Als er mit der hochmütigen Andeutung einer Verbeugung das Zimmer verlassen hatte, setzte sich Inge Tillesen wieder an den Tisch und schrieb weiter:
„...Ich wurde eben unterbrochen. Ein Stück Halbasien kam herein. Die Unkultur auf zwei Beinen, das heißt äußerlich natürlich höchst elegant und also um so unverschämter. Ich mache eben das Fenster auf. Er hat so einen merkwürdigen Geruch von Zigaretten, Kölnisch Wasser und ganz feinem Juchten hinterlassen.
So! Also, lieber Freund, hier merkt man nicht das Geringste von Truppenbewegungen. Überall Ruhe. Tiefster Friede. Aber sonst ein Land, von dem man noch nach Jahren im Traum Alpdrücken kriegen kann. Es bestärkt Einen zum Glück in seiner Anschauung. Es ist die Verläugnung jeder Freiheit. Und Sie wissen, wie sehr ich für die Freiheit jedes Menschen bin! Der Mensch ist, nach meiner Meinung, in erster Linie für sich selber auf der Welt!
Das ist ja der alte, ewige Streit zwischen uns, seit ich aus Amerika zurück bin. Ich hab’ so gar keine Hoffnung mehr, daß wir da je zusammenkommen können! Sie schreiben: Im Wort ‚Pflicht‘ steckt das Wort ‚Ich‘ darin. Ich schreibe wieder: Für mich fangen Freiheit und Frau mit denselben Buchstaben an. Natürlich giebt es Pflichten. Aber selbstgewählte. Keine überkommenen. Keinen Zwang. Da draußen reiten eben wieder die Kosacken.
Über solchen Unterschied in der Weltanschauung kann man sich die Finger wund schreiben und bleibt doch auf demselben Standpunkt: Sie auf Ihrem: ‚Ich dien‘! und ich auf meinem: ‚Ich bin ich!‘ Wir müssen uns jetzt einmal endgiltig aussprechen, wenn Sie nach Ostern auf Urlaub zu Ihren Eltern nach Wiesbaden kommen. Ich bestehe darauf. Es geht so nicht weiter. Mit uns Beiden nicht. Für heut Schluß. Ich habe keine Zeit mehr. Sie sehen, ich lade mir freiwillig Verantwortung genug auf. Ich muß jetzt meinen Vater mobil machen, daß er nach seinem russischen Krösus sieht. Wir haben ihn glücklich durchgebracht! Also bald auf Wiedersehen in Wiesbaden.
Ihre
Inge Tillesen.“
Sie schrieb die Adresse: ‚Herrn Hauptmann Paul Isebrink, Berlin, Alt-Moabit 330‘ und hielt das Schreiben in der Hand, während sie ihren Vater zu dem nahen, über Hütten und Holzpalästen sich auftürmenden Wolkenkratzer des Kaufmanns Erster Gilde Krupensky begleitete. Die breite Twerskaja war noch zu Ehren der Anwesenheit des Zaren in der von der Polizei vorgeschriebenen Zahl und Art der Fahnen beflaggt, ebenso wie die Iljinka und Morossejka, die Warwarka und die anderen Verkehrsadern, die Nicolaus II. auf dem Weg zum Nowgoroder Bahnhof möglicherweise wählen konnte. Dazwischen waren große, ganz schmucklose Straßenzüge. Der Befehl an die Dworniks zum Aushängen der Landesfarben war wie immer strichweise gleich einem Hagelschlag gegangen. Wieder läuteten nah und fern die Glocken der unzähligen Kirchen und Klöster einen der unzähligen Feiertage ein. Beter knieten an den Straßenecken, das bärtige Gesicht nach irgend einem unsichtbaren Heiligtum gewendet, eine krankhafte byzantinische Frömmigkeit fieberte in der sturmerfüllten kalten Frühlingsluft. Der Geheimrat Tillesen sah gedankenvoll auf diese Kosacken und Popen, Tschinowniks und Muschiks.
„Wann waren wir eigentlich zuletzt unterwegs, Inge?“
„Vorigen Herbst, Vater. In Madrid!“