Er machte seinen gewohnten Nachmittags-Spaziergang die Höhen hinter Wiesbaden hinauf und sein Herz war schwer. Er dachte sich: habe ich richtig mit meinem Pfund gewuchert oder tat ich zu viel, indem ich Jedem, der da kam, den deutschen Überfluß bot, dem Weißen wie dem Gelben, dem Amerikaner wie dem Asiaten?

Von oben konnte er sein Laboratorium sehen. Das war nun verlassen wie ein sinkendes Schiff. Alles fort in der Stunde der Not. War das der Dank? Er war sechzig Jahre alt und kannte die Welt. Darum ging es ihm durch den Kopf: Zuviel Dankesschuld verkehrt sich in Haß. Bei dem Einzelnen wie bei den Völkern. Wir waren zu arglos. Wir waren zu reich. Wir gaben zu viel... Und zu Vielen...

Die Straßen der Bäderstadt unten waren jetzt, gegen Abend, wieder wimmelnd belebt. Aber anders als sonst. An allen Ecken und Plätzen weiße Punkte und schwarze Flecken. Die Extrablätter und die Menschengruppen vor ihnen. Darüber, müde hängend, wie welk, die Festfahnen.

Und wieder dachte er sich: Nein. Es kann ja nicht sein! Die Welt wider Deutschland!... Die Welt ohne Deutschland! Ein Körper ohne Herz und ohne Hirn!...

Mit dem geistigen Auge sah er von seiner Waldwarte oben weit über das gesegnete deutsche Land und seine Ströme und seine Städte. Er sagte sich: Dort in Mainz haben Deutsche die erste Bibel gedruckt, dort in Freiburg haben sie das Pulver erfunden, dort am Bodensee erfüllten sie den tausendjährigen Traum der Menschheit und lenkten ihr Schiff durch die Lüfte, dort in Heidelberg entdeckten sie die Spektral-Analyse, dort in Heilbronn das Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Dort in Jena lüfteten sie die Welträtsel. Dort in Frankfurt, dort in Marburg, dort in Berlin ersannen sie die Gegengifte gegen die Geißeln der Menschheit. Dort in Würzburg die Röntgenstrahlen. Dort in Mannheim und Stuttgart den Explosionsmotor?. Und er dachte sich: Ja — was wollt Ihr denn noch von uns, Ihr Anderen? Von uns, den ewig Gebenden?

Und dies Alles war nur sein eigenes Feld, die exakte Wissenschaft. Und er übersann es im Weiterwandeln: Ein Deutscher schlug dort in Wittenberg seine Thesen ans Domtor. Ein Deutscher lehrte dort in Königsberg der Menschheit den kategorischen Imperativ. Deutsche prägten den Arbeitern aller Länder die Gesetze des vierten Standes und seiner Zukunft...

In der Stadt unten ging etwas Seltsames vor: die schwarzen Flecken schienen sich aus sich selbst heraus zu vergrößern, schwammen auseinander, bedeckten Kopf an Kopf die Straßen und Plätze, lösten sich in Gruppen, in laufende Punkte... überall dazwischen, immer neu, die weißen Extrablätter...

Exzellenz Tillesen oben sah es mit einem eigenen stillen Gram um die Menschheit. Er glaubte immer noch nicht daran. Es kam zu rasch. Es widersprach Allem, was sein Leben geleitet hatte. Er ging weiter und dachte sich: Wissenschaft ist Stückwerk! Taten wir Deutsche denn nicht noch viel mehr? Schenkten wir der Welt nicht das Wunder von Weimar? Den Zauber von Bayreuth? Gaben wir ihr nicht die Bibel wieder, begnadeten wir sie nicht mit dem Faust, der Neunten Symphonie?...

Und das der Dank?... Und das der Dank?