„Das glaub’ ich...“

„... und wo Du jetzt wärst?“

„Um mich auch noch brieflich zu verfolgen... Da! Das kriegt’ ich vorgestern von ihm!“

„Zeig’ her!“

„Lies gleich da, von dem Absatz an...“

„Ich sagte es Ihnen früher schon, Fräulein Tillesen: es wird bald die Zeit kommen, wo man Freunde braucht. Ich gebe Ihnen anbei meine Adresse: St. Petersburg, Bolwar Italianskja, Haus Schjelting. Oder Bruxelles, Boulevard du Régent 417, chez Mr. Lambert, oder Gutsverwaltung Kulinowo über Kortschewa, Gouvernement Twer, Russie. Doch auf meinen Gütern bin ich fast nie. Schreiben Sie die Adresse mit lateinischen Buchstaben. Sollten besondere Ereignisse den Verkehr mit diesen Ländern unmöglich machen, so bleibt immer noch die Schweiz. Ein Telegramm nach Bern, Chancellerie de l’Ambassade de Russie, erreicht mich immer, wenn auch auf Umwegen. Die Schweiz ist überhaupt am sichersten. Dort kann ich stets zur Verfügung stehen, was auch kommt! Bitte rechnen Sie auf mich und erinnern Sie sich zur gegebenen Zeit daran, daß Niemand auf Erden besorgter als ich um Ihr Schicksal sein kann...“

„Gieb her!“ sagte Inge und zerriß in einer jähen Aufwallung den Brief. „Ich kann nichts dafür, daß der Mensch so ist, Hannah. Ich hab’ ihm weiß Gott keinen Anlaß gegeben! Ich war wie vom Donner gerührt, wie ich merkte, daß er... Gott, ’s ist ja an sich egal!... Aber es ist dasselbe, was Du eben erzählst. Es ist wie ein Vorzeichen, als läge Etwas in der Luft... Irgend etwas Furchtbares...“

„Weißt Du, was ganz sonderbar ist? Auch wie eine Warnung? Der letzte Mensch, den ich jetzt bei der Abreise von London gesehen und gesprochen hab’, das war wieder Herr von Schjelting! Er stand in aller Gottesfrühe vor Victoriastation und erkundigte sich nach Dir...“

„Er soll mich in Ruhe lassen!“ sprach Inge Tillesen erbittert. Ihr Schwager trat ein. Hinter ihm schlüpfte die Jungfer ins Zimmer. Es war Zeit für Mrs. Higgins, Toilette zu machen. Inzwischen saßen ihr Mann und ihre Schwester nebenan beisammen. Der Oxforder Professor war in bester Laune. Sein schwammiges, bebrilltes Chinesengesicht strahlte. Nicht nur, weil er dem Herzog von Huntingdon begegnet war und Seine Gnaden, ein alter Undergraduate von Christ Church, ihn erkannt und angesprochen hatte — oh ja — auch das tat einem Britenherzen wohl. Er zerkaute das ‚His Grace‘ wohlgefällig zwischen den bartlosen Lippen. Aber dann war er in dem Universitätsgebäude gewesen, hatte wieder die Vorlesungszettel am Schwarzen Brett gesehen, die Studenten, die Hörsäle, war in winkeligen niederdeutschen Gäßchen des alten Kiel umhergewandert, hatte an seine Jugend und an seine Studentenzeit in Deutschland, an Heidelberg und Göttingen, gedacht.

Das war das Deutschland, an dem Professor Jerôme K. Higgins in seiner Weise hing. Ein Gegensatz zu Englands Nebel, Nüchternheit, Geschäftssinn, Weltherrschaft. Der Zwerg Perkeo und das Große Faß, der Rodensteiner und Auerbachs Keller, die Wartburg und die Rittersitze am Rhein, das Goethehaus in Weimar und das Münchner Hofbräu, Posthornklang und Mondenstrahl über verschlafenen Landstädtchen — so sah er Deutschland und wollte es nicht anders sehen, und wurde dabei förmlich warm. Plötzlich hob Inge Tillesen den Kopf.