„Ich bin so betrübt, daß Du wieder in Rätseln redest! Wir waren immer freundlich zu Dir, drüben, so als wärst Du Eine von uns!“

„Ich bin mehr und hab’s nicht gewußt!“

„Oh...“

„Der New-York-Herald!“ Ein Händler bot die neueste Nummer der Pariser Ausgabe an. Die Miß kaufte sie und studierte mit brennendem Interesse die Liste der in den dortigen Luxushotels eingetroffenen Amerikaner. „Heißes Wetter in Paris!“ verkündete sie dann. „Oh — wieviel Volk ist nach Trouville abgereist! Sieh nur hier die Namen...“

Inge hörte nicht mehr darauf. Rings um sie knitterten andere deutsche Zeitungen, verfolgten gespannte Augen den Fettdruck der Riesenlettern der letzten Nachrichten. Ganz Europa fieberte in diesen kurzen, schwarzen Zeilen. Noch einmal drahteten sich in letzter Stunde die Großen dieser Erde vom Hohenzollernschloß zum Winterpalais, vom Buckinghampalast zur Hofburg, schossen die Automobile der Diplomaten nach Downingstreet und dem Ballplatz, nach der Wilhelmstraße und dem Quai d’Orsay, zitterten die Telefondrähte und Telegrafenkabel von den letzten Zuckungen des Friedens. Und doch war dies das Letzte, worin, auf lange Zeit hinaus, die Menschen dieses Weltenrunds einig waren: Es war zu spät! Das Schicksal schon im Gang.

Ringsum lachten und spaßten unbekümmert die Yankees. Für sie war Europa eine große „Schau“. Auch der Krieg war eine ganz neue Schau. Sie schoben der Miß Lawrence strahlend einen blatternarbigen, breitschulterigen jungen Mann entgegen. „Fighting Bob“ — der Millionärsohn und Amateurboxer! Fighting Bob hatte Lust, den Krieg auf ein paar Wochen mitzumachen! Die Deutschen mochten sich hüten! Hinter seinem Knockabout wuchs kein Gras...

Das letzte Extrablatt! Eine Depesche des Deutschen Kaisers. Er beschwor den Zaren im Namen der Menschheit, seine Völkerwanderung abzurüsten, die von den Wolgaufern und den Steppen Asiens heranzog. Um Inge Tillesen schwirrten fremdartige Stimmen in einem halben Dutzend Sprachen. Schrilles Welsch. Lautes Russisch. Gekäutes Englisch. Ratterndes Französisch. Sonderbar, sie lebte seit acht Jahren mit ihrem Vater in Wiesbaden. Sie war in dieser Zeit fast täglich durch das Gedränge vor dem Kurhaus gegangen, ohne sich beim Anblick der vielen Ausländer Etwas zu denken. Heute auf einmal traten die Trennungslinien der Menschheit hervor, die ewigen Grenzen der Völker. Ein Ahnen. Beinahe ein Grauen... Dann ein Jubel: Drüben wurden Hunderte von Hüten geschwungen, Hunderte von Stimmen sangen. Das waren nicht mehr die Unmündigen wie in den Tagen bisher. Das war ein langer Zug junger, waffenfähiger Männer, Primaner, Handwerker, Bürgersöhne. Sie marschierten zu Viert und Fünft, Arm in Arm, nebeneinander. Ihre Gesichter waren begeistert.

„Heil Dir im Siegerkranz!“...

Hurrah! Es winkte aus den Fenstern. Tücher wehten. Inge Tillesen überlief ein Schauer. Ihre Augen wurden feucht. Sie wandte sich um. Sie sah wieder die vergnüglichen Zahnreihen der Yankees. Die spöttische Neugier der Italiener, das stechende Auge der Franzosen, das freche und belustigte Lächeln einiger junger Lawn-Tennis-Engländer. Auf einmal durchzuckte es sie: Das sind ja Alles unsere Feinde! Alle... Alle! Die ganze Welt! Und war es schon lange...

„Lachen Sie nicht!“