere beim ersten Anlauf das ihr in der Linie des Gegners gegenüberstehende Fahrzeug mit voller Ruderkraft anzugreifen. Hier ist also von jedem Gedanken, sich einen taktischen Vorteil zu sichern, abgesehen. Es ist nur bemerkenswert, daß beide Gegner vor dem Gefecht versuchen, die Luvstellung zu gewinnen, um durch den Angriff vor dem Winde ihre Stoßkraft zu vermehren.

Für die Segelschiffe, deren Kampfweise und Taktik im Mittelalter kaum von der der Ruderschiffe abwich, ja nicht einmal auf ihrer Höhe stand, änderten sich in diesem Zeitabschnitte die Verhältnisse wesentlich. Als die Kanonen in der Breitseite aufgestellt und zur Hauptwaffe wurden, mußte an die Stelle des Kampfes in der Kielrichtung der in der Querabrichtung treten.

Bei Segelschiffen mit Breitseitarmierung waren im Gegensatz zu den Ruderschiffen die Seiten offensiv und defensiv stark, Bug und Heck dagegen schwach. Den Seiten war die Hauptschwäche, die Rudereinrichtung, genommen, die Schiffswände wurden stärker gebaut, die Hauptwaffe stand dort. Bug und Heck konnte man bei zunehmender Leistung der Artillerie wegen der verheerenden Wirkung eines Enfilierfeuers dem Feinde nur mit großer Gefahr zuwenden. Den Bug zum Rammstoß zu gebrauchen, war vom Winde abhängigen Schiffen nur gelegentlich möglich; die feindlichen Riemen waren als Angriffsobjekt weggefallen. Als der Artilleriekampf mit Breitseitgeschützen in den Vordergrund trat, wurde dies auch von Einfluß auf die Angriffsformation einer Flotte; um die Artillerie vor der Melee ergiebig verwenden zu können, mußte man eine tiefe Formation an Stelle einer breiten haben: die Kiellinie an Stelle der Dwarslinie.

Der Einfluß machte sich natürlich nur allmählich bemerkbar. Wir wissen, daß die Spanier zur Zeit der Armada die Artillerie noch nicht als Hauptwaffe betrachteten. Zahl, Kaliber, Montierung der Geschütze, Ausbildung der Mannschaft an ihnen einerseits, die überwiegende Bemannung mit Soldaten anderseits machen ihre Schiffe nur geeignet für den Enterkampf; seine Herbeiführung war auch ausdrücklich angeordnet. Bei den Engländern dagegen war die Artillerie schon Hauptwaffe geworden, ihre beweglicheren Schiffe waren stark bestückt, bemannt mit guten Artilleristen und vielen Matrosen; sie führen schon ein Feuergefecht. So finden wir auch als Flottenformation bei der Armada noch den althergebrachten Halbmond; selbst auf dem Marsche wird er meistens gehalten, wohl um jederzeit zum Schlagen bereit zu sein und um die schwächeren Schiffe zwischen dem aus starken Kriegsschiffen bestehenden Zentrum und den Flügeln besser schützen zu können. Über die Formation der Engländer haben wir keine Angaben. Bei ihrer während der ganzen Fahrt der Armada durch den Kanal beobachteten Taktik — die Luvstellung zu halten und den Gegner an den zurückgezogenen Flügeln anzugreifen, vor allem aber sich auf in ungünstiger Windposition zurückgebliebene Feinde zu stürzen — ist anzunehmen, daß sie keine starre Formation hielten. Die Führer der Geschwader oder selbst die einzelner großer Kriegsschiffe nahmen selbständig jede günstige Angriffsgelegenheit wahr. Nur bei Gravelines, der einzigen rangierten Schlacht, wird der Feind auf der ganzen Linie zugleich angegriffen, aber auch hier haben die einzelnen Geschwaderchefs, durch die Verhältnisse geleitet, selbständig gehandelt. Man kann in dem Verhalten der Engländer vielleicht schon den Anfang der späteren Gruppentaktik erkennen, jedenfalls aber den Hauptgrund, der zu ihrer Einführung beigetragen hat: die Verschiedenheit der Schiffe. In der englischen Flotte befanden sich nur wenige große Kriegsschiffe, die für sich im Gefecht bestehen konnten; die weit größere Zahl der schwächeren Fahrzeuge schloß sich diesen an, zugeteilt oder aus eigenem Antriebe, um ihren Teil am Gefecht nehmen zu können; so bildeten sich Gefechtsgruppen.

Wenn nun auch die Angaben über den Verlauf späterer Seegefechte, nach der Fahrt der Armada, nur spärlich sind, so kann man doch aus ihnen entnehmen, daß der Geschützkampf allgemein mehr in die erste Linie tritt. Es wird diese Tatsache häufig hervorgehoben und gleichfalls bemerkt, daß von den Flotten immer mehr Gewicht darauf gelegt wird, vor dem Gefecht die Luvstellung zu gewinnen; oft wird tagelang daraufhin manövriert.

Auch die Angaben über „Schiffe“ und „Waffen“ zeigen die zunehmende Wichtigkeit der Artillerie; zu Ende dieses Zeitabschnittes war der Typ des Segelbreitseitschiffes[147] fast endgültig festgestellt. Die geringer werdende Bedeutung des Enterkampfes kann man ferner daraus erkennen, daß die Besatzung gleich großer Schiffe bei starker Zunahme der Geschütze an Kopfzahl während des Zeitabschnittes wesentlich hinuntergeht, z. B. hatte ein englisches 1000 tons-Schiff 1548 eine Besatzung von 700 Mann, 1603 von nur 500, und um 1637 war ein Schiff von 1680 tons nur mit 600 bemannt.